Le malin plaisir

LE MALIN PLAISIR

Frankreich 1974/75  Regie: Bernard Toublanc-Michel  Buch : Bernard Toublanc-Michel, Henry Rabine Lear, nach dem Roman „Les plaisirs de mon âge“ von Françoise Linarès  Kamera: Jean Charvein  Musik: Jean-Pierre Mas  Schnitt: Jacqueline Thiédot  Kostüme: Tantine Autré  Produktion: SN Prodis, Patricia Films, BRM Production (Paris), Clodio Cinematografica (Rom) Distribution: SN Prodis (Jean-Claude Patrice, Gérard Lorin) Weltvertrieb: Felix Films, Paris  EA: 28.05.1975

Darsteller:
Jacques Weber (Marc), Anny Duperey (Marianne), Claude Jade (Julie), Mary Marquet (Mère Malaiseau), Nicoletta Machiavelli (Melisa), Cécile Vassort (Christine), Eric Najsztat (Jean-Philippe Malaiseau), Nicole Jamet (Laurence, Verlagsmitarbeiterin), Arthur Amalric (Andiol), Yvonne Pellegrini (Ines), Ermanno Casanova (Automechaniker) u.a.

In einer Villa leben nach dem Tod des Schriftstellers Malaiseau fünf Frauen, die mit ihm in Beziehung standen: die Mutter, die Witwe, die Sekretärin, eine Cousine und eine italienische Freundin. In dieses Schlangennest gerät der junge Autor Marc (Jacques Weber), der Malaiseaus letztes Werk vollenden soll. Von Sekretärin Julie (Claude Jade) verführt, kommt ihm bald der Verdacht, dass Malaiseaus Tod kein Unfall war…

Claude Jade und Jacques Weber in Bernard Toublanc-Michels „Le malin plaisir“

Für kurze Zeit vollzieht Claude Jade als „verdorbenes Mädchen“ einen Imagewandel. Das Jahres-Almanach von „Tele 7 jours“ wird sie dafür feiern: „Claude Jade, Engel, Clown oder Dämon?“. Mit der Mörderin Hélène in der Miniserie „Monsieur Seul“ hatte sie bewiesen, „dass in den Venen eines braven Mädchens aus der Provinz durchaus eine dämonische Säure fließen kann“.

Dieses Bild aufgreifend, bietet ihr nun auch das Kino die Rolle der Verführerin mit mörderischem Geheimnis. Bernard Toublanc-Michel, der Jean-Claude Dauphin („Adolphe“) und Isabelle Adjani („Le petit bougnat“) fürs Kino entdeckt hatte, gibt ihr den Part der zu Beginn prüde erscheinenden, doch sehr aparten und selbstbewussten Julie in seinem Thriller „Le malin plaisir“ (Das böse Vergnügen). Hatte Unifrance zuvor Brigitte Fossey als Julie angekündigt, ist es nun Claude Jade, die sich mit dieser Rolle einmal mehr von ihrem prägenden Image entfernt.

Gedreht wird die raffinierte Geschichte um Mord und Verführung im sonnigen Süden Frankreichs, im Departement Gard. Drehort für den Schauplatz des Verbrechens ist das bei Uzès gelegene Château d’Arpaillargues, ein Hotel, das in der Geschichte als Villa „Fontbonne“ malerischer Wohnsitz von fünf Frauen ist. Sie sind nebst eines kleinen Jungen die einzigen Hinterbliebenen des unter ungeklärten Umständen verstorbenen Historikers Philippe Malaiseau: die Mutter des Toten (Mary Marquet), die Witwe Marianne (Anny Duperey), die Cousine Christine (Cécile Vassort), die italienische Freundin Melisa (Nicoletta Machiavelli) und die Sekretärin Julie (Claude Jade). Unbeschwert genießen die fünf mitsamt des Toten Sohnemann Jean-Philippe (Eric Najsztat) ihr sonniges Leben und zeigen als Schlossherrinnen keine Anzeichen von Trauer.

 

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„Nous tournions près d’Uzès au château d’Arpaillargues, transformé en hôtel ravissant.“ Fotos aus „Le malin plaisir“. Collage unten links: das Hotel heute.

In dieses abgelegene Domizil dringt nun der junge Schriftsteller Marc Lancelot (Jacques Weber) ein, der die Arbeit Malaiseaus, eine Biographie Karl des Großen, vollenden soll. Julie wird so als Sekretärin seine direkte Assistentin.
Marc wird alsbald von der unnahbar erscheinenden Julie verführt und fügt sich so entsprechend in die Rolle seines Vorgängers.
Hier gelingt Bernard Toublanc-Michel ein raffinierter Besetzungstrick, denn zu Beginn des Films erscheint die bodenständige und gegen ihre Mitbewohnerinnen den Sonderstatus der Skeptikerin einnehmende Julie Schmidt, die sich abgrenzt von verführerischen Blicken und Prahlereien. Sie erscheint im Vergleich zu den anderen Frauen als eine Arbeitende – wie Marc.

Da Julie dem Werk seines Vorgängers vertraut ist und wie er die Position des „Nègre“ innezuhaben scheint, vertraut er nur ihr.
Bald kommt ihm der Verdacht, dass Malaiseaus Tod kein Unfall war, denn keine der Frauen trauert ihm nach.  Marc verdächtigt Julie und die Damen in ihrem Umfeld des Mordes. Die Aussagen eines  Automechanikers erhärten den Verdacht.
Er stürzt sich auch in Affären mit den anderen Frauen, doch seine Nachforschungen stören die Hinterbliebenen. Er verhört die Frauen gemeinsam und einzeln, doch sie halten zusammen. Marc macht sich bei dem Quintett unbeliebt.
Er genießt das böse Vergnügen, über seine Frauen herrschen zu können…

Ihre erste Begegnung hatten Claude Jade und Jacques Weber 1967: Claude Jade spielt in Sacha Pitoëffs  „Heinrich IV“-Inszenierung; ihr Name prangt an den Litfaßsäulen. Dennoch ist sie eingeschüchtert, wenn sie im kleinen Bistrot neben der Schauspielschule an der rue Blanche andere Schauspielschüler bemerkt, die plötzlich tuscheln. Einer von ihnen, Jacques Weber, verrät ihr nun, was die Schüler damals flüsterten: „Schau nur, da drüben ist das Mädchen, das von den Pitoëffs engagiert wurde!“

Jacques Weber (Marc) und Claude Jade (Julie) in „Le malin plaisir“

Die Zimmer der Rollen werden von ihren Schauspielern bewohnt. Bild oben links das Zimmer Mélisas (Nicoletta Machiavelli), ihre Nachbarin ist Julie (Claude Jade).

Die Schauspieler schlafen im Château d’Arpaillargues in jenen Zimmern, die auch von ihren Rollen bewohnt werden. Eine familiäre Atmosphäre entsteht so für Jacques Weber, im Kino bis dahin vor allem durch Costa-Gavras‘ „Sondertribunal“, Juan Luis Buñuels „Die Frau mit den roten Stiefeln“ und als zentraler Hauptdarsteller in Yves Boissets „R.A.S.“ bekannt, und seine populären Partnerinnen: Die rätselhafte Anny Duperey, die mit Claude in „Sous le signe de Monte Cristo“ zu sehen war, hatte nach Hauptrollen in Komödie wie Pierre Richards „Les malheurs d’Alfred“ und Jean Delannoys „Nur eine Frage der Zeit“ gerade ihren Durchbruch als Partnerin von Jean-Paul Belmondo in Alain Resnais‘ „Stavisky“. Nicoletta Machiavelli aus Luigi Zampas sarkastischer Komödie „Eine Frage der Ehre“ war ein Star des Italo-Western. Die rotblonde Cécile Vassort war seit Claude Gorettas „Die Einladung“ eine Nachwuchshoffnung und war als Jean Gabins Filmtochter, die sich in „Zwei Männer in der Stadt“ in Alain Delon verliebt, bekannt.

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Ein besonderes Wiedersehen gibt es bei den Dreharbeiten für Claude Jade und die Grande Dame Mary Marquet.
Sie war die letzte Geliebte Edmond Rostands, des Schöpfers des „Cyrano de Bergerac“ und des von Claudes Schwarm Pierre Vaneck gespielten „L’Aiglon“.
Mary Marquet war sieben Jahre zuvor Claudes Lehrerin am Théâtre Edouard VII gewesen.Claude hatte sie bereits im Pariser Salon „Carita“ wiedergesehen, wo die Dame mit der Stimme einer großen Tragödin das Personal regelmäßig in Angst und Schrecken versetzte. La Marquet war auch privat so resolut und einnehmend wie in ihrem Filmerfolg als Schlossherrin und Schwiegermutter der Deneuve in der Résistance-Komödie „Das Leben im Schloss“ (1965).

Claude Jade, Mary Marquet, Le malin plaisir, mary marquet claude jade le malin plaisir 1975 chateau d arpaillargues„Ich war bei diesem Wiedersehen sehr glücklich und ein wenig eingeschüchtert“, verrät Claude Jade 1975 in einem Interview mit „Ciné Revue“ über die Arbeit mit ihrer einstigen Lehrerin: „Mary Marquet ist jemand, der in einigen Momenten vielleicht ungeheuer lustig sein kann und in anderen sehr ärgerlich. Ich muss dazu sagen, dass sie mir immer Angst machte, wenn sie bei Cochet ihre Poesie-Kurse gab“.
Da Bernard sie erst nach zwei Wochen besuchen wird, sind die Abende im Schloss  lang und Claude verbringt sie mit Mary Marquet. Diese liebt das Scrabble und will um Geld spielen, wovon die ehemalige Schülerin ihrer nun 79jährigen Lehrerin, die schlecht sehen kann, abrät. Die Hirnhaut auf der Suche nach schönen Wörtern zu strapazieren, sei doch besser als Geld zu gewinnen oder zu verlieren.

malin plaisir chateau-d-arpaillargues-le malin plaisir jacques weber claude jade anny duperey mary marquet cecile vassort nicoletta machiavelli bernard toublanc michel eric najsztat Marquet wird von ihr alsbald „Mamie“ genannt und diese Oma besteht darauf, dass Claude jeden Abend in ihr  Zimmer kommt für eine, zwei oder drei Partien. Die anderen Kollegen sind zwar voll des Respekts für die betagte Dame, aber umschiffen die Falle mit der Auslastung durch Besuche von Freunden und andere Vorhaben. Unter der Extravaganz der Äußerungen Marquets erkennt die 25jährige in jenen Nächten eine empfindsame Frau. Mary Marquet ist unheilbar zerbrochen am Tod ihres einzigen Sohnes. Ein Photo, das ihn als Widerstandskämpfer während des Krieges zeigt, thront am Kopfende ihres Bettes auf dem Nachttisch.
malin plaisir claude jade jacques weber mary marquet cecile vassort yvonne pellegrini nicoletta machiavelliClaude gesteht ihr von den einstigen Ängsten vor ihr als Lehrerin. Sie habe bei ihren Kursen immer versucht, sich unsichtbar zu machen.
Als Claudes Ehemann Bernard  eintrifft, bittet sie ihn, die „Oma“ zu besuchen. Er hat es damit nicht besonders eilig. Erst am übernächsten Tag lässt er sich erweichen und vorstellen. Auf das „Mamie, ich möchte Ihnen Bernard vorstellen“ erwidert Marquet mit einem schrecklichen Blitz im schwarz glänzenden Blick: „Den Ehemann stellt man mir am ersten Tag vor, nicht am dritten“. Mit der Geste eines stolzen Rächers schiebt sie die „Enkelin“ von sich und schließt in großer theatralischer Pose die Tür.

Claude Jade mit Bernard Coste. „Wenn er mir nein gesagt hätte, wäre ich sicherlich enttäuscht gewesen, aber ich hätte diesen Film nicht gemacht.“ (Interview Cine Revue 1975)

Für die Rolle der Julie akzeptiert Claude Jade erstmals Nacktaufnahmen.
Sie versucht, ähnlich ihrer Einflussnahme auf Manettes Entblößung bei „Mein Onkel Benjamin“, den Verlauf der Szene zu ändern. Doch schließlich trinkt sie mit Partner Jacques Weber vor den Aufnahmen ein wenig Vodka, um „weniger peinlich zu wirken“.
Bernard Coste hatte seiner zögernden Frau bereits im Vorfeld erklärt, sie wäre dumm, auf den Film zu verzichten. In der Ciné Revue sagt sie 1975: „Wir haben es lange zusammen besprochen. Es war mir ziemlich peinlich. Er antwortete, dass ich dumm sei. Dass ich eine gute Figur hätte und ich es also ausnutzen könne. Da wurde mir klar, dass er nicht eifersüchtig war. Durch diese Einstellung hat er in meinen Augen viel gewonnen. Wenn er mir nein gesagt hätte, wäre ich sicherlich enttäuscht gewesen, aber ich hätte diesen Film nicht gemacht.“

Vier Jahre zuvor hatte Claude Jade erklärt, sie müsse für eine derartige Entscheidung ihre Mentalität ändern. „Ich dachte immer, es schickt sich für eine ernsthafte Schauspielerin nicht, sich auszuziehen. Ich habe mich geirrt“, sagt sie der „Ciné Revue“.
So liegt Claude Jade nackt mit Jacques Weber im roten Widerschein des Kaminfeuers, sonnt sich barbusig am Pool und wird von Weber in einem begehbaren Kleiderschrank ihrer Kleider entledigt. Und das Sexspielzeug, das Claude Jade als Julie Schmidt in ihrem Schrank aufbewahrt, geht hinaus über die Fetisch-Bitte von Antoine Doinel in „Domicile conjugal“, ob Christine im Bett ihre Brille wieder aufsetzten könne. Alles, was bisher tabu war, gibt Claude Jade hier auf für eine Rolle, die ihr auf der Leinwand den Bruch mit ihrem ewigen Image der braven jungen Frau erneut herbeizuführen scheint.

Cécile Vassort (Christine) und Claude Jade (Julie) in „Le malin plaisir“

Fünf Jahre nach „Domicile conjugal“ steht Claude Jade erneut auf einer Bibliothekstreppe. Der Film, in dem sie von einer solchen fast in die Arme Jacques Webers stürzt, bringt einen Wandel im Image der Schauspielerin, doch das neue Bild setzt sich nicht durch; Claude Jade bleibt weiterhin die positive Heldin.
“La Revue du cinéma“ nennt den Film „eine verpasste Gelegenheit“ und spottet, die interessante Geschichte sei zu drei Vierteln der Laufzeit an die von der Maskenbildnerin vernachlässigte nackte Haut Jacques Webers vergeudet.
Während sich die Kritik der „Revue“ darüber auslässt, dass Mary Marquet ständig Pausen pausiere und posiere, als erwarte sie Applaus und die hübsche Anny Duperey nur unentwegt an ihrem weiten Kaftan zurren dürfe, geht sie den Regisseur auch wegen der bisher ungewohnten Nacktszenen der sonst so anständigen Claude Jade an:  „Bernard T. Michel verfällt in Lächerlichkeit, wenn er Claude Jade nackt an der Schreibmaschine zeigt oder ihr die Kleider vom Leib reißen lässt. Sehen Sie, Monsieur Toublanc-Michel, Claude Jade wirklich als eine jener jungen Frauen an, denen man die Kleider brutal vom Leib reißt oder die man in einer Kleiderkammer vergewaltigt?“

Und der „Nouvel Observateur“ bemerkt, dass dieser Stoff unter der Hand eines Michel Deville hätte wahrhaftig gelingen können; angesichts des vorliegenden Films entstünde allerdings manchmal der Eindruck, die Stars hätten hier ihren Sommerurlaub verbracht und allein die Mittagssonne habe Regie geführt.

Im verschneiten Jura spielt fünf Jahre später Bernard Toublanc-Michels Verfilmung eines anderen Kriminalromans:  1980 dreht er „La grotte aux loups“ nach André Bessons „Wolfshöhle“. Hier ermittelt Claude Jade als Lehrerin Solange in einem Doppelmord.

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Bernard Toublanc-Michel und seine Filme „Les Baisers“ (Epsiode), „L’or du duc“ (Co-Regie) „La difficulté d’être infidele“, „Cinq gars pour Singapour“, „Adolphe ou l’âge tendre“, „Le petit Bougnat“, „Le malin plaisir“, „La grotte aux loups“. Daneben Regie für TV-Serien („Le provocateur“, „Anne jour après jour“, „Le mutant“)

Anmerkung:
Der Artikel basiert allein auf Berichte aus Zeitschriften, Claude Jades Erinnerungen „Baisers volés“ und wenige Ausschnitte aus dem Film, den ich noch nicht sehen konnte.

 

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Bernard Toublanc Michel und seine bekanntesten Filme „Cinq Gars pour Singapour“, „Adolphe ou l’âge tentre“, „Le petit Bougnat“ und „Le malin plaisir“