Claude Rich 1929 – 2017

Claude Jade und Claude Rich als Suzan und Samuel Frend in „Das große Geheimnis“

Claude Rich war neben Belmondo und Cassel der charmante Draufgänger der 60er Jahre. Am bekanntesten sind sein Christian Martin in Edouard Molinaros „Oscar“ und das erste Racheopfer in François Truffauts „Die Braut trug schwarz“. Als bester Schauspieler in San Sebastián 1968 für Alain Resnais‘ „Ich liebe dich, ich liebe dich“ ausgezeichnet, gehörte er bis heute zu ersten Garde der französischen Schauspieler.

Schon in „Oscar“ verbirgt sich hinter einem netten Kerl ein Erpresser. Bereits 1967 ist es Claude Rich gewohnt, dass seine Filmpartnerin seinen Vornamen trägt: hier Claude Gensac als Louis de Funès‘ Filmgattin.

1989 waren Claude Rich und Claude Jade das Ehepaar Samuel und Suzan Frend im Sechsteiler „Das große Geheimnis“ (Le grand secret) nach dem berühmten Roman von René Barjavel. Kurz nach ihrer Rückkehr aus ihrem Exil als Diplomatengattin aus Zypern spielt Claude Jade eine Diplomatengattin in Venezuela. Und wie zuvor im eigenen Leben kümmert sich Claude Jade als Suzan Frend vor allem um die Erziehung von Sohn Tommy.

Die eigentliche Hauptrolle spielte Claude Rich, der, wie sich erst sehr viel später herausstellt, ein doppeltes Spiel betreibt. Ich sah den Sechsteiler damals im Fernsehen. Erst vor einigen Jahren erhielt ich aus Claude Jades Nachlass viele meiner Briefe, die ich ihr als Jugendlicher geschrieben hatte. Nach einer Folge schrieb ich ihr, dass ich die Nebenrolle der Diplomatengattin auch in Bezug auf die Parallele zwischen Seriensohn Tommy und ihrem eigenen Sohn Pierre  sehr amüsant fände. Zwei Wochen später erhielt sie einen zweiten Brief, ich dem ich ihr zu der perfekten Täuschung und dem feinen Spiel beglückwünschen konnte, denn ich war auf ihre Suzan Frend hereingefallen.

Auch nach dem angeblichen Tod ihres Mannes Samuel spielt Suzan Frend vorerst weiter die trauernde Witwe und zieht derweil die Fäden für ein Geheimprojekt, das ihr Mann leitet. Bis zuletzt sitzt der Zuschauer ihrer Täuschung auf, die von Claude Jade in ihrem raffinierten Spiel superb gebrochen wird. Das von Claude Rich und Claude Jade mit charmantem Lächeln gespielte Ehepaar Frend hatte sich Tommy für sein Doppelleben nur gemietet.
Und wenn der angebliche Held, den Claude Rich ebenso einnehmend spielt, in den letzten zwei Minuten des Sechsteilers „das große Geheimnis“ um die Unsterblichkeit der Menschheit und sich selbst auslöscht, wirkt sein großartiges Spiel lange nach: es ist aus mit der Unsterblichkeit.

Nun ist Claude Rich im Alter von 88 Jahren gestorben und bleibt darüber hinaus unsterblich.

 

Ehe für alle

Seit heute gilt auch in Frankreichs Nachbarland Deutschland das Gesetz zur „Ehe für alle“.

Corinne Le Poulain und Claude Jade in „Bonsoir“

Vor 25 Jahren spielten Claude Jade und Corinne Le Poulain das lesbische Liebespaar Caroline und Gloria in Jean-Pierre Mockys „Bonsoir“.
Damals musste Claude Jades Caroline noch um ihre Erbschaft fürchten und war auf die List ihres Gastes Alex (Michel Serrault) angewiesen.
Heute gehört diese Angst auch in Deutschland rechtlich ins Mittelalter der Gleichberechtigung.

Als Claude Jade 2001 am Théâtre Mouffetard als Maria Soderini die Mutter von Yannick Debain als „Lorenzaccio“ spielte, war sie Yannick Debain und dessen Partner freundschaftlich verbunden. Auch weil Debain weniger zögernd war als seine Rolle: Die beiden Männer hatten einen Jungen adoptiert.

Nun ist nach Frankreich auch in Deutschland dem Adoptionsrecht für homosexuelle Paare rechtlich die Gleichstellung gewährt.

Foto: Plakat zu „Lorenzaccio “

Claude Jade und Dani in „Liebe auf der Flucht“

Mit Caroline und Gloria freuen sich auch Christine Doinel und ihre Freundin Liliane (Dani) aus François Truffauts „L’amour en fuite“ („Antoine sieht nun überall nur Lesben“).
Herzlichen Glückwunsch an Schwule und Lesben in Deutschland.

Rom 1973

neuer Link in der Filmographie: Number One und La ragazza di via Condotti

Nach der Hochzeit und einem Skiurlaub fliegt Claude Jades Ehemann Bernard zurück zu seinem Posten nach Brasilien und sie selbst nach Italien: Durch die Vermittlung eines dubiosen Pseudo-Agenten dreht Claude Jade Anfang 1973 – zwischen „Home Sweet Home“ (Trautes Heim) und „Prêtres interdits“ (Der Abbé und die Liebe) – zwei Filme in Rom.

Venantino Venantini, Claude Jade, Chris Avram und Gianni Buffardi im Nachtclub „Number One“

Bei der Arbeit zum ersten, Gianni Buffardis „Number One“, fragt sie sich, was sie darin verloren hat und behält Regisseur Buffardi, einen Kumpel des Agenten, als Gauner in Erinnerung.
Der zweite, „La ragazza di via Condotti“, in dem sie unter der Regie des freundlichen Spaniers Germán Lorente vier Jahre nach Hitchcocks „Topas“ erneut mit Frederick Stafford spielte, war „glücklicherweise nicht ganz so schlimm“.

Claude Jade und Frederick Stafford in "La ragazza di via Condotti"

Claude Jade und Frederick Stafford in „La ragazza di via Condotti“

Nach Abschluss der Dreharbeiten verlässt sie Rom – wie ihre Filmrolle Tiffany – in Richtung Südamerika.

Artikel zu beiden Filmen hier:
„Number One“ und „La ragazza di via Condotti“ .

Jean-Christophe Averty 1928 – 2017

„Nach Jean-Christophe Averty können Show-Sendungen nicht mehr sein, was sie vor ihm waren. Er hat ihren Rhythmus verändert und die Ansprüche gehoben.“ (François Mauriac).
Der berühmte Téléaste Jean-Christophe Averty, der mit Surrealismus und Poesie das Fernsehen revolutionierte, ist heute im Alter von 88 Jahren verstorben.
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averty_2017-jean-christophe-averty-portrait11969, in jenem Jahr, in dem er den Grimme-Preis erhielt, erschuf der Pionier der Videokunst eine außergewöhnliche TV-Inszenierung: Shakespeares „Sommernachtstraum“.
Vor der Blue Screen Avertys agierten Claude Jade, Christine Delaroche, Jean-Claude Drouot…
Le Monde erklärt den TV-Film zum „chef-d’œuvre“ und France Soir spricht von einem epochemachenden Datum und einer Revolution in der Geschichte der Regie.
Hier → Averty 88 erinnert der Blog an den großen Künstler Averty.

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Statt Musikvideos für France Gall, Françoise Hardy, Gainsbourg, Bécaud, Hallyday ein Film mit Schauspielern

Statt Musikvideos für France Gall, Françoise Hardy, Gainsbourg, Bécaud, Hallyday und Dalida ein Film: Averty dreht 1969 mit Claude Jade, Marie Versini und Christine Delaroche „Ein Sommernachtstraum“

Lien: Jean-Christophe AVERTY

Emmanuelle Riva

Emmanuelle Riva und Claude Jade 1971

Emmanuelle Riva und Claude Jade 1971

Emmanuelle Riva in "Hiroshima mon amour" (1959) und "Liebe" (2012)

Emmanuelle Riva 1959 in „Hiroshima mon amour“ und 2012 in „Liebe“

riva-emmanuelle-couleur-actriceDiskretion und Bescheidenheit zeichneten die Schauspielerin Emmanuelle Riva aus, die gestern im Alter von 89 Jahren gestorben ist. Wie Claude Jade war sie trotz ihrer Popularität und ihrer beständigen Bedeutung für die Nouvelle Vague nie ein Glamourstar.
Ihre Krebserkrankung hielt Riva geheim, wie es auch Claude Jade tat, als sie noch in voller Schönheit – 58 Jahre jung – in ihrer letzten Rolle auf der Bühne stand. Beide hatten am Ende ihres Lebens Pläne für neue Rollen.
In ihren Anfängen hatten beide die Camille in Alfred de Mussets „On ne badine pas avec l’amour“ erarbeitet: Claude mit 18 in der Klasse von Jean-Laurent Cochet, Emmanuelle mit 26 Jahren beim Vorsprechen an der Schauspielschule, wo sie von Claudes späterem Stammregisseur Jean Meyer unterrichtet wurde.
Der Musset-Titel „Mit der Liebe spaßt man nicht“ steht für die zwei wichtigsten Filme in Emmanuelle Rivas Karriere: „Hiroshima mon amour“ von Alain Resnais und „Amour“ (Liebe) von Michael Haneke.

Zwei Musen der Nouvelle Vague

Zwei Musen der Nouvelle Vague: Emmanuelle Riva und Claude Jade

riva-emmanuelle-portraitEmmanuelle Rivas Schauspielkarriere begann mit 29. Sie war 32, als sie von Resnais für „Hiroshima mon amour“ entdeckt wurde. Riva erfüllte die Rolle der Schauspielerin, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Japan dreht und deren Liebe zu einem japanischen Ingenieur von Kriegserfahrungen überschattet wird, mit Leben und Trauer. Riva wird unsterblich als jene Frau, die von der Erinnerung an ihre Liebe zu einem deutschen Besatzungssoldaten (Bernard Fresson) eingeholt wird – und an die Schande, als sie nach dessen Tod in Nevers als Kollaborateurin kahlgeschoren wird. Sie: „Hiroshima, das bist du.“ Er: „Und du bist Nevers. Nevers in Frankreich.“
Sie wurde weltweit für ihre Leistung gefeiert und blieb schwierigen Rollen in humanistischen Filmen verbunden. Die „Thérèse Desqueyroux“ in Georges Franjus gleichnamigem Film brachte ihr 1962 den Coppa Volpi in Venedig, doch Emmanuelle Riva betrat nie den Mainstream, erhielt im Kino nur noch Nebenrollen und drehte seit Beginn der 70er Jahre fast ausschließlich für das Fernsehen.

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Nach einer späten Nebenrolle als senile Mutter in Kieślowskis „Drei Farben: Blau“ gab ihr Michael Haneke 2012 die weibliche Hauptrolle der sterbenden Frau von Jean-Louis Trintignant in „Liebe“ (Amour). Für ihre Anne, die am Ende mit dem Kissen erstickt wird, erhielt sie neben dem César, dem Europäischen Filmpreis, dem British Academy Film Award und weiteren Auszeichnungen eine Oscar-Nominierung.  Sie ist damit die älteste Schauspielerin, die je für diesen Preis nominiert wurde. Claude Jade hatte davon geträumt, einmal „une vieille dame, ‚indigne‘ de préférence“ zu spielen. Dieser Traum hat sich für Emmanuelle Riva erfüllt. Und sie hinterlässt zwei unsentimentale Manifeste an die Liebe.

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Wie unsentimental auch ihre Gedichte sind und ihre Interpretation, zeigte Emmanuelle Riva im April 1971, als sie zusammen mit Claude Jade Stargast in Philippe Bouvards Fernsehsendung „Samedi Soir“ war. Hier zum Samstagabend als kleine Hommage an Emmanuelle Riva ein Ausschnitt aus der Sendung mit zwei gefeierten Schauspielerinnen, deren Tugenden neben großem Talent Diskretion und Bescheidenheit waren.