Armen Dshigarchanian 1935 – 2020

Armen Dshigarchanian und Claude Jade in „Teheran 43“

„Es gibt weniger Armenier als Filme, in denen Armen Dshigarchanian gespielt hat“, sagte Schauspieler Valentin Gaft über einen der bekannstesten Schauspieler des sowjetischen, russichen und armenischen Kinos.

Клод Жад (Claude Jade), Армен Джигарханян (Armen Dshigarchanian)

Seine weltweit bekannteste Rolle war der Attentäter Max Richard in „Teheran 43“. In Frankreich als Armen Djigarkhanian, im englischsprachigen Raum als Amen Dzhigarkhanyan bekannt, sind seine Partner Claude Jade als Max‘ junge Geliebte und Curd Jürgens als sein Anwalt.

Der 1935 in Jerewan geborenen Armen Dshigarchanian wuchs in einem russischsprachigen Umfeld  auf, absolvierte seine Schauspielausbildung in seiner Heimatstadt und gab 1960 sein Filmdebüt als energischer junger Akopa in „Obval“. 1965 spielt er als Artjom die Hauptrolle in „Guten Tag, da bin ich!“. Seine Partnerin Natalja Fatejewa wird später die russische Stimme für Claude Jades Françoise in „Teheran 43“. Bekannt wird Armen Dshigarchanjan vor allem als Meister Mukutsch in Genrich Maljans Film „Das Dreieck“ (1968) und als Parteifunktionär Styshnoy in Nikolai Moskalenkos „Kleiner Kranich“ (1969). Zudem spielt er wiederholt mit Ljudmila Gurtschenko in „Weiße Explosion“ und „Alte Wände“. „Teheran 43“ ist 1981 sein erster internationaler Film, 1996 folgt die russisch-französische Produktion „Lebenslinien“ mit Vincent Pérez und Armen Dshigarchanjan in den Hauptrollen.

Claude Jade (Françoise), Armen Dshigarchanjan (Max)


In der sowjetisch-französisch-schweizer Großproduktion „Teheran 43“ spielt er seinen Max Richard überzeugend auf zwei Zeitebenen: 1943 versucht Max, auf der Teheraner Konferenz die Staatsmänner Churchill, Stalin und Roosevelt zu ermorden, 1980 vertraut er der jungen Françoise (Claude Jade) seine Erinnerungen an, die Anwalt Legraine (Curd Jürgens) zum Verkauf anbietet.

Als sein einstiger Auftraggeber Scherner (Albert Filozov) eine Jagd auf alle damals Beteiligten beginnt, eröffnet Françoise dem Killer, dass sie für Scherner arbeite. Max folgt ihr in ein neues Versteck, wo Scherner ihn töten lässt. Am Ende verhandelt Legraine mit Françoise und Scherner über Max‘ Dokumente.

Angeblich hat sich Nachbarin Françoise in der Tür geirrt.

Françoise (Claude Jade) stellt Max (Armen Dshigarchanian) einer Freundin mit neuem Versteck vor.

Claude Jade erinnert sich in „Baisers envolés“ an den „großen armenischen Schauspieler“, der für die Rückblenden eine schwarze Perücke trug und in den Gegenwartszenen mit ihr ergraut spielte: „Nous formions un curieux couple!“ Die Filmkritik auf kinopoisk lobte am Film vor allem die Paarkonstellationen der internationalen Stars: Die Verspieltheit von Natalja Belochwostikowa und Alain Delon und die Dekadenz des Paares Armen Dshigarchanian und Claude Jade.

Festivalsieger Moskau 1981: „Teheran 43“-Regisseur Alexandr Alow mit den Stars Natalia Belochwostikowa, Claude Jade, Igor Kostolewski und Armen Dshigarchanian. Hinter dem Regisseur flaniert Albert Filosow

Als Claude Jade mit Ehemann Bernard und dem Autor Georges Conchon von Moskau aus Amen Dshigarchanians Heimatstadt Jerewan  besuchte, sollte sie in einer Kolchose auf die französisch-armenische Freundschaft anstoßen. Vodka floss reichlich. Am nächsten Morgen sollte weiterhin wiederholt mit einem lokalen Cognac angestoßen werden. Um ihre Gastgeber nicht zu verletzen und dennoch keine Migräne zu bekommen, tauschte sie das Getränk gegen einen Pflaumensaft gleicher Farbe. In Moskau, wo Claude Jade von 1979 bis 1982 lebte, ist der bekannteste armenische Schauspieler am 14. November im Alter von 85 Jahren gestorben.

Michel Boquet 95

Biedere, verklemmte und berechnende Bourgeois, für jene Rollen ist Michel Boquet berühmt, vor allem als Javert in „Die Elenden“ und in Claude Chabrols Abrechnungen mit der Bourgeoisie: Er weckt Verständnis als Stéphane Audrans Ehemann in „Die untreue Frau“ oder ist exzellent verdorben als Audrans Schwiegervater in „Der Riss“.

1976 bietet ihm die Verfilmung von Georges Simenons „Die Glocken von Bicêtre“ eine der wenigen Ausnahmen: Michel Bouquet spielt die Rolle des nach einer Embolie halbseitig gelähmten Verlegers René Maugras.

Michel Bouquet und Claude Jade in „Zwischen Tod und Leben“ (Les Anneaux de Bicêtre)

1976 muss Claude Jade ihre Rolle in Nelly Kaplans Erotikdrama “Néa” absagen, denn ihre Taille hat sich zu sehr verändert: sie ist schwanger. Stattdessen spielt sie nun, parallel zu ihrer Nonne in “Kita no misaki”, die Krankenschwester Blanche in “Les anneaux de Bicêtre“ (Zwischen Tod und Leben).

Ähnlich dem Habit ihrer Nonne ermöglicht ihr die kaschierende Schwesterntracht den Dreh mit einem beeindruckenden Partner: Michel Bouquet. Claude Jade lernt im Hospital Saint-Antoine die genauen Gesten einer Krankenschwester. Vor Drehbeginn erarbeiten die beiden Schauspieler lange an präzisen Details.

Michel Bouquet und Claude Jade in „Les Anneaux de Bicêtre“ (Zwischen Tod und Leben)

Claude Jade beschreibt die Arbeit mit Michel Bouquet in ihren Erinnerungen „Baisers envolés“:
„Michel Bouquet ist äußerst präzise und überlässt nichts dem Zufall. Ich bin sehr beeindruckt von seiner Konzentration und seiner Fähigkeit, so präzise zu arbeiten. Er bereitete sich vollkommen auf die Rolle des Pressemagnaten vor, der plötzlich nach einem Schlaganfall von Hemiplegie und Aphasie befallen ist. Er sagt seinen Text in den ersten zwei Dritteln des Films nur im Voice-over. Wenn die Dreharbeiten stattfinden, ist nichts oder fast nichts wie das, was wir uns vorgestellt haben; die äußeren Beeinträchtigungen sind verwirrend, die Anordnung des Krankenzimmers, in einem Haus wiederhergestellt, ist anders. Doch trotz all dieser Vorgaben passt sich Michel Bouquet an, manchmal macht er das Gegenteil dessen, was er geplant hatte, und er ist dabei großartig. Und er ist zudem ein Mann von perfekter Höflichkeit.“

Claude Giraud 1936 – 2020


Claude Giraud war ein gefeierter Theaterstar, als Claude Jade 1966 in Paris ankam.
Ihr Lehrer Jean-Laurent Cochet erarbeitete mit ihr am Théâtre Édouard VII die erste Szene aus Marivaux‘ „Das Spiel aus Liebe und Zufall“, das er gerade am Madeleine mit Claude Giraud als Dorante und Michèle André als Silvia inszeniert hatte.

Claude Jade und Claude Giraud 1975 in „Alle lieben Mamie Rose“

Giraud war auch im Kino populär: Sein Mordermittler Langlois ist der Held in François Leterriers „Ein König allein“ (1963), kurz darauf folgten Starrollen: als Philippe neben Michèle Mercier und Robert Hossein in den drei „Angélique“-Filmen und als der Soldat Georges, der sich in Roger Vadims „Reigen“-Verfilmung mit Dirne (Marie Dubois) und Stubenmädchen (Anna Karina) vergnügt.

Claude Giraud, Claude Jade und Gisèle Casadesus in „Ma Mie Rose“

In jener Zeit war Claude Giraud auch zentraler Held der Abenteuerserie „Das Geheimnis der weißen Masken“ (Les compagnos de Jéhu). Zu seinen späteren Erfolgen zählt 1973 „Die Abenteuer des Rabbi Jacob“, in dem er als arabischer Revolutionär Sliman mit Louis de Funès und Henri Guybet vor seinen Entführern flüchtet und am Ende de Funès Filmtochter Miou-Miou erobert.

Szenen aus „Ma Mie Rose“ (Alle lieben Mami Rose) von Pierre Goutas

Wenn er nicht auf den großen Pariser Bühnen stand, war Claude Giraud als Synchronsprecher die feste Stimme von Redford, Jon Voight, Tommy Lee Jones und Alan Rickman. 1975 spielen Claude Jade und Giraud in Pierre Goutas‘ „Ma mie Rose“ (Alle lieben Mami Rose) ein Ehepaar am Rande der Scheidung. Sympathisch sind beide Rollen nicht – Agathe (Claude Jade) und Régis Lapierre (Claude Giraud) sind mit einem verhaltensgestörten Sohn (Éric Najsztat) überfordert. Für einen Urlaub holen sie eine Grand-mère au pair, Mamie Rose (Gisèle Casadesus) hinzu. Und diese Dame rettet die Ehe der beiden, bevor sie stirbt.

Claude Giraud und Claude Jade in „Alle lieben Mami Rose“ (Ma Mie Rose)

Nach Claude Jade (1948-2006) und Gisèle Casedus (1914-2017) ist am 3. November Claude Giraud verschwunden.

Zur Erinnerung an Claude Giraud eine Galerie aus „Ma Mie Rose“ (Alle lieben Mami Rose)

Nestor Almendros

Nestor Almendros auf Gruppenfotos zu „Domicile conjugal“ (vorn mit dem kleinen Christophe Vesque) und „L’amour en fuite“ (mit Mütze hinter der Kamera)

Nestor Almendros (1930-1992) wäre heute, am 30. Oktober, 90 geworden. Er filmte Claude Jade in „Domicile conjugal“ und „L’amour en fuite“. In ihren Memoiren „Baisers envolés“ erinnert sie sich an ihre erste Zusammenarbeit 1970: „Er hatte gerade bewundernswerte Aufnahmen von ‚L’enfant sauvage‘ in Schwarzweiß erschaffen. Er ist ein wahrer Künstler, ein kultivierter und warmherziger Mann, der auch auf die Schauspieler achtet und genau weiß, was François will. Bei ihm ist das Licht viel weicher als das bei ‚Baisers volés‘. Es verwöhnt mich, man kann auf den Bildern die Farbe meiner Augen sehen, und ich habe hervorragende Nahaufnahmen. Nestor, in den USA sehr gefragt, und François werden zusammen neun Filme machen. Die Familie der Carrosse ist nun vergrößert.“

Claude Jade vor 72 Jahren geboren

„Meine kleine Claude,
es ist mir unmöglich, deinen Geburtstag zu vergessen; jedes Jahr, wenn der Monat Oktober beginnt, macht sich eine kleine Erwärmung in der Region meines Herzens breit: Ah, Oktober, das ist doch der Birthday von Claude.“,
schreibt François Truffaut 1982, als Claude Jade in Zypern lebt.

François Truffaut und Claude Jade vor 50 Jahren

Marcel und Marcelle Jorré wollen am 8. Oktober 1948 Disneys „Bambi“ sehen, verzichten jedoch auf das Ende des Films und verlassen eilig das Kino. Um 23:15 schauen zwei große blaue Augen in die Welt. Jene Augen, über die François Truffaut, zu diesem Zeitpunkt 16jähriger Gründer eines eigenen Filmclubs, zwanzig Jahre später sagen wird: „Mit deinen großen blauen Augen könntest du ganz allein ’die zwei Waisen’ spielen.“ Und an ihrem 20. Geburtstag hat sie ihren ersten Drehtag mit Alfred Hitchcock. Ihre große Schwester Annie wird die minderjährige Schauspielerin als Anstandsdame nach Hollywood begleiten.

 

Am Tauftag mit ihrer großen Schwester Annie und der Großmutter

Marcel und Marcelle Jorré hatten sich für die dreizehn Monate ältere Annie ein Brüderchen gewünscht. Sie geben dem Mädchen den androgynen Namen Claude und in zärtlichem Zusatz den Klang des gemeinsamen Vornamens: Marcelle. Sie verlebt – anders als François Truffaut – eine glückliche Kindheit in einer großen Familie.
Die Wände des Hauses in der rue de la Toison-d’Or, in dem Claude ihre ersten Lebensjahre verbringt, sind reich verziert mit Gemälden und Zeichnungen ihres ein Jahr zuvor verstorbenen Großvaters Émile Schneider.

1953 inszeniert sich die Vierjährige selbst als arme Holzfällerin, die ihren unglücklichen Ehemann – gespielt von Annie – beschimpft. Die Rollen der Kinder übernehmen Claudes heißgeliebter Teddybär und einige Puppen, denen die kleine Spielleiterin inbrünstig ihre zarte Stimme leiht. Während Claude stolz ein altes Umschlagtuch und einen zu großen Rock trägt, ist Annie weniger glücklich mit ihrem von Motten zerfressenen Hut und der zerrissenen Weste. Aber das verlangt halt die Rolle! „Ich führte keine Regie, aber ich drängte meine große Schwester fortwährend, dies und das zu tun“, beschreibt Claude Jade 2001 in der Sendung „Ciné Club“ ihre ersten Theaterexperimente.

Behütet: Annie und Claude Jorré; Claude bei einem Kinderfest in Pouldu

Zur Erinnerung an die behütete Claude die Seite

GUT BEHÜTET

42 Jahre einer Karriere liegen zwischen der züchtigen Haube, die sie 1964 als Molières Agnès trug und dem Kardinalshut Alcestes, den sie als Molières Célimène in ihrem letzten Sommer am Ende von Jacques Rampals Molière-Fortsetzung „Célimène und der Kardinal“ aufsetzt. […]

Claude Jorré vor 60 Jahren, als sie noch nicht Claude Jade war

 

Dani 76

Claude Jade und Dani in „L’amour en fuite“

„Liliane hatte das Gesicht eines Vamps und ausgesprochen burschikose Manieren, sie war das absolute Gegenteil von Christine und zugleich all das, was Christine gern gewesen wäre“, beschreibt Antoine Doinel in Truffauts „Liebe auf der Flucht“ die Freundin seiner Frau Christine, Liliane, gespielt von Danièle Graule, die als Dani bekannt wurde.

Dani, Jean-Pierre Léaud und Claude Jade in „Liebe auf der Flucht“

In „Liebe auf der Flucht“ (L’amour en fuite) erscheint Dani als Liliane in Rückblenden, die so tun als stammten sie aus dem Doinel-Zyklus, einem nicht veröffentlichten Film zwischen „Domicile conjugal“ und „L’amour en fuite“. Sie scherzt mit Julien Dubois, der den Sohn von Christine und Antoine spielt, aus den gegenüberliegenden Fenstern, die aus „Domicile conjugal“ bekannt sind. Tatsächlich war Liliane eine Figur in „La nuit américaine“, die Scriptvolontärin, die eine Affaire mit Schauspieler Alphonse (Jean-Pierre Léaud) hat und dann mit einem Stuntman durchbrennt.

Liliane aus „La nuit américaine“ in „L’amour en fuite“. Jean-Pierre Léaud, Dani und Claude Jade.

Dani, François Truffaut und Claude Jade bei Dreharbeiten

François Truffaut mit seinen Hauptdarstellern Claude Jade, Dani, Jean-Pierre Léaud und Dorothée

Dani war längst keine Unbekannte, als François Truffaut ihr 1973 mit „Die amerikanische Nacht“ zum Durchbruch verhalf. 1963 kam sie aus Perpignan nach Paris, wo sie Kosmetikerin werden wollte. In der Pariser Clubszene knüpfte sie Kontakte zum Mannequin Zouzou, das ebenfalls mit eigentlichem Vornamen Danièle heißt, zum Schauspieler Marc Porel und zu dessen Halbbruder Jean-Marie Périer, einem erfolgreichen Mode-Fotografen. Sie verliebt sich in Périers Mitarbeiter Benjamin Auger, den sie später heiraten wird. Sie arbeitet als Fotomodell und posiert mit Zouzou in Fotoromanen. In den Nachtclubs lernt sie Jimi Hendrix und die Rolling Stones kennen und startete mit Hilfe Benjamin Augers als Sängerin mit „Garçon manqué“. Sie gilt schnell als Vamp der Nachtclub-Szene. Während Claude Jade 1969 in Interviews erklärt, sie würde sich in Nachtclubs langweilen, wird Dani genau dort Mitte der 60er Jahre zu einer „Königin der Nacht“.

Tanzschritte vom Vamp: Dani und Claude Jade in „L’amour en fuite“

Ihre Schauspielkarriere begann sie 1964 mit einem kurzen Auftritt in Roger Vadims „Der Reigen“. Im selben Jahr folgte in Eric Schlumbergers Sketch zum Episodenfilm „Schräger Charme und tolle Chancen“ (La chance et l’amour) neben Stefania Sandrelli und Jacques Perrin eine Nebenrolle als Sandrellis Freundin. Eine weitere Nebenrolle hat sie in „Das Mädchen von drüben“ nach einem Buch von Roman Polański und Gérard Brach. Jean-Marie Périer, der sie immer wieder für Magazine fotografierte, dreht 1971 den Film „Tumuc Humac“ und gibt ihr neben seinem Halbbruder Marc Porel und seinem Vater François Périer eine Hauptrolle. An Porels Seite dreht sie erneut in „Un officier de police sans importance“, in dem auch Robert Hossein und Charles Denner mit von der Partie sind. 1973 spielt sie neben Michel Galabru und Henri Guybet die Frau von Bruno Pradal  in Georges Lautners Komödie „Quelques messieurs trop tranquilles“ – zehn Jahre, bevor Claude Jade, die eng mit Pradal befreundet ist, dessen Frau in „Une petite fille dans les tournesols“ spielt.  1973 gibt François Truffaut Dani die Rolle von Nathalie Bayes Script-Assistentin in „La nuit américaine“.

Dani als Liliane in „La nuit américaine“ (1973) und in „L’amour en fuite“ (1979)

Truffauts Film bringt ihr Anerkennung, doch keine neue Filmrolle. Sie übernimmt auf Anraten von Alain Delon die Leitung eines Nachtclubs, „L’Aventure“. Zu ihren Gästen zählen neben arabischen Scheichs, Alain Delon und dessen Frau Nathalie auch Serge Gainsbourg, Patrick Dewaere und Chantal Goya.

Dani konzentriert sich neben dem Betreiben des Nachtclubs auf ihre Gesangskarriere. Für den Grand Prix d’Eurovison soll sie mit „La Vie à 25 ans“  auftreten, doch nach dem Tod von Georges Pompidou sagt Frankreich die Teilnahme ab.

Im Fernsehfilm „Zwischen Tod und Leben“ (Les anneaux de Bicêtre) nach Georges Simenons Roman „Die Glocken von Bicêtre“ kreuzen sich 1976 erstmals die Wege von Claude Jade als Krankenschwester Blanche, die den von Michel Bouquet gespielten Verleger ins Leben zurückholt und Dani, die als dessen alkoholkranke Frau Lina zu Besuch ins Krankenhaus kommt.

Cover Girls Claude Jade, Dani „Jours de France“ 1971, 1975, 1973

Claude Jade, Dani: Nous deux flash

Es folgt eine biedere Militärklamotte mit den Charlots als Fremdenlegionäre („Et vive la liberté!“), bevor Truffaut ihr mit „Liebe auf der Flucht“ 1978 erneut ein Geschenk macht: Liliane gehört so zur Antoine-Doinel-Chronik. In einer aus „Die amerikanische Nacht“ verwendeten Rückblende, einem Disput zwischen Liliane und Alphonse, wird ein Streit zwischen Liliane und Antoine, in den eine neu gedrehte Szene mit Claude Jade montiert wurde .

Im Original war es Truffaut als Ferrand, der die beiden anspricht, hier ist es Christine Doinel, die den beiden zuruft, sie sollen sich endlich versöhnen. Auch ein Dialog zwischen Liliane und Christine über Antoine, für den eine Frau gleichzeitig eine Krankenschwester, eine Geliebte, ein Schwesterchen und eine Amme sein muss und sie, Liliane, diese Aufgaben nicht erfüllen könne, entstammt einem Dialog aus der „amerikanischen Nacht“ und erinnert auch an die Szene aus „Domicile conjugal“, in der Antoine der im Taxi sitzenden Christine sagt, sie sei seine kleine Schwester, seine Tochter, seine Mutter und sie entgegnet „Ich wär auch gern deine Frau gewesen.“

Neu gedrehte Flashbacks zeigen die Freundschaft von Christine und Liliane, die gemeinsam illustrieren und tanzen oder sich über Antoine lustig machen. Christine, die Liliane Geigenunterricht gibt und sie „sehr schön“ findet, bewundert die neue Freundin, die Kinderbücher schreibt und illustriert. Christine berichtet Antoine stolz, dass ihr auch ihre Bilder gefallen würde, die sie mal für Alphonse gemalt hätte. So findet Christine neben der Arbeit als Geigenlehrerin eine weitere Aufgabe als Illustratorin.

Claude Jade und Dani in „L’amour en fuite“

Dani, Jean-Pierre Léaud, Claude Jade

Liliane lebt sich ein, die beiden werden unzertrennlich und Antoine meint, sie wollten ihre Persönlichkeit tauschen: „jede wollte die andere werden“ Die beiden küssen sich, was Antoine irritiert und nun parodiert Claude Jade Antoine: wie Jean-Pierre Léaud gestikulierend, ahmt sie Antoine nach, der seit der Lektüre der Romane von Colette überall nur Lesben sieht und Christine warnt, sich vor Liliane in Acht zu nehmen: „Weißt du Christine, trotz allem; ich frage mich wirklich, ob Liliane nicht doch etwas mit dir vorhat. Dieses Mädchen mag alles, was vage ist, seltsam, bizarr, zweideutig, du verstehst, was ich meine. An deiner Stelle würde ich aufpassen.“

Dani, Jean-Pierre Léaud und Claude Jade

In den Sommerferien in Südfrankreich bittet Christine Antoine, er könne ruhig etwas netter zu Liliane sein. Die Szene, in der Christine zu früh vom Markt heimkommt und nun Liliane und Antoine im Bett erwischt, zeigt Truffaut erneut als Buchliebhaber: Antoine hatte Liliane ein Buch geschenkt und sie hatte es, um den Umschlag zu schützen, in Zeitungspapier gewickelt. Und das habe Antoine dann so gerührt, dass er mit ihr schlafen musste. Christine berichtet später Colette (Marie-France Pisier) davon, bei einer Begegnung der Ehemaligen von Antoine Doinel, zu denen nun auch Danis Liliane gehört.

Antoine mit Sabine (Dorothée), Colette (Marie-France Pisiser), Christine (Claude Jade) und Liliane (Dani): Jean-Pierre Léaud in „Liebe auf der Flucht“ (L’Amour en fuite“ von François Truffaut

Gruppenfoto bei Dreharbeiten zu „L’amour en fuite“

Auf „L’amour en fuite“ folgen keine weiteren Rollen. Ende der 70er Jahre, als das Model Zouzou bereits wegen Heroinkonsums abstürzt ist, verliert auch Dani ihren Nachtclub. 1981 wird sie wegen Besitzes und Handels mit Drogen verhaftet, die Magazine berichten von „Dani, Pracht, Drogen, Dekadenz“ und „Dani, vom Jet-Set ins Gefängnis“.

Fotos der Filmfamilie von François Truffaut. oben: Dani stehend 3. von links, Claude Jade, 1. von rechts

Gemeinsam vor die Kameras traten Claude Jade und Dani erneut in Cannes 1985 zu einem Familienfoto bei einer „Hommage à François Truffaut“ . Im Mai 1989 begegnen sich sich erneut für eine Dokumentation zu einer Truffaut-Ehrung in Cherbourg, „Truffaut et les femmes“, in der Claude Jade, Alexandra Stewart und Dani interviewt wurden. Zwei Jahre vor diesem Treffen der drei Truffaut-Schauspielerinnen hatte Dani ihre Memoiren unter dem Titel „Drogue la galère“ herausgebracht und hatte 1988, zehn Jahre nach „L’amour en fuite“, ein Kino-Comeback mit einer Nebenrolle in Claude Chabrols „Eine Frauensache“.

Alexandra Stewart, Claude Jade und Dani im Mai 1989 in Cherbourg

Alexandra Stewart, Claude Jade und Dani im Mai 1989 in Cherbourg

Dani dreht sporadisch, so 1992 als Gaststar in einer Folge von „Kommissar Moulin“, eröffnet einen Blumenladen – und hat 2001 ein Comeback als Gesangsstar: Dank Étienne Daho wird das 1975 von Serge Gainsbourg auch für Dani geschriebene Stück „Comme un boumerang“ ausgegraben, als Duett von Daho und Dani veröffentlicht und ein Hit. Es geht wieder aufwärts: Für ihre Concierge Claudie in „Ein perfekter Platz“ (Fauteuils d’orchestre) erhält sie eine César-Nominierung für die beste Nebenrolle, Auftritte in „Sag, dass du mich liebst“ (Parlez-moi de vous, 2012) und OIivier Marchals „Carbone“ (2017) folgen. 2018 war sie in der Serie „Aux animaux la guerre“ neben Roschdy Zem und Michel Subor als Zems Mutter zu sehen. Gerade hat sie mit Olivier Marchals  „Bronx“ abgedreht. Herzlichen Glückwunsch zum 76. Geburtstag, Dani.

 

Dani, François Truffaut und Claude Jade

François Truffaut – graphische Hommage

Bei Glénat ist ein Comic erschienen, der das Leben und Schaffen François Truffauts erzählt. Autor Noël Simsolo und Zeichner Marek widmen sich dabei dem Mann, der das Kino liebte – und die Frauen, darunter auch Claude Jade.

Auszug zur Arbeit an „Baisers volés“ und dem Kampf für Henri Langlois: François Truffaut, Claude Jade, Jean-Pierre Léaud und Suzanne Schiffman

 

Michel Piccoli 1925 – 2020

Michel Piccoli und Claude Jade: Gala de l’Union des Artistes 1971

Michel Subor, Philippe Noiret, Claude Jade, Michel Piccoli, Alfred Hitchcock und Frederick Stafford

Heute wurde bekannt, dass er am 12. Mai starb: Michel Piccoli, den man den größten europäischen Filmschauspieler nennen darf. Er war ein monstre sacrée, er vereinte Eleganz und Wurstigkeit, Sex-Appeal und Monstrosität. Er hatte großen Mut zu Entblößung und Verwandlung und Heroisches war im fremd. Filmriktiker Michael Althen schrieb einmal: „Er war sich für nichts zu schade. Man wäre versucht zu sagen, dass er dabei immer sein Gesicht gewahrt hat, wenn man nicht wüsste, dass er vielleicht nichts so sehr wollte wie sein Gesicht zu verlieren.“

Michel Piccoli, Frederick Stafford, Claude Jade und Dany Robin in „Topaz“

Seine Figuren waren voller Zweifel und er rauchte ohne Unterlass und elegant Zigaretten in Sautets „Die Dinge des Lebens“, einem seiner Schlüsselfilme mit Romy Schneider. Die FAZ schrieb heute zu seinen Filmpartnerinnen vor der Schneider: „Er hat der nackten Bardot [in Godards „Verachtung“] standgehalten, jetzt wird er mit Ikonen bombardiert: Jeanne Moreau (in Buñuels „Tagebuch einer Kammerzofe“), Karin Dor und Claude Jade (in Hitchcocks „Topas“), Françoise Dorléac und Catherine Deneuve (in Jacques Demys „Mädchen von Rochefort“). Aber sie alle sind nur Übergänge, Brücken auf dem Weg zu der Begegnung, die sich tiefer als jede andere in seine Karriere einschreiben wird, der Begegnung mit Romy Schneider. “

Mit Karin Dor hatte er keine Szene in „Topas“ und mit Claude Jade nur eine einzige. Heroisch ist in „Topas“ nichts und Hitchcock drehte für den Tod des von Piccoli gespielten Jacques Ganville drei Versionen: in der ersten wird er bei einem Duell von einem Heckenschützen erschossen, in einem weiteren erschießt er sich nach der Enttarnung hinter verschlossener Tür und in einer dritten reist er fröhlich winkend nach Moskau ab.

Michel Piccoli, Claude Jade, Frederick Stafford und Dany Robin in Hitchcocks „Topas“

Piccolis Kunst, seine sparsam eingesetzten Gesten und Bewegungen jedes Mal erneut zu einer Offenbarung werden zu lassen, nutzte Alfred Hitchcock, als er ihm in „Topas“ die Rolle des Chefs des titelgebenden Spionageringes gibt. Die Hauptrolle des Agenten André Devereaux hatte er Frederick Stafford gegeben und bedauerte später, nicht Michel Piccoli zum Star seines Films gemacht zu haben. Auch als Filmvater von Claude Jade wäre er glaubwürdiger gewesen als der adrette Stafford.

Nachruf Michel Piccoli FAZ

Nachruf Michel Piccoli Focus

Michel Piccoli, Claude Jade und Marion Game: Gala de l’Union des Artistes 1971

Claude Jade und Michel Piccoli traten erneut 1971 in einer Nummer der „Gala de l’union des artistes“ auf, in der Piccoli sie in einem Schrankkoffer verschwinden lässt und wieder herbeizaubert. Nun ist auch er verschwunden.

Michel Piccoli, Philippe Noiret, Alfred Hitchcock und Claude Jade

8. Mai Tag der Befreiung

In Berlin wird der 8. Mai heute als 75. Jahrestag der Befreiung gefeiert. Diese Seite erinnert heute an zwei Filmfiguren, die von Claude Jade gespielt wurden. Beide, Françoise und Lise, wurden in der Zeit des Zweiten Weltkriegs von Deutschen ermordet.
Es ist beschämend, dass nur das Land Berlin diesen Tag zum Feiertag ernannt hat. Der 8. Mai muss zum dauerhaften Feiertag in der Bundesrepublik Deutschland erhoben werden.
Françoise im Film „Prêtres interdits“ (Der Abbé und die Liebe, 1973) wird bei einem Luftangriff getötet, ihr von Robert Hossein gespielter Geliebter wird ebenfalls von deutschen Besatzern erschossen. Lise, eine der beiden Rollen, die Claude Jade in „Lise et Laura“ (1982) spielt, wird von der Gestapo getötet, als sie ein Dossier zur Résistance bringt. Beide Filmfiguren sind Opfer des deutschen Nationalsozialismus, stellvertretend für die realen Opfer des Dritten Reichs.
Menschenverachtend und die Verbrechen Deutschlands verharmlosend ist die Äußerung des AfD-Fraktionsvorsitzenden Alexander Gauland am 6. Mai: „Aber es war auch ein Tag der absoluten Niederlage, ein Tag des Verlustes von großen Teilen Deutschlands und des Verlustes von Gestaltungsmöglichkeit.” Mögen Menschen wie Alexander Gauland keine weiteren Gesaltungsmöglichkeiten mehr haben. Solange jemand wie Gauland, der eine Partei mit anführt, die Faschisten in führenden Positionen hat, so etwas äußern kann, ist die Ernennung eines bundesweiten Feiertags notwendiger denn je. Erst recht in Zeiten, in denen Neonazis wieder in Deutschland morden oder Faschisten aus der AfD in deutschen Parlementen sitzen.

Claude Jade als Françoise in „Prêtres interdits“ (1973) und als „Lise et Laura“ (1982)

Hier Links zu den beiden Filmen „Prêtres interdits“ (Der Abbé und die Liebe / Verbotene Gefühle) und „Lise et Laura“.

Rendezvous in Paris 2020 im Zeughauskino

Das Deutsche Historische Museum Berlin hatte im März  „Rendezvous in Paris“ im Programm.
Die Vicki-Baum-Verfilmung lief am 8. März und am13. März im Zeughauskino des Museums im Rahmen einer Hommage an Gabi Kubach.

 

 

Gabi Kubach, Vérénice Rudolph, Claude Jade

Gabi Kubach sagte später über Claude Jade, dass sie wie eine dolmetschende Regieassistentin zwischen den einzelnen Arbeitern vermittelt habe. Und dass das Team Claude Jade sehr geliebt hätte.

Claude Jade in „Rendezvous in Paris“ von Gabi Kubach

Besprechung des Films unter diesem Link „Rendezvous in Paris“