L’amour en fuite – Liebe auf der Flucht

L’AMOUR EN FUITE   (Liebe auf der Flucht)
F 1978/79 Regie: François Truffaut  Buch: Truffaut, Marie-France Pisier, Jean Aurel, Suzanne Schiffman  Kamera: Nestor Almendros  Musik: Georges Delerue, Chanson „L’amour en fuite“: Alain Souchon  Schnitt:  Martine Barraqué  Produzent: Marcel Berbert Produktion: Les films du Carrosse  EA: 24.02.1979  DA: Berlinale 1979
Darsteller:
Jean-Pierre Léaud (Antoine), Marie-France Pisier (Colette), Claude Jade (Christine), Dorothée (Sabine), Dani (Liliane), Daniel Mesguich (Xavier), Julien Bertheau (Monsieur Lucien), Jean-Pierre Ducos (Raoul Lecorps, Christines Anwalt), Marie Henriau (Scheidungsrichterin Dardignat), Rosy Varte (Colettes Mutter), Julien Dubois (Alphonse Doinel), Emmanuel Clot (Emmanuel), Roland Thénot (Mann in der Telephonzelle), Monique Dury (Madame Ida), Pierre Dios (Maître Renard), Alain Ollivier (Richter in Aix-en-Provence)…

Antoine und Christine Doinel lassen sich scheiden, bleiben aber Freunde. Mit der Wahrheit nimmt es Antoine in seinem autobiographischen Roman „Liebessalat“ nicht so genau, wie auch seine Jugendfreundin Colette feststellt. Während Antoine Probleme mit seiner neuen Freundin Sabine hat, treffen sich Colette und Christine, um zu resümieren… Den letzten Film des Doinel-Zyklus reicherte Truffaut mit zahlreichen Rückblenden an.

François Truffaut, der den Doinel-Zyklus mit „Domicile conjugal“ beendet hatte, kehrt 1978 ein letztes Mal zu seinen Helden zurück. Bereits bei einer Doinel-Retrospektive in Dänemark verlangen die jungen Zuschauer nach einer Weiterführung der Chronik. Jean-Pierre Léaud hat nach 1973 nur drei Filme gedreht; er leidet unter chronischem Geldmangel und ausbleibenden Angeboten.

François Truffaut, Claude Jade und Marie-France Pisier

Auf Bitte von Marie-France Pisier, die 1962 in der Kurzfilm-Episode von „Liebe mit zwanzig“ die Colette spielte und Co-Autorin des neuen Films ist, entschließt sich Truffaut letztendlich zu „L’amour en fuite“ (Liebe auf der Flucht). Pisier will eine Liebesgeschichte zwischen Antoine und Colette, doch Truffaut ist mit ihren Ideen unzufrieden. Pisier schlägt vor, dass Antoine seiner Jugendliebe Colette, inzwischen Psychoanalytikerin, begegnet und ihr sein Leben erzählt. Diese Konzession an den Zeitgeschmack missfällt ihm. Auch als aus Colette eine Anwältin wird, der Antoine sein Leben erzählt und am Ende mit ihr zusammenkommt, behagt Truffaut nicht. Ihm ist lediglich klar, dass er Material der vorangegangenen Filme verwenden würde, doch es geht ihm auch darum, Léaud und Claude Jade in der Rahmenhandlung gute Szenen zu geben.

Claude Jade als Christine Doinel im letzten Doinel-Film „L’amour en fuite“ (Liebe auf der Flucht)

In „Liebe auf der Flucht“ steht weiterhin die Bibliothekstreppe aus „Tisch und Bett“ im Ehedomizil. Jean-Pierre Léaud und Claude Jade im letzten Doinel-Film.

Truffaut ändert das Buch immer wieder und knüpft an „Domicile conjugal“ mit einer Unterbrechung von etwa acht Jahren an. Im Film selbst sollen allerdings erst fünf Jahre vergangen sein, was beim Alter von Sohn Alphonse, gespielt vom 1970 geborenen Julien Dubois, nicht passt.

Claude Jade mit Julien Dubois als Filmsohn Alphonse Doinel in „Liebe auf der Flucht“

War Christine in „Geraubte Küsse“ und „Tisch und Bett“ zentrale Heldin, gibt es nun vier Frauen im Leben von Doinel. Antoine schreibt an seinem neuen Roman „Liebessalat“ und Christine lernt in ihrer Arbeit als Geigenlehrerin die laszive Liliane (Dani) kennen. Aus der abenteuerlustigen Geigenschülerin wird Christines enge und äußerst einnehmende Freundin. Zuerst hält Antoine die beiden für lesbisch und schläft mit Liliane, vor der er Christine immer gewarnt hat.  Die Doinels entschließen sich zur Scheidung in beiderseitigem Einvernehmen. Antoine ist in die Schallplattenverkäuferin Sabine (Dorothée) verliebt und gleich nach der Scheidung sieht Antoines Jugendliebe Colette (Marie-France Pisier) das Paar vor dem Gerichtsgebäude, um später Antoine und dann auch Christine zu begegnen…
Foto: Antoine mit Portraits von Sabine, Colette, Christine und Liliane.

Im Taxi zur Scheidung: Claude Jade und Jean-Pierre Léaud als Christine und Antoine Doinel.

Antoine hat tatsächlich den Scheidungstermin vergessen. Kamermann Nestor Almendros, der neben „Domicile conjugal“ auch bei sechs weiteren Truffaut-Filmen Kamera führte, erhält in einem Dialog im Taxi zum Gericht eine schöne Widmung, als Christine sagt, er habe sicher auch ihren Hochzeitstag vergessen. Antoine: „Das ist der 26. Februar.“
Weshalb er Datum wisse, fragt Christine. „Aber das ist doch der Nestor-Tag.“

Christine: Antoine, ça c’est vraiment énorme ! Oublier le jour de son divorce ! Si je racontait ça, personne ne me croiait.
Antoine: Et pourtant, il y a des choses incroyables qui sont vraires.
Christine: Je suppose que tu as oublié le jour de notre mariage.
Antoine: Nous nous sommes mariés le 26 février.
Christine: Ah bon! Tu as retenu la date !
Antoine: Evidemment, c’était la Saint-Nestor !

 

Christine und Antoine Doinel vor der Scheidung. Claude Jade und Jean-Pierre Léaud in „Liebe auf der Flucht“

Antoine und Christine sind das erste Paar, das die neuen Scheidungsgesetze nutzt. Dabei erfährt Christine von ihrem Anwalt (Jean-Pierre Ducos), dass sich die Paare noch vor einem Jahr beleidigende Briefe hätten schreiben müssen. „Und was, wenn es keine gab?“ – „Dann habe ich sie eben aufgesetzt“.
Jean-Pierre Ducos war in der 1967 gedrehten Serie „Les oiseaux rares“ der Spanischlehrer, für den Sylvie (Claude Jade) schwärmt und der später mit ihrer Schwester Martine zusammenkommt.
Und in „Malaventure: Monsieur seul“ ist er ein Inspektor, der am Ende Serienmörderin Hélène (Caude Jade) festnimmt.

Christine Doinel (Claude Jade) mit ihrem Anwalt Raoul Lecorps (Jean-Pierre Ducos)

Scheidung in beiderseitigem Einvernehmen: Claude Jade und Jean-Pierre Léaud in „L’amour en fuite“

Richterin Dardignat (Marie Henriau) übernimmt die erste Scheidung in beiderseitigem Einvernehmen.

Claude Jade, Jean-Pierre Léaud und Jean-Pierre Ducos in „Liebe auf der Flucht“

„Was will die ganze Presse hier?“ „Sie sind das erste Paar mit einer Scheidung in beiderseitigem Einvernehmen.“

Vor dem Gerichtsgebäude trifft Christines Anwalt seine Kollegin Colette. Claude Jade, Jean-Pierre Léaud, Marie-France Pisier und Jean-Pierre Ducos

Während Christine der vor dem Gerichtsgebäude erschienenen Presse amüsiert und souverän erklärt, dass dies keine giscardsche Scheidung sei und schon Napoléon die Revolutionsgesetze dazu benutzt hätte, Joséphine loszuwerden, stößt ihr Anwalt mit einer Kollegin zusammen: Colette (Marie-France Pisier).

„Bereits Napoleon hat die Revolutionsgesetze benutzt, um Joséphine loszuwerden.“ Claude Jade und Jean-Pierre Léaud in „Liebe auf der Flucht“

Colette erkennt Antoine und eilt in die Buchhandlung ihres Freundes Xavier Barnerias (Daniel Mesguich), um sich Antoines neuen Roman zu kaufen. Christine muss zu Prüfungen ans Konservatorium und bittet Antoine, den Jungen zum Bahnhof zu bringen. Bei dieser Gelegenheit sieht ihn Colette im gegenüber abfahrenden Zug. Sie winkt mit dem Buch, der Zug fährt ab, Antoine springt auf. Colette erfährt aus dem „Liebessalat“ von Antoines Beziehung zu Christine, von dem Seitensprung mit Kyoko.
Während Colette den Roman liest, erscheinen Rückblenden.
Als Antoine sich zu ihr setzt, korrigiert sie seine im Roman geschilderten Lebenslügen und erfährt in Rückblenden von seiner Ehe mit Christine und den Gründen für das Scheitern der Beziehung. Neben den Rückblenden aus „Liebe mit zwanzig“, „Geraubte Küsse“ und „Tisch und Bett“ setzt Truffaut hier erstmals die Figur der Liliane ins Bild, eine Freundin Christines, die sich im Eheleben der Doinels einfügt, als stamme auch diese Episode aus vorangegangen Filmen.

In Antoines Gespräch mit Colette über das Scheitern seiner Ehe mit Christine taucht plötzlich eine neue Frau im Doinel-Zyklus auf: Liliane (Dani)

Jean-Pierre Léaud, Julien Dubois, Claude Jade und Dani in „Liebe auf der Flucht“

Dank eines Kompliments von Liliane entschließt Christine sich, als Illustratorin zu arbeiten. Claude Jade und Jean-Pierre Léaud in „Liebe auf der Flucht“

Jean-Pierre Léaud, Julien Dubois, Claude Jade und Dani

Da Antoine kein Ticket besitzt, lädt ihn Colette in ihr Schlafwagenabteil ein. Als Antoine sie küssen will, setzt sie ihn vor die Tür und Antoine, der dabei ein zerrissenes und wieder zusammengeklebtes Photo von Sabine verliert, zieht die Notbremse und flüchtet zu seiner neuen Flamme. Doch Sabine will von ihm nichts wissen, da er sich immer noch weigert, ihr seinen Sohn vorzustellen. In diesem Mittelteil des Films wird die Geschichte um Antoine, Christine und Liliane nur in neu gedrehten Rückblenden forterzählt: Eine der Szenen gibt Claude Jade die Gelegenheit, Christine ihren Mann Antoine imitieren zu lassen. Wie Jean-Pierre Léaud gestikulierend und intonierend, gibt sie dessen Warnung vor Liliane wieder. Das Ende der Geschichte hebt sich Truffaut für das Treffen von Christine und Colette gegen Ende des Films auf.

Christine (Claude Jade) imitiert Antoine (Jean-Pierre Léaud): „Weißt du Christine, trotz allem; ich frage mich wirklich, ob Liliane nicht doch etwas mit dir vorhat….“

Christine (Claude Jade) soll für Antoine bei Sabine vermitteln, doch sie ist nicht da.

Antoine bittet Christine, sich mit Sabine zu treffen. Als Christine sich auf den Weg macht, hat Colette den Namen auf der Rückseite des Photos gelesen: Sabine Barnerias. Sie glaubt, ihr neuer Freund Xavier Barnerias sei mit dieser Sabine verheiratet und macht sich auf den Weg zu der jungen Dame. Sabine ist allerdings Xaviers Schwester und Christine und Colette begegnen sich – dem konsequenten Zufallsprinzip des Films entsprechend – in Sabines Treppenhaus.
„Sind Sie Sabine Barnerias?“, fragt Christine. „Ich bin zwar nicht Sabine Barnerias, aber wir sind dennoch im gleichen Club. Ich spreche vom Club der Ehemaligen von Antoine Doinel.“

Der Club der Ehemaligen: Claude Jade und Marie-France Pisier in François Truffauts „L’amour en fuite“

 

Claude Jade und Marie-France Pisier

 

Die beiden Frauen resümieren in einem Park Antoines Leben. Christine beschreibt lachend, wie sie Antoine und Liliane im Bett ertappte und wie er eine typische Ausrede fand.

Truffaut geht in dem Einsatz von Rückblenden aus seinem Œuvre so weit, dass er nicht nur aus dem Doinel-Zyklus zitiert. Er verwendet auch Rückblenden aus „La nuit américaine“, in dem Jean-Pierre Léaud (als Filmstar Alphonse) und Dani (als Scriptvolontärin Liliane) eine Affaire haben.

Claude Jade und Dani in „L’amour en fuite“ (Liebe auf der Flucht)

„Liliane hatte das Gesicht eines Vamps und ausgesprochen burschikose Manieren, sie war das absolute Gegenteil von Christine und zugleich all das, was Christine gern gewesen wäre“, beschreibt Antoine Doinel in Truffauts „Liebe auf der Flucht“ die Freundin seiner Frau Christine, Liliane, gespielt von Danièle Graule, die als Dani bekannt wurde. * „Liliane avait un visage de femme fatale avec des allures de garçon manqué [Truffaut bezieht sich im Dialog auf einen von Dani gesungenen Hit]. Elle était tout ce que Christine aurait voulu être“.

In „Liebe auf der Flucht“ (L’amour en fuite) erscheint Dani als Liliane in Rückblenden, die so tun als stammten sie aus dem Doinel-Zyklus, einem nicht veröffentlichten Film zwischen „Domicile conjugal“ und „L’amour en fuite“. Sie scherzt mit Julien Dubois, der den Sohn von Christine und Antoine spielt, aus den gegenüberliegenden Fenstern, die aus „Domicile conjugal“ bekannt sind. Tatsächlich war Liliane eine Figur in „La nuit américaine“, die Scriptvolontärin, die eine Affaire mit Schauspieler Alphonse hat und dann mit einem Stuntman durchbrennt.

Liliane aus „La nuit américaine“ in „L’amour en fuite“. Jean-Pierre Léaud, Dani und Claude Jade.

 

Dani, François Truffaut und Claude Jade bei Dreharbeiten

Dani war längst keine Unbekannte, als Truffaut ihr 1973 mit „Die amerikanische Nacht“ zum Durchbruch verhalf. Durch die Pariser Clubszene und Bekanntschaften wird sie Fotomodell und mit Hilfe Benjamin Augers Sängerin mit „Garçon manqué“. Sie gilt schnell als Vamp der Nachtclub-Szene. Während Claude Jade 1969 in Interviews erklärt, sie würde sich in Nachtclubs langweilen, wird Dani genau dort Mitte der 60er Jahre zu einer „Königin der Nacht“.

Tanzschritte vom Vamp: Dani und Claude Jade in „Liebe auf der Flucht“

Liliane gehört so zur Antoine-Doinel-Chronik. In einer aus „Die amerikanische Nacht“ verwendeten Rückblende, einem Disput zwischen Liliane und Alphonse, wird ein Streit zwischen Liliane und Antoine, in den eine neu gedrehte Szene mit Claude Jade montiert wurde .

Im Original war es Truffaut als Ferrand, der die beiden anspricht, hier ist es Christine Doinel, die den beiden zuruft, sie sollen sich endlich versöhnen. Auch ein Dialog zwischen Liliane und Christine über Antoine, für den eine Frau gleichzeitig eine Krankenschwester, eine Geliebte, ein Schwesterchen und eine Amme sein muss und sie, Liliane, diese Aufgaben nicht erfüllen könne, entstammt einem Dialog aus der „amerikanischen Nacht“ und erinnert auch an die Szene aus „Domicile conjugal“, in der Antoine der im Taxi sitzenden Christine sagt, sie sei seine kleine Schwester, seine Tochter, seine Mutter und sie entgegnet „Ich wär auch gern deine Frau gewesen.“

Neu gedrehte Flashbacks zeigen die Freundschaft von Christine und Liliane, die gemeinsam illustrieren und tanzen oder sich über Antoine lustig machen. Christine, die Liliane Geigenunterricht gibt und sie „sehr schön“ findet, bewundert die neue Freundin, die Kinderbücher schreibt und illustriert. Christine berichtet Antoine stolz, dass ihr auch ihre Bilder gefallen würde, die sie mal für Alphonse gemalt hätte. So findet Christine neben der Arbeit als Geigenlehrerin eine weitere Aufgabe als Illustratorin.

Claude Jade und Dani in „L’amour en fuite“

Dani, Jean-Pierre Léaud, Claude Jade

Als Gruß an seinen Freund Éric Rohmer lässt Truffaut Liliane und Christine Kostümentwürfe für dessen „Perceval le Gallois“ malen, der etwa zeitgleich mit „L’amour en fuite“ ins Kino kommt -und bei dem ebenfalls Nestor Almendros hinter der Kamera steht. Liliane lebt sich ein, die beiden werden unzertrennlich und Antoine meint, sie wollten ihre Persönlichkeit tauschen: „jede wollte die andere werden“ Die beiden küssen sich, was Antoine irritiert und nun parodiert Claude Jade Antoine: wie Jean-Pierre Léaud gestikulierend, ahmt sie Antoine nach, der seit der Lektüre der Romane von Colette überall nur Lesben sieht und Christine warnt, sich vor Liliane in Acht zu nehmen: „Weißt du Christine, trotz allem; ich frage mich wirklich, ob Liliane nicht doch etwas mit dir vorhat. Dieses Mädchen mag alles, was vage ist, seltsam, bizarr, zweideutig, du verstehst, was ich meine. An deiner Stelle würde ich aufpassen.“

 

In den Sommerferien in Südfrankreich bittet Christine Antoine, er könne ruhig etwas netter zu Liliane sein. Die Szene, in der Christine zu früh vom Markt heimkommt und nun Liliane und Antoine im Bett erwischt, zeigt Truffaut erneut als Buchliebhaber: Antoine hatte Liliane ein Buch geschenkt und sie hatte es, um den Umschlag zu schützen, in Zeitungspapier gewickelt. Und das habe Antoine dann so gerührt, dass er mit ihr schlafen musste.

Dani, Jean-Pierre Léaud und Claude Jade

Als Christine Colette lachend von diesem Seitensprung mit der Ausrede berichtet, weiß sie: Die Abwesenheit von Schmerz, Eifersucht und Trauer hat ihr gezeigt, dass sie Antoine nicht mehr liebe. Jetzt sei sie zu einer Freundschaft mit ihrem Ex fähig.

Colette gibt Christine das zerrissene Foto von Sabine. Claude Jade und Marie-France Pisier in „Liebe auf der Flucht“

Colette bittet Christine, Antoine das zerrissene Portrait von Sabine zu bringen.

Christine gibt Antoine das Foto, mit dem er zu Sabine eilt und gesteht, wie er sich in sie verliebte: Ein wütender Mann zerriss das Foto, er setzte die Teile zusammen und suchte die Unbekannte. Sabine und Antoine versprechen sich, es miteinander zu versuchen und küssen sich.

Die dünne, doch in ihrem Zufallsprinzip elegante Rahmenhandlung bildet das Skelett zu einem Meisterwerk der Montage. Die Rückblenden werden unter neuem Kontext erzählt und Tonüberlappungen ironisieren die Kommentare. Die Fahrt von Antoine und Christine zum Scheidungstermin oder das Gespräch Christines mit ihrem Anwalt führen Flashbacks ein, die den eigentlichen Reiz des Films ausmachen. So stellt Truffaut die Küsse zwischen Antoine und Christine aus „Baisers volés“ und „Domicile conjugal“ gegeneinander. Und wenn die Scheidungsrichterin ihre Brille aufsetzt, erscheint jene Szene aus „Domicile conjugal“, in der Antoine Christine im Bett bittet, ihre Brille wieder aufzusetzen, eine Liebeserklärung, die kaum schöner zu filmen ist.

Christine ist wie schon in der Entwicklung von „Baisers volés“ zu „Domicile conjugal“ einmal mehr gereift, während Antoine stagniert. Sie nennt ihn „mein Alterchen“ und bleibt nach der Scheidung seine engste Freundin, seine unverzichtbare Vertraute. Sie wird sein bester Kumpel.

Das fehlende Kapitel

Die Vertrautheit zwischen Christine und Antoine zeigt Truffaut beim Scheidungstermin, wenn sie sich in der Tür zum Richterzimmer zuzwinkern. Doch ein entscheidendes Kapitel zwischen beiden fehlt im fertigen Film. „L’amour en fuite“ wird mit Fotos beworben, auf denen Claude Jade – jeweils in ein rosa Shirt gekleidet – zärtlich Léauds Wange streichelt, er ihr eine Schallplatte reicht, ihr beim Malen zusieht oder deprimiert mit ihr im Korridor steht.

Claude Jade: „Moi, je suis sa femme, enfin l’ancienne.“

Nach der Scheidung sind Antoine (Jean-Pierre Léaud) und Christine (Claude Jade) im letzten Film des Doinel-Zyklus beste Freunde. Doch von dieser Freundschaft fehlt in „Liebe auf der Flucht“ ein entscheidendes Kapitel. Im offiziellen Kino-Trailer war ein Ausschnitt aus dieser Episode zu sehen, darüber Claude Jades Stimme: „Moi, je suis sa femme, enfin l’ancienne“

Die von François Truffaut für „L’amour en fuite“ gedrehten Szenen wurden mit Standfotos beworben, doch bis heute wurde dieses Material noch nicht veröffentlicht.

„en chargée de mission“: Colette im eigenen und Christine in Antoines Auftrag.

Im fertigen Film klingelt Christine plötzlich an der Wohnungstür von Sabine (Dorothée) und begegnet im Treppenhaus Colette (Marie-France Pisier). Später erklärt Christine, dass sie als eine Art Beauftragte Antoines zu Sabine wollte. Die Szene, die zu dieser Mission führte und die das frisch geschiedene Paar Antoine und Christine als beste Freunde zeigte, fehlt leider.

Antoine besucht nach der Scheidung seine Ex-Frau Christine

In der 1987 erschienen Auflage von „Les Aventures d’Antoine Doinel“ von Ramsay wird dieses Kapitel beschrieben:
Désemparé , Antoine va chercher refuge près de … Christine. Elle n’est plus sa femme, mais elle est demeurée sa meilleure amie. Christine refuse tout d’abord la mission de réconcilation dont Antoine veut la charger auprès de Sabine. Mais elle se laisse attendrir par la peine évidente et finit par accepter. Elle lui propose même de dormir cette nuit dans la chambre de son fils.

Verzweifelt sucht Antoine die Nähe von … Christine. Sie ist nicht länger seine Frau, aber sie ist seine beste Freundin geblieben. Christine lehnt zunächst die Versöhnungsmission ab, mit der Antoine sie zu Sabine schicken will. Aber sie lässt sich von seinem offensichtlichen Schmerz bewegen und akzeptiert es schließlich. Christine bietet ihm sogar an, diese Nacht im Zimmer seines Sohnes zu schlafen.

Claude Jade und Jean-Pierre Léaud – L’amour en fuite

Diese Szenen fehlen in François Truffauts „Liebe auf der Flucht“

Jean-Pierre Léaud und Claude Jade mit einem Bildnis Oskar Werners

Das Ende der Chronik um Antoine und Christine

Truffaut erklärt in einem Interview mit Simon Mizrahi, weshalb er nicht nur Antoine Doinel sondern auch Christine und Colette eigene Flashbacks gibt: Jeder erzählt jedem eine Geschichte… nach dem Prinzip einer Flasche in einer Flasche in einer Flasche. So wird Claude Jade mit ihrer Schilderung über die Geschichte mit Dani einige von Antoines Flash-backs als Lügen entlarven: „Kurz gesagt, ein Flash-back muss nicht notgedrungen die Wahrheit sagen.“

Claude Jade ist beim letzten Doinel-Film „ein wenig frustiert“, wie sie 2001 in der Sendung „Le cine-blub: Claude Jade“ Pierre Tchernia gesteht.
Sie hat einige sehr schöne Szenen, doch ist nicht mehr die zentrale Heldin. Das Privileg, dass für sie ein Buch geschrieben wurde, wie es in „Domicile conjugal“ der Fall war, ist abgeflogen wie ein gestohlener Kuss.
Diese Position teilt sie sich nun mit Marie-France Pisier und Dorothée, die zuvor TV-Moderatorin war und nach ihrem Debüt in „L’amour en fuite“ nur noch einen Film – Robert Enricos „Pile ou face“ –  drehte, bevor sie zur Moderation zurückkehrte.

Über zwanzig Jahre die Geschichte eines Menschen zu erzählen, ist einmalig in der Filmgeschichte, auch wenn der Held als nur anscheinend verbesserlicher Egoist endet. Die Figuren erklären und erledigen sich selbst. Als filmisches Puzzle und Offenbarung für Cinephile ist „L’amour en fuite“ gelungen, ein beschwingter Lebenszyklus im Montagewirbel eines facettenreichen und virtuosen Vokabulars; doch trotz aller Eleganz erreicht der Abschluss der Reihe nicht den Charme seiner Vorgänger.

Immer wieder unternehmen Regisseure nach Truffauts Tod Versuche, den Zyklus fortzusetzen. Selbst der Politiker und Filmautor Daniel Cohn-Bendit besucht Claude Jade Mitte der 80er Jahre und legt ihr sein Skript vor, mit dem er die Geschichte von Antoine und Christine fortsetzen will. „Er zeigte sich herzlich und einfach, natürlich beredt und brillant“, erinnert sie sich an die Begegnung. Die hehren Absichten Cohn-Bendits zerschlagen sich. Erst 2004 wird zum 20. Todestag ein Hörspiel erscheinen, das auf ein angebliches Skript Truffauts aus dem Sommer 1982 basiert, das seine Tochter Eva in Archiven gefunden haben will. In „Le journal d’Alphonse“ spricht Claude Jade die Christine der junge Stanislas Merhar den Alphonse. Dessen Vater, Antoine Doinel, taucht dann nicht mehr auf.

 

Das Team von „L’amour en fuite“ von François Truffaut

François Truffaut bei Dreharbeiten mit Claude Jade und Marie-France Pisier

Jean-Pierre Léaud mit den Fotos von Dorothée, Marie-France Pisier, Claude Jade und Dani

griechisches Fimplakat zu François Truffauts „L’amour en fuite“

François Truffaut und Claude Jade bei der Vorpremiere von „L’amour en fuite“ in Luxemburg

Christine Doinel (Claude Jade) mit Sohn Alphonse Doinel (Julien Dubois). „L’amour en fuite“ von François Truffaut