Rendezvous in Paris

Claude Jade, Rendezvous in Paris, Rendez-vous à Paris, Barry Stokes, Harald Kuhlmann, Gabi Kubach, Vicki Baum, Bavaria FilmkunstRendezvous in Paris  (Rendezvous in Paris / Rendez-vous à Paris)
BRD/Frankreich 1981/1983  Regie: Gabi Kubach  Buch: Gabi Kubach nach dem Roman von Vicki Baum  Kamera: Helge Weindler  Musik: Paul Vincent Schnitt: Rolf Basedow  Kostüme: Simone Bergmann, Jan Kropáček Szenenbild: Hans Gailling, Karel Vacek, Oldrich Okác Maske: Peter Knöpfle, Josef Lojik, Friedel Hohenberger Kameraassistent: Bohumil Rath Ton: Miroslav Hurka Regieassistenz: Elmar Klos, Henner Dobrick Produzenten: Matthias Wittich, Susi Dölfes, Jan Kadlec  Produktion: Bavaria Filmkunst, FR3  FA: 11.12.1982 DA: 25.12.1983

Darsteller: Claude Jade (Evelyne Droste), Harald Kuhlmann (Kurt Droste), Barry Stokes (Frank Davis), Verenice Rudolph (Marianne), Barbara Morawiecz (Frau Rupp), František Peterka (Herr Rupp), Chantal Bronner (Mlle Michele), Nina Divíšková (Gouvernante), Marie Horáková (Veronika), Gunther Malzacher (Herr von Schlieffen), Olga Valéry (Selma Rabbinowitz), Nelly Gaierová (Witwe Ohnhausen), Ludvik Pozner (Herr von Eckhardt), Helena Žaludová (Clärchen), Monika Ricanková (Bärchen), Raoul Guylad, Jirí Prýmek, Viktor Maurer, Eva Jirousková u.a.

Berlin 1930. Die mit einem Landgerichtsrat verheiratete Evelyne Droste begegnet dem Amerikaner Frank Davis. Die überbehütete Frau verliebt sich in den Abenteurer und folgt ihm heimlich nach Paris… Nach René Cléments Version von 1950 mit Michèle Morgan die zweite Verfilmung des Romans von Vicki Baum.

Eine zerbrechliche Frau, überbehütet und einsam in ihrer Ehe, erblüht nach der Begegnung mit einem Abenteurer.

Gern stellt die Boulevardpresse für ihre  Leserschaft scheinbar naheliegende Bezüge her zwischen einer Rolle und dem Schauspieler oder der Schauspielerin.
Anfang der 1980er spielte Claude Jade mehrere starke Frauen und zwei zerbrechliche: neben der depressiven Gisèle in „Nous ne l’avons pas assez aimée“ ist es die Evelyne in „Rendezvous in Paris“, ihrem einzigen deutschen Film.
Und rasch entsteht ein Artikel wie „Claude Jade – Frau mit zarter Seele“, der damit beginnt, „Claude Jade (35), behütete Professoren-Tochter aus Dijon, verkörpert die Zerbrechliche auch in ihren Rollen.“

                                                                   Zerbrechliche Wunderbiene im bundesdeutschen Boulevard

Einer der ersten Artikel zu Claude Jade in einem Boulevardblatt der BRD erschien etwa zehn Jahre vor ihren Dreharbeiten zu „Rendezvous in Paris“.
Wer die Damen „Denevue“ und „Badot“ sind, kann der Leser des deutschen Boulevard erraten. Der Rest ist der typische frauenfeindliche Müll dieser Art Blätter. In diesem vor Geilheit triefenden Artikel versucht ein vermutlich arbeitsbedingt abwesender Ehemann, seines Zeichens Klatschblatt-Schmierfink, eine Annäherung zwischen Sexidol-Filmer Roger Vadim und Frauenfilmer François Truffaut. Ersatz wird für ein Erotik-Idol wird hier in der Provinz gefunden, so denn ein legendäres Pariser Theater, an das bereits Romy Schneider vor ihrem deutschen „Sissi“-Image floh, für diesen sexuell aufgeladenen Schreiber als Provinz gilt. Er schwafelt über eine hochbegabte junge Schauspielerin, sie solle „unter Truffauts Händen zu  rosigem Gänseblümchen-Sex erblühen“. So eine „steckt“ man doch alsbald in eigene Produktionen. Und Truffaut kümmert sich in Hyères angeblich persönlich um das Wohlergehen seiner „Wunderbiene“. Da hatte ein deutscher Schreiber einmal mehr vordergründigen Sex im Auge (und weiß der Himmel, wo noch).
Claude Jade lehnte in dieser Zeit neben Édouard Molinaros „Zärtliche Wünsche“ auch einen deutschen Film ab, da ihr die Nacktheit darin falsch motiviert erschien.

Hat die Wunderbiene jenseits von Gänseblümchen-Sex nun seit langem nicht gedreht? Ist sie zu zerbrechlich? Als  „Rendezvous in Paris“ Weihnachten 1983 seine deutsche Erstausstrahlung hat, meldet die Funk-Uhr, dies sei Claude Jades erste TV-Rolle nach langer Zeit. 1983 lebte sie bereits auf Zypern und drehte tatsächlich etwas weniger: Hauptrollen in „Une petite fille dans les tournesols“ und im italienischen Vierteiler „Voglia di volare“. Die Zeit, in der „Rendezvous in Paris“ entstand, waren die  Jahre in Moskau, in denen sie viel gedreht hatte: sieben TV- und drei Kinofilme. Besonders albern ist auch der sich auf ihr Privatleben beziehende Rest des kleinen Artikels „Claude Jade – Frau mit zarter Seele“ aus dem Springer-Verlag.

Die Funk-Uhr schrieb natürlich Quatsch:
Dass Annie ihre jüngere Schwester nach Hollywood begleitete, lag simpel daran, dass Claude damals minderjährig war. Und eine „solche Angst“ hatte sie bei der Zeit mit Hitchcock für die Arbeit zu „Topas“ gewiss nicht, nachzulesen hier: Hitchcock Topaz.
„Ehemann hermetisch abgeschirmt“ sieht angesichts der Zeitungsberichte über Claude Jade und ihren Ehemann Bernard Coste anders aus. Ihre einstige Beziehung zu François Truffaut hielt sie geheim, doch Bernard war in zahlreichen Artikeln an ihrer Seite, regelmäßig wurde über das Paar berichtet, auch zu der Zeit, als sie in Moskau lebten und „Rendezvous in Paris“ entstand.
Truffaut selbst hatte es allerdings zeitlebens vorgezogen, Bernard nicht zu begegnen, wie Claude Jade später in ihren Erinnerungen „Baisers envolés“ schrieb. (s. Truffauts Brief März 1972)

RENDEZVOUS IN PARIS

Claude Jade und Harald Kuhlmann als Evelyn und Kurt Droste in „Rendezvous in Paris“

„Rendezvous in Paris“ entsteht in der Tschechoslowakei in Prag und Umgebung, München und Paris. Und um es nach der erwähnten Absage zu einem deutschen Film Anfang der 1970er wegen spekulativer Nacktheit vorwegzunehmen: in dem Film nach Vicki Baums feministischem Roman ist sie zweimal nackt zu sehen, unspektakulär natürlich. 30 Jahre zuvor hatte René Clément den Stoff mit Michèle Morgan, Jean Marais und Jean Servais adaptiert. Regisseurin der Neuverfilmung ist Gabi Kubach, damals für Filme emanzipatorischer Inhalte bekannt: „Das Ende der Beherrschung“ wurde 1977 von der Frauenbewegung gefeiert. Kubach adaptierte den aus drei Blickwinkeln erzählten Roman auf eine durchgehende Ebene. Der Film, für den Kameramann Helge Weindler exzellente Bilder findet, wird mit einem Team gedreht, das fast nur aus Tschechen besteht.

Claude Jades Filmpartner

Claude Jades Partner in weiteren Hauptrollen sind ein Engländer und zwei Deutsche: Den amerikanischen Verführer Frank Davis spielt der Brite Barry Stokes. Bekannt wurde Stokes mit Juan Antonio Bardems „Maske des Grauens“ und Jacques Demys „Lady Oscar“. Harald Kuhlmann, der Kriminalkommissar Walter Moeding aus Volker Schlöndorffs „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, spielt ihren Ehemann Kurt und die Münchner Schauspielerin und spätere Regisseurin Vérénice Rudolph ist Evelyns Freundin Marianne.

Freundinnen im Berlin der 1930er Jahre: Marianne (Vérénice Rudolph) und Evelyn (Claude Jade)

Verena „Vérénice“ Rudolph, Jahrgang 1951, ist Absolventin der Münchner Otto-Falckenberg-Schule. Auf Engagements in Wuppertal und am Berliner Schillertheater folgt 1976 die weibliche Hauptrolle in Alexander Kluges „Der starke Ferdinand“: Als Kantinenangestellte Gertie, die sich durch Diebstahl ein eigenes Taxi finanzieren will, wird sie vom Antihelden (Heinz Schubert) erpresst. Es folgen die Titelrolle in „Elfriede“ und die Ärztin Sabine in Margarete von Trottas Film „Die bleierne Zeit“. Später wechselt sie ins Regie-Fach und erhält für ihr Debut „Francesca“ 1987 den Max-Ophüls-Preis und das Filmband in Gold.

Harald Kuhlmann, Jahrgang 1943, hat sein erstes Engagement am Theater in der Josefstadt. Als die Berliner Schaubühne 1970 neu formiert wird, ist er Gründungsmitglied des Mitbestimmungstheaters und als die  CDU der  „kommunistischen Zelle“  die Subventionen streichen lassen will, spielt er bei Peter Stein in „Die Mutter“, „Peer Gynt“ und „Fegefeuer in Ingolstadt“. Später spielt er am Deutschen Theater, am Schauspielhaus Zürich und am Schauspiel Frankfurt (als Königin Gertrud neben Martin Muttke in „Hamlet“). Im Kino unter anderem als Jakob Degen neben Tilo Prückner in „Der Schneider von Ulm“ bekannt, schreibt Harald Kuhlmann auch eigene Theaterstücke.

Barry Stokes, Jahrgang 1944, spielte seit 1964 in Fernsehserien. Bereits in seinem Filmdebüt als Vagabund Barney in Juan Antonio Bardems „La corrupcíon de Chris Miller“ (Maske des Grauens, 1973) ist er der für sexuelle Verwirrung sorgende schöne Eindringling. Auch als Titelheld in „The Ups and Downs of a Handyman“ verwirrt er einige Frauen und als außerirdischer Antiheld Kator variiert er diese Rolle makaber in „Prey“ (1977). Romantisch zeigt sich Stokes als André Grandier in Jacques Demys Revolutionskitsch „Lady Oscar“. Somit war er bestens gewappnet, Claude Jade in „Rendezvous in Paris“ zu verführen.

Nina Diviskova, Helena Zaludova, Claude JadeNina Divíšková (1939), die das Kinderfräulein spielt, beginnt ihre Fimkarriere 1967 im deutschen Film „Der sanfte Lauf“: Sie und Ehemann Jan Kačer spielen ein Paar. Im tschechischen Kino etabliert sie sich mit der größeren Nebenrolle der Ottilie im Horrofilm „Morgiana“ (1972). Ihre bekanntesten Filmrollen sind die Stationsschwester im Kinderfilm „Schäfchenzählen“ (1982) und die Elizabeth Peachum in Jiri Menzels Verfilmung der „The Beggar’s Opera“ (1991) .

Mimosen statt Rosen: Marie Horáková spielt Veronika, das Dienstmädchen der Drostes. Die 1959 geborene Tschechin wurde nach ihrer Rolle als beste Freundin der Heldin in „Fräulein Robinson“ als Märchen-Prinzessin bekannt: als Ruzenka in der „Dornröschen“-Variante „Wie man Prinzessinnen weckt oder Wie man Dornröschen wachküsst“ (1978) von Václav Vorlíček. Später wurde sie Sängerin der Rockband Dybbuk und nannte sich Marka Miková.

Gunther Malzacher (1929-1995) ist Evelyns Reisebegleiter von Schlieffen, der im Roman Herr von Gebhardt heißt.   Der Schauspieler, der auf der Bühne Hamlet und Franz Mohr spielte und als Regisseur und Autor arbeitete, hatte 1977 seine bekannteste Filmrolle ebenfalls auf einer Reise in den Tod: in Niklaus Schillings „Rheingold“ ersticht er seine Frau im titelgebenden Zug und rast diesem im Taxi hinterher, um seine Tat ungeschehen zu machen.

Mit Olga Valéry (1903-2002) als Evelyns Reisebegleiterin Selma Rabbinowitz gelang eine Verbindung zur Zeit der Handlung. Die Ukrainerin reiste damals selbst nach Paris, wo sie zunächst als Tänzerin im Moulin Rouge auftrat. In den 1930er  Jahren spielte sie Hauptrollen in Operetten wie „Les Soeurs Hortensias“ (1934) und neben Fernandel in „Le rosier de Madame Husson“ (1937) und im Film: als Mado neben Adolphe Menjou in „Mon gosse de père“ (1930) und als Michel Simons Frau Clémence in Jean Renoirs „On purge bébé“ (1931). Später folgen  Gastauftritte wie die Gräfin in „Der Engel, der ein Teufel war“ (1957) und die Dame mit Dildo in „Nachtblende“ (1974).

Olga Valéry mit Claude Jade in „Rendezvous in Paris“. Unten links 1934, daneben: Karikatur im Paris Soir zu „Le Rosier de Madame Husson“, 1937

Saubere Adaption

Im Roman retardiert die Handlung immer wieder durch die drei Perspektiven.
Dienstag: Er  Er hörte, dass sie etwas sagte, aber er konnte es nicht verstehen, weil die kleine Kapelle eben daran war, viel leidenschaftlichen Saxofonlärm zu machen. Sie wiederholte es: „Noch zwanzig Minuten – dann fährst du fort – und ich sehe dich nie wieder.“
Dienstag: Sie „Noch zwanzig Minuten – und dann fährst du fort – und ich sehe dich nimmer wieder“, sagte sie und merkte, dass sie deutsch geredet hatte. „Noch zwanzig Minuten – und dann fährst du fort – und ich sehe dich nie mehr wieder“, wiederholte sie auf Englisch.
Gabi Kubach stellt sich der reizvollen Herausforderung der drei Blickwinkel und meistert sie vor allem durch eine sensible Schauspielführung.

                 „Du bist wie eines von diesen Paketen, auf denen oben und unten und überall herum geschrieben steht: Vorsicht, Glas, zerbrechlich.“
„Evelyn war schwindlig, ihr war immer schwindlig, wenn sie tanzte, und der Doktor hatte viel dagegen einzuwenden.“ (Dienstag: Sie)
„Evelyns Haar schwebte unter seinem Mund, blondes Haar, ein stumpfes Blond mit einem Schein wie Zinn, nicht leuchtend, aber echt.“ (Dienstag: Er)
„Du weißt gar nicht, dass ich sterben werde, sobald das vorüber ist, dachte sie.“ (Dienstag: Sie)

„Sie bettete ihren Kopf an seine Schulter. Wie tief vertraut ihr der Geruch von Lavendel und Zigaretten geworden war, der allen Dingen anhaftete, die Frank gehörten.“

Gabi Kubachs Film fügt die einzelnen Sichtweisen – Sie, Er, der Mann – über die Zeit von Dienstag bis Sonnabend zusammen und hält sich zum Großteil an die Dialoge aus Baums Roman. Für den Dienstag im Tennisclub Halensee und seine Rückblenden zum Kennenlernen Evelyn und Frank ist allein Evelyn die Identifikationsfigur, nur die Ungeduld in Franks Blick zeigt dessen Perspektive.

„Wenn ich Sie jetzt küssen würde, würden Sie rot werden wie ein Schulmädchen.“ Claude Jade, Bary Stokes im Tennis-Club Halensee

Die Zigaretten

„Wie tief vertraut ihr der Geruch von Lavendel und Zigaretten geworden war, der allen Dingen anhaftete, die Frank gehörten.“ Für eine Sehnsucht nach diesem vertrauten Geruch erfindet Gabi Kubach ein Geschenk, das im weiteren Verlauf bis zum Ende des Films immer wieder von Claude Jade benutzt wird: Franks Zigaretten. Nach dem ersten Stelldichein in einem Badehaus schenkt Evelyn Frank zur Erinnerung eine Anstecknadel in Form eines Miniatur-Tennisschlägers. Später beim Abschied am Bahnhof reicht Frank ihr eine Packung amerikanischer Zigaretten, die nun immer wieder auftaucht. Gibt es im Roman die alte Gewohnheit zwischen den Freundinnen, dass Evelyn im Auto Mariannes Zigaretten anraucht und sie dann der Fahrerin in den Mund steckt, holt Evelyn diese nicht aus der Seitentasche, wo Frank sie im Roman vergessen hat, sondern nimmt sie aus jener Schachtel mit amerikanischen Zigaretten, die er ihr geschenkt hat.


„Franks amerikanische Zigaretten. Sie saß einen Augenblick reglos, mit der unangezündeten Zigarette im Mund, als ob sie auf etwas horche.  Die Halenseer Brücke. Unten waren noch die Schienenstränge, und draußen blinkte der Funkturm wie zuvor, und Frank war nicht mehr da. Evelyn nahm den Anzünder und atmete den Geschmack der Zigarette ein; es war wie eine tief verbotene Liebkosung.“

Während Frank in Paris den Miniatur-Tennisschläger anschaut, greift Evelyn in Berlin zur Zigarettenschachtel mit der Sehnsucht nach Franks Geruch. Kurz darauf ruft Frank an. Und Evelyn kann das schwierige Unterfangen, die Gasrechnung zu bezahlen, nicht vollenden.

« Wenn ich den Postscheck ausfülle und in der Früh auf dem Schreibtisch lasse – wirst du ihn an die Gasgesellschaft abschicken? » Evelyn überlegt sich das und es erschreckte sie. Es schien ihr ein kompliziertes und verantwortungsvolles Geschäft.  « Ich glaube nicht », sagte sie schließlich. Gas oder kein Gas – es war ihr vollkommen gleichgültig. “

„Sie nahm die Zigarette aus seinem Mund und machte drei heftige Züge daran. « Du hast Wimpern wie ein Gigolo », sagte sie spöttisch.“

Evelyn sucht Halt an der Packung Chesterfield, die Frank ihr zum Abschied gab. Herr von Schlieffen reißt sie aus ihren Träumen: „Ihre Zigarette!“

In Paris setzt sich für Claude Jade das Spiel mit den Zigaretten fort. Sowohl bei der Ankunft als auch im Park stibitzt Evelyn ihrem Liebhaber galant die Zigarette aus der Hand,  sich dann seinen Versuchen, sie zu küssen im letzten Augenblick entwindend.  In diesen Momenten bricht Claude Jade als Evelyn aus dem Schloss aus Glas, wie der Roman auf Französisch heißt, aus: Sie ist selbstbewusst und  irritiert den Verführer. Leider verliert diese Wirkung in der deutschen Synchronisation. Die deutsche Sprecherin interpretiert hauchend, labil, energielos und flüsternd, bleibt schwächlich. Die Diktion von Claude Jade in der französischen Fassung ist eine raffinierte Komposition des Aufbegehrens, gelegentlich spöttisch und im Ton manchmal aufsässig.

Die Blumen 

„Nun lebte es wieder und blühte mit hundert duftenden, feuchten Mimosenbüscheln dicht neben Evelyns Wange.“

„Die Blumen änderten alles. In Evelyns Leben waren bis dahin noch keine Mimosen vorgekommen.“
„Sie hatte den großen Strauß auseinandergenommen, weil es ihr schien, dass er allzu großes Aufsehen erregen müsse.“

Neben den Zigaretten zieht sich das Blumenmotiv durch den Film. Im Tennisclub schenkt Frank Evelyn eine Rose und am Halensee Mimosen. Später schickt er  ihr per Telegramm einen enormen Bund Mimosen nach Berlin. Sie verteilt sie in kleinen Büschen überall in der Wohnung. „Sie dufteten durch alle Zimmer“, schreibt Vicki Baum. Im Film visualisiert sich dieser Duft in Bild und Ton durch das Vibrieren der Vase auf dem Radio: Kurt kann sich nicht auf das Konzert konzentrieren und stellt die Vase weg. „Stören dich die Blumen?“, fragt Evelyn und Claude Jade trägt ein Kleid mit Blumenmuster. Als das Dienstmädchen Veronika die Vase wegstellen will, weil sich die Blüten zusammengerollt haben, stellt Evelyn sie energisch zurück, denn Franks Liebe lebt für sie in diesen Mimosen.

„Die Rosen auf dem Nachttisch starben schweigsam. Evelyn hatte ihren kranken Duft gespürt, die ganze Nacht.“
„Evelyn dachte, dass sie nie mehr dem Duft von welkenden Rosen begegnen würde, ohne an Frank zu denken“

Die übergroße Bedeutung, die der Roman den Rosen im Pariser Hotel gibt, vermeidet der Film. Wie er auch Evelyns Todessehnsucht ausklammert, wenn sie sich mit den Blumen vergleicht. Im Film geben sie einer Büste der Joséphine de Beauharnais den Rahmen. Es ist eine „niederträchtig lächelnde“ Joséphine. Evelyn hat ansichtig der Büste an diesem Ort, an dem sie sich hinwirft und wegwirft, ein seltsam gedoppeltes Bewusstsein von sich selbst, als stände sie neben sich und sehe sich zu. Und dies versteht der Film auf eine sensible Weise. Im Dialog übernimmt er die Sicht Franks, als Evelyn „Joséphine !“ ausruft und die Büste streichelt, als würde sie eine Verwandte begrüßen.  „Wer?“ – „Joséphine de Beauharnais, die erste Frau von Napoleon“ – „Ihr Deutschen seid alle so gebildet.“

Helge Weindlers intelligente Photographie des Films zeigt Claude Jade und die Büste der Joséphine immer wieder zusammen, meist in einer Spiegelung.

Weindler setzt wiederholt Spiegel ein.

Helge Weindler (1947-1996, im Bild: rechts oben) erschafft suggestive Bilder für den Film von Gabi Kubach (unten links). Nach Arbeiten für Peter F. Bringmann („Theo gegen den Rest der Welt“, „Der Schneemann“) und Dominik Graf („Das zweite Gesicht“, „Neonstadt“, „Treffer“) wurde er nach dem Hit „Männer“ 1985 nahezu exklusiver Kameramann seiner Lebensgefährtin Doris Dörrie („Geld“, „Happy Birthday, Türke“, „Keiner liebt mich“). Weindler starb in Spanien während der Dreharbeiten zu Dörries „Bin ich schön?“ an einer Hirnhautentzündung.

 Claude Jade im Fokus von Barry Stokes und Kameramann Helge Weindler. Rechts im Bild: Regisseurin Gabi Kubach

Für die Ängste Evelyns findet Helge Weindler Bilder, die an Alfred Hitchcock erinnern. Bei einem Gewitter ist Evelyn unfähig, die klappernden Fenster zu schließen.
In der Tür erscheint die Silhouette der Gouvernante: Das Fräulein (Nina Divíšková) fordert sie auf, das Zimmer verlassen. Evelyn erstarrt, während das Fräulein die wehenden Vorhänge bändigt.
Die Wohnung in der Düsseldorfer Straße sieht nun ein wenig aus wie die Wohnung von Marnies Mutter in Baltimore: die Szene zwischen Claude Jade und Nina Divíšková wirkt wie eine Reminiszenz an Louise Latham in der Tür zu Tippi Hedrens Zimmer in „Marnie“ und die Konfrontation Joan Fontaines mit Judith Anderson in „Rebecca“.

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Das Fräulein ist Gegenstand ständiger Beängstigung für Evelyn. Hierfür erzeugen Weindlers Bilder neue Spannung. Beim heimlichen Telefonat mit Frank wird Claude Jade in Großaufnahme von der Kamera umkreist – und belauscht. Um ihr Geheimnis zu bewahren, begehrt Evelyn auf und wagt nun Widerworte: „Danke, ich kann allein telefonieren!“

„Frau Droste muss andere Schuhe anziehen.“ „Frau Droste verdirbt das Kind.“ Nina Divíšková, Monika Ricanková, Claude Jade, Marie Horáková

Als Evelyn in der Wanne sitzt, urteilt Landgerichtsrat und Gatte Kurt: „Du siehst ein wenig abgewelkt aus“; in der französischen Fassung heißt es „ein wenig müde“. Ob ihr Tanzpartner so ungebildet sei wie alle Amerikaner, fragt Kurt. „Mr. Davis schien mir sehr gebildet“, entgegnet Claude Jade in der französischen Fassung; das Flüstern ihrer deutschen Stimme erweckt den Eindruck, sie spräche zu sich selbst.
Von Erotik keine Spur: Er bespricht mit ihr seinen neuen Gerichtsfall Rupp und hernach wandelt sie etwas somnambul in das Schlafzimmer, verliert ihr Badetuch an der Türklinke und betrachtet  ihre Nacktheit in einem Spiegel, fasziniert und unfähig, sich ihrer Verwirrung durch die Begegnung mit Davis zu erwehren.

Evelyn denkt nur noch an Frank in Paris. Claude Jade, Harald Kuhlmann und Vérénice Rudolph

Als Evelyn neben ihrem Hochzeitsfoto eine Ansichtskarte der Sainte Chapelle in Paris findet, wird sie ihr Sehnsuchtsort, „so rein und klar“…

Sehnsucht nach der der Sainte Chapelle – Claude Jade und Filmtochter Helena Žaludová in „Rendezvous in Paris“

Die Karte der Sainte Chapelle. fast wäre sie in Berlin geblieben. Claude Jade und Marie Horáková.

Claude Jade, Helena Zaludova, Rande v Paříži, Rendezvous in Paris, Schůzka v Paříži, Setkání v Paříži, Rendez-vous à Paris, Evelyn Droste, Clärchen, Clairette, Claude JadeováWenn Claude Jade die Karte betrachtet und  Filmtochter Helena Zaludová  von Paris vorschwärmt, weiß die Wahl-Moskauerin, dass ihre kleine Partnerin hinter dem eisernen Vorhang geboren wurde. Helena, die kleine Beruska aus Juraj Herz‘ Film „Spröde Beziehungen“ kann nicht einfach nach Paris reisen.

Doch Evelyn reist nach Paris, zu Frank und zur Sainte Chapelle. Von Marianne ermuntert – „Du und Kurt, ihr seid viel zu monogam“ – gibt sie vor, das Wochenende in Geltow zu verbringen. Die Postkarte, die sie fast verliert, reist mit ihr. Und gilt ihr immer wieder als Vorwand, wenn Frank sie küssen oder mit ihr schlafen will. Erst wolle sie die Kirche besuchen, in der sie vor sieben Jahren war während der Hochzeitsreise mit Kurt.
Die Karte, die sie vor der Abreise fast verliert, nimmt Evelyn mit nach Paris. Und die Sainte Chapelle, in der sie vor sieben Jahren bei der Hochzeitsreise mit Kurt war, ist ihr Ziel. Wann immer Frank sie küssen und mit ihr ins Hotel zurück will, verschiebt Evelyn sein Verlangen. Zuerst wolle sie in die Saint-Chapelle.
Erst angesichts der Fenster sagt sie zu ihm: „Jetzt möchte ich mit dir schlafen.“

Kurt wähnt Evelyn auf dem Lande. Mit Mariannes Hilfe reist sie nach Paris.

„Stell dir vor, die Braut war ein Mann.“ Frank kann sich nicht für Evelyns Freuden begeistern.

Evelyn setzt ihre bürgerliche Existenz aufs Spiel, als sie Frank heimlich nach Paris folgt. Waren die in der Tschechoslowakei gefilmten Szenen Ausdruck für Evelyns Gefangensein, so deutet der Wechsel nach Paris einen Hauch von Freiheit an. Doch dieser Freiheit ist die Heldin nicht gewachsen. Für Evelyn ist das riskante Abenteuer ein Liebesbeweis; für Davis ist die leidenschaftliche Deutsche nur eine Eroberung für ein Wochenende. Wenn sie sich in Paris über eine Hochzeit freut, bei der die Braut ein Mann ist, und mit der Gesellschaft feiern will, bringt Frank dafür kein Verständnis auf. Und schließlich begegnet sie in einem Restaurant Herrn Eckhardt, einem Kollegen ihres Mannes. Das mädchenhafte Spiel Claude Jades wechselt nun in die Beklommenheit einer Frau, die weiß, dass sie alles riskiert. Evelyn ist klar, dass die heimliche Reise bald kein Geheimnis mehr ist.

Evelyn trifft im Restaurant auf einen Kollegen ihres Mannes. Claude Jade, Barry Stokes, Ludvik Pozner

Die Bettszene zwischen Claude Jade und Barry Stokes folgt der Konsequenz, die Traurigkeit der Heldin zu bebildern. Nicht für ein sexuelles Abenteuer riskiert sie alles sondern für ihre Vorstellung einer romantischen Liebe. „Das Gas“, schreckt sie am Morgen panisch aus seiner Umarmung auf: Sie hat vor ihrer Abreise vergessen, die Gasrechnung zu bezahlen.

Evelyn verlässt Paris resigniert; weinend und mit dem Wissen, Frank Davis nie wieder zu sehen: „Ruf mich an“, sind seine Abschiedsworte, „Du hast mir ja nicht einmal deine Nummer gegeben“, flüstert Evelyn in der abfahrenden Straßenbahn. Das Kapitel des Flugzeugabsturzes lässt der Film aus. Der Mann, der im Roman im Flugzeug an Evelyns Seite sitzt, steht nun in der Straßenbahn neben ihr, gespielt von Gunther Malzacher. Mit ihren amerikanischen Zigaretten und den Pillen zur Beruhigung, von denen sie einschläft: „Es sind amerikanische Tabletten. Ein Freund hat sie mir gegeben. Mein Freund ist Amerikaner.“
Kurt erfährt von dem Unglück am Telefon. In Gabi Kubachs Film zoomt die Kamera auf Claude Jade und schwenkt dann seitlich durch das Straßenbahnfenster und die vorübergleitenden Bäume in den Himmel.

Claude Jade erinnert sich an die Zeit in der Tschechoslowakei und in Prag: „Die Menschen in den Straßen wirkten traurig und die Fassaden der bewundernswerten Stadt waren grau. Ohne definierte Gesetzgebung kannte das tschechische Team keinen Zeitplan und arbeitete wie verrückt.“
Gabi Kubach sagte später über Claude Jade, dass sie wie eine dolmetschende Regieassistentin zwischen den einzelnen Arbeitern vermittelt habe. Und dass das Team Claude Jade sehr geliebt hätte.
In ihren Memoiren erinnert sich Claude Jade, dass sich eines Tages ein tschechischer Assistent mit Tränen in den Augen an sie wandte und auf Französisch sagte „Sie sind unsere Sonne.“ Vielleicht, so glaubte sie, weil sie ein Hauch von Freiheit umwehte, dem Wort, das auf tschechisch so sanft klingt: Svoboda.

Das Team von „Rendezvous in Paris“ in den Prager Barrandov-Studios am 25. Juni 1980

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Filmspiegel, DDR 1981

Claude Jade in „Rendezvous in Paris“

 

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