Interview mit Gunnar Solka, 2020 Volksstimme
„Wir teilen sicher nicht unseren Geschmack“
Gunnar Solka über seine Rolle als Friseur „Lotti“ in Deutschlands Kultserie „Lindenstraße“, seine altmärkische Heimat und Freundschaften
Seit 2004 ist der gebürtige Osterburger Gunnar Solka als Friseur Peter „Lotti“ Lottmann in der ARD-Kultserie „Lindenstraße“ zu sehen. Am Sonntag läuft die letzte Folge. Donald Lyko sprach mit dem 49-Jährigen über das Besondere seiner Rolle, den Drehalltag und Zukunftspläne.
Volksstimme: Seit April 2004 gehören Sie zum Hauptcast der „Lindenstraße“. Wie sind Sie zur Rolle gekommen?
Gunnar Solka: Ich spielte damals in München Theater. Agenten der Zentralvermittlung Bühne-Film-Fernsehen haben eine Vorstellung gesehen und mich dem „Lindenstraße“-Besetzer Horst D. Scheel vorgeschlagen. Der wählte mich aus, lud mich nach Köln ein, und nach zwei Castings hatte ich die Rolle.
War es etwas Besonderes für Sie, Teil der deutschen Serie zu sein, oder auch „nur“ ein Schauspieljob?
Schon etwas Besonderes. Wie Sie wissen, war ich vor meinem Schauspielstudium Journalist. Ich wollte immer gesellschaftspolitisch arbeiten in einer Gemeinschaft, die sich gegenseitig inspiriert. Und das konnte ich im „Lindenstraße“-Team. Ich konnte hinter dem stehen, für das diese Serie steht. Eine solche Insel zu finden, bleibt etwas ganz Besonderes.
Damit meinen Sie sicher, dass die „Lindenstraße“ immer gesellschaftlich „heiße Eisen“ angepackt hat. Sehr früh zum Beispiel das Thema Homosexualität, das mit Ihrer Rolle als schwuler Friseur „Lotti“ präsent war und in der „Lindenstraße“-Geschichte immer mit Georg Uecker verbunden bleiben wird.
Stimmt. Darum war bereits das erste Zusammenspiel mit Georg Uecker für mich etwas Besonderes. Er hatte 1990 wegen des ersten schwulen Kusses im deutschen Fernsehen in seiner Rolle Carsten Flöter Morddrohungen erhalten. Als „minderwertiges Leben vergast“ werden solle er, „weil Hitler ihn vergessen“ habe. Neben solchen Angriffen gab es Post von „besorgten“ Eltern, die sich beschwert haben, dass ihre Kinder „das“ sehen.
„Das“ gab es dann rund 15 Jahre später auch von Ihnen und Georg Uecker zu sehen…
Georg und ich haben uns einige Male in der Serie geküsst, auch im Bett – damit die heutigen Kinder es als Alltäglichkeit sehen, Eltern ihnen erklären können, dass auch ein Mann einen Mann lieben kann, ganz selbstverständlich. In einer Folge durfte „Lotti“ einmal klar Stellung beziehen gegen „besorgte“ Eltern aus dem rechten Kreis der „Demo für alle“ – ermuntert von der Figur Gabi Zenker, bei der „Lotti“ damals wohnte. Gerade in Zeiten, in denen rechte Kräfte sich als angebliche Kinderschützer gegen Aufklärung und Pluralismus einsetzen, ist das wichtig. Es gibt keine Familienserie, in der Diversität so gezeigt wird wie in der „Lindenstraße“.
Sehen Sie darin auch einen Grund dafür, dass die Serie am Sonntagabend mehr als 34 Jahre so erfolgreich war?
Ja, denn die „Lindenstraße“ ist politisch und humanistisch. Sie stellt Zusammenhänge zwischen ihren Figuren und der gesellschaftlichen Situation dar. Und das aus dem Alltag heraus in den Alltag hinein, oft dröge und sperrig, nicht leicht konsumierbar wie etwa in einer Soap. Das war einmalig. Die Zuschauer konnten dank Figuren wie Benno Zimmermann oder Helga Beimers Enkelin Lea Menschen mit HIV kennenlernen oder Familien mit behinderten Angehörigen. Selbst wenn es Themen sind, die den Zuschauer gerade nicht beschäftigen, erinnert er sich später daran. Familie wird nicht im klassischen Modell gelebt: Die „Lindenstraße“ hat die Gesellschaft als Familienmodell gezeigt, hat die Menschen ermutigt, dass sie auch gegen gesellschaftliche Normen leben können. Die Lösungen sind oft idealistisch: mit gegenseitiger Solidarität. Ich habe von vielen gehört, dass sie oder ihre Kinder durch die „Lindenstraße“ sozialisiert wurden.
Und die Serie hat sich immer mit gesellschaftlich brisanten und politischen Themen beschäftigt oder das Thema erst als solches gesetzt.
Richtig, und dabei keine gerichtliche Auseinandersetzungen gescheut, etwa als der CSU-Politiker Peter Gauweiler wegen seiner Forderung nach Internierung von HIV-Infizierten in der Serie als Faschist bezeichnet wurde. Gauweiler verlor seine Klage. Ein Dauerthema neben Homosexualität und Geflüchteten sind Rechtsextremisten: Rechte Figuren wie Onkel Franz hatte die Serie von Anbeginn, und es gibt Figuren wie Klaus oder Lea, die sich darin verirrten und wieder herausfanden. Und wir hatten die Figur eines als AfD-Politiker erkennbaren NAP-Bundestagskandidaten.
Wenn ich kurz unterbrechen darf: Besagter NAP-Kandidat wurde von Daniel Aichinger gespielt, der einige Jahre am Theater der Altmark war? Kannten Sie sich von damals?
Daniel war 1996 als Schauspieler nach Stendal gekommen, als ich bereits auf der Schauspielschule war. Er übernahm neben einem Weihnachtsmärchen auch meine Rolle im Stück „Gott“, für die ich einige Male noch aus München zurückgekehrt war. Ich hatte Heimweh nach dem TdA und vermisste einige der Schauspieler. Daniel war der Mitbewohner eines Freundes, dort lernte ich ihn kennen. Ein anderer aus dem damaligen Ensemble, Rupert Schieche, spielte einige Jahre den „Akropolis“-Kellner Ferdinand und war Kinder-Coach der „Lindenstraße“. Und letzten Sonntag hatte Martin Müller-Reisinger seinen Serientod als Wolf Lohmeier. Ihn kannte ich auch noch vom TdA.
Sie wollten noch etwas zum Dauerthema Rechtsextremismus sagen.
Nur noch ergänzen, dass wir uns jetzt zum Ende neben der AfD mit rechten Netzwerken innerhalb der Polizei beschäftigt haben. Inzwischen sitzen in Deutschland Faschisten in den Parlamenten. Zeitgemäßer ist keine andere Langzeitserie. Dass es unmöglich ist, mit Rechten zu reden, erleben wir in den Talkshows, denn diese Rechten sind zu keinem Diskurs bereit. In der „Lindenstraße“ wurde dank der Figuren über sie geredet, was ich verantwortungsvoller finde, als sie in Talkshows ihre Hetze und Lügen verbreiten zu lassen.
Aktualität war immer wichtig. Eine Szene pro Folge wurde erst kurz vor Ausstrahlung gedreht oder im Radio liefen Nachrichten des Tages.
Ja, jetzt würde sich die „Lindenstraße“ mit Corona auseinandersetzen. Eine solche Serie wird es nicht wieder geben und ist auch nicht in Sicht. Eine Serie, die mit ihren fiktionalen und dramatisch verdichteten Alltagsgeschichten ein soziologischer und politischer Spiegel unserer Gesellschaft ist und vor allem ein emotionaler. Zurück noch einmal zur Ihrer Rolle als „Lotti“. Was hat Ihnen daran gefallen?
Normal ist in der „Lindenstraße“ keine der Figuren, doch der Stil der Figuren ist alltäglich. „Lotti“ war, wie es die taz einmal geschrieben hat, ein Paradiesvogel. Wenn jemand schrill ist, entsteht oft der Eindruck von Oberflächlichkeit. Doch „Lotti“ war nicht angepasst. Dieses Laute war eine „Flucht voraus“, wie „Lotti“ einst Carsten gestanden hat. Mit leisen Tönen, auch bei einer Depression der Figur, gegen sein buntes Außen anzuspielen, war schon eine Herausforderung. Und „Lotti“ musste polarisieren. Das blieb das Spannende, denn das regt beim Zuschauer zu Gesprächen an.
Wie konnten Sie sich in die Figur einbringen?
Das konnte ich mich allein als Schauspieler, verletzlich bleiben auch bei der x-ten Klappe. Nicht nur in seiner Depression habe ich „Lotti“ ernst genommen. Und nicht zu vergessen sind die von Ihnen schon angesprochenen Aktualisierungen. Meine erste Aktualisierung war „Lottis“ Kommentar nach dem Tod von Papst Johannes Paul: „Naja, ich hab’s ja nicht so mit den Katholen“ und sein: „Hoffentlich wird’s jetzt nicht der Ratzinger“.
Wie viel von Ihnen steckt in „Lotti“ oder umgekehrt?
Wir teilen sicher nicht unseren Geschmack und haben eine andere Vorstellung von Selbstsicherheit. Vor einer Menschenmenge als Bass-Bariton ein Lied von Boy George zu singen, wie es „Lotti“ 2004 tat, würde ich mir nicht zutrauen. Und auch eine Rede auf ein Hochzeitspaar halten wie Peter Lottmann bei Tanja und ihrer Ex Suzanne, könnte ich nicht. Da schützt die Rolle, und es klappt. Zweimal habe ich tatsächlich „Lottis“ Schlagfertigkeit genutzt, vielleicht war es auch nur Adrenalin und es kam doch aus mir selbst. Ich habe ihm irgendwann meinen Dreitagebart mit in die Arbeit gebracht; der ist auf jeden Fall von mir.
Viele Zuschauer denken, ein „Lindenstraßen“-Darsteller macht nur das. Wie sahen die Dreharbeiten pro Staffel aus?
Das hing von den Storylines und der Aufnahmeleitung ab. Manchmal konnten es an einem Tag fünf Szenen sein, oder aber ich drehte am Dienstag ein Bild und am Donnerstag zwei. Oder das Pensum für einen Monat wurde in zwei, drei Tagen abgedreht. Manchmal kam es vor, dass ich gerade in Berlin angekommen war und gleich zurück nach Köln durfte, weil am Freitag eine Aktualisierung gedreht wurde. Zum Glück kam jeden Monat das gleiche Gehalt, der große Vorteil eines solchen Vertrages. Da nie chronologisch gedreht wird, hatte ich wegen der Anschlüsse etwa ein halbes Jahr einen Schnauzbart. Es gibt auch eine Folge, in der ich abwechselnd eine Bindehautentzündung habe, in der nächsten Szene ist die rote Matschauge-Schwellung weg und dann – autsch – wieder da.
Welchen Projekten konnten Sie sich noch widmen?
Nach einem Jahr pendeln zwischen „Lindenstraße“ in Köln und Theater in München war es mir wichtig, in Berlin zu wohnen. Darum habe ich das Theater damals aufgegeben. Vor einigen Jahren habe ich an einer Akademie in Eberswalde und Hennigsdorf syrische Geflüchtete unterrichtet: „Deutsch für Ausländer“. Das waren heterogene Klassen von etwa 20 Schülern und für mich ein besonders wichtiger Lebensabschnitt. Da die „Lindenstraße“ immer Geflüchtete thematisiert, blieb ich so dem Anliegen der Serie verbunden. Eine meiner Kolleginnen an der Akademie war Sara Turchetto, mit der ich in der „Lindenstraße“ spielte. Sie ist seit 1998 die Marcella Varese. Und noch einen Bezug zur „Lindenstraße“ gab es. Aus deren Hilfsfonds habe ich Geld bekommen, mit dem wir einen Anwalt bezahlen konnten, als eine meiner Schülerinnen Gefahr lief, abgeschoben zu werden.
Und wie sah es mit der künstlerischen Arbeit aus?
Ich war an gesellschaftspolitischen Projekten beteiligt. Das begann mit Konsumkritik und genderpolitischen Performances. Letztes Jahr lief unser Kurzfilm „Life“ als Vorfilm beim Human Rights Film Festival in Berlin. Der wie ein Werbespot beginnende Kurzfilm zeigt den Umgang unserer Gesellschaft mit dem Sterben im Mittelmeer. Wir hatten ihn mit Benjamin Gesing als Kollektiv 3-11-12 produziert und von allen Seiten Hilfe: Bekannte Schauspieler wie Anja Karmanski oder Komi Togbonou und ein Team ohne Gagen, Drehort ohne Motivmiete, ein Boot, Catering, Hilfe von SOS Méditerranée und anderen Organisationen. Der Kreis zur „Lindenstraße“ schließt sich hier nicht nur im Punkt des miteinander etwas Erreichens, es sind auch drei Schauspieler aus der Serie in diesem Social Spot zu sehen: Felix Kusser, der die Gastrolle Josch Bergmann spielt, Sara Turchetto und ich.
Wie und wann haben Sie davon erfahren, dass die „Lindenstraße“ abgesetzt werden soll?
Am Morgen des 16. November 2018 hatte ich eine E-Mail von unseren Produzenten Hana und Hans Geißendörfer im Postfach. Als ich Freunden Bescheid geben wollte, wussten die es bereits über das Internet. Viele Artikel gegen die Absetzung und die Aufnahme der „Lindenstraße“ ins Museum der Deutschen Kinemathek Berlin halfen über die Fassungslosigkeit ein wenig hinweg.
Wann war Ihr letzter Drehtag?
Am 20. Dezember. Es wurde eine Weihnachtsfeier, die am Vormittag in den Außenkulissen der „Lindenstraße“ endete. Durften Sie vom Set ein Erinnerungsstück mitnehmen? Wenn ja, welches?
Drei Kleidungsstücke, die nicht sehr „Lotti“-typisch sind und die ich inzwischen häufig trage. Und ein T-Shirt mit der Aufschrift „…denn Herr Lotti sucht das Glück“.
Was werden Sie am meisten von der „Lindenstraße“(-Zeit) vermissen?
Den vertrauten Umgang miteinander. So etwas muss erarbeitet werden und kommt so nicht wieder, ein familiäres Arbeiten über einen so langen Zeitraum. Haben sich in den Jahren auch private Freundschaften zu Kollegen entwickelt?
Eine sehr enge Freundschaft hat sich mit Sybille Waury, die meine Friseursalon-Mitinhaberin Tanja Schildknecht spielt, entwickelt, die in Berlin nur fünf Minuten entfernt wohnt. Ich habe ihre Töchter aufwachsen erlebt, das ist eine sehr enge Bindung. Ebenso zu meinen Schauspielkollegen Sara Turchetto und Georg Uecker, Freundschaften, die mein Leben weiterhin beeinflussen. Allein in Berlin wohnen mehrere Kollegen, die ich hin und wieder sehe.
Wie geht es jetzt weiter? Welche Projekte stehen an?
Ich bin gerade in einer Weiterbildung für professionelle Schauspieler: Mikrofonsprechen, Synchron und Tonregie. Gerade habe ich mich in einem Kurzfilm selbst nachsynchronisiert, und meine Lehrerin fand die Arbeit daran gelungen. Mit der Pandemie ist der Unterricht vorerst ausgesetzt und beschränkt sich auf Online-Hausaufgaben. Einer meiner Mitschüler dort ist Martin Walde, als Transsexueller „Sunny“ in den letzten Jahren einer meiner Spielpartner in der „Lindenstraße“. Ansonsten bin ich weiter an gesellschaftspolitischen Projekten beteiligt und bereite gerade eines mit vor für den öffentlichen Raum, eine Installation. Was ansonsten kommt, bleibt abzuwarten.
Sie haben Ihre Schauspielkarriere am Theater der Altmark begonnen. Wäre eine Rückkehr, vielleicht für eine Produktion, eine Option?
Ich treffe mich immer noch mit einigen TdA-Leuten von damals, die inzwischen in Berlin und Karlsruhe leben und arbeiten. Wenn sich mal etwas als Gast in einer Produktion ergeben könnte, wäre es ein schönes Wiedersehen.
Kommen Sie denn privat noch regelmäßig in die Altmark?
Ich besuche oft meine Eltern und meinen Bruder. Und ich genieße immer wieder das Schwimmen in der Biese oder eine Tour zum Krumker Park.
Schauen Sie sich am Sonntag ab 18.50 Uhr die letzte „Lindenstraße“-Folge daheim an oder andernorts mit Freunden, Kollegen und/oder Fans?
In Köln wollten wir Lindensträßler die letzte Folge bei einem Abschiedsfest gemeinsam schauen. Das ist nun abgesagt wie auch zwei Diskussionsrunden für die Rosa-Luxemburg-Stiftung zur „Lindenstraße“. Ob ich die letzte Folge mit Freunden oder daheim vor dem Fernseher schaue, hängt von der aktuellen Ausgangsbeschränkung am Sonntag ab.
