Trautes Heim: Benoît Lamys Home Sweet Home im Arte Streaming Juni – September 2026

Nachdem Arte in den Jahren 2024 und 2025 bereits die Truffaut-Klassiker mit Claude Jade im Streaming zeigte, folgt nun ein weiteres Werk ihrer Filmografie in der Arte Mediathek: Das mit insgesamt 14 internationalen Preisen ausgezeichnete Meisterwerk Home Sweet Home (Trautes Heim) von 1973 ist vom 15. Juni bis 14. September 2026 für ein großes Publikum greifbar.
Der belgische Klassiker von Benoit Lamy mit Claude Jade, Jacques Perrin, Ann Petersen und Marcel Josz erlebte erst kürzlich eine feierliche Renaissance: Nach einer aufwendigen Restaurierung wurde das Werk im Juni 2025 in Brüssel und im Oktober beim Berliner Filmerbe-Festival FILM RESTORED in Anwesenheit von Bruno Mestdagh (Cinémathèque royale de Belgique) wiederentdeckt.

Kinematografische Revolte: Aufstand im Pflegeheim

Home Sweet Home
ist eine furiose, post-68er Revolutionsmetapher, die das Motiv des generationellen Aufbegehrens radikal umkehrt. Nicht die Jugend probt hier den Aufstand, sondern die vermeintlich Ohnmächtigen: die institutionalisierten Bewohner eines Brüsseler Pflegeheims.

Der Film verweigert sich bewusst dem Gestus des Mitleids. Statt die Alten als makellose, passive Opfer zu inszenieren, porträtiert Lamy sie mit anarchistischer Lebensfreude als streitbare Subjekte, die sich gegen die bürokratische Entmündigung und die alltägliche Verachtung eines repressiven Systems zur Wehr setzen. Was mit einem scheinbar banalen Protest gegen die Verweigerung eines Desserts beginnt, eskaliert konsequent zu einer veritablen, barrikadenreichen Revolte auf dem Dach der Institution.

Unterstützt von einer dokumentarisch anmutenden Kameraführung, die die Authentizität der zahlreichen Laiendarsteller spürbar macht, feiert das Werk den Kampf um die menschliche Würde und das Recht auf Selbstbestimmung bis ins hohe Alter. Eine tragende Rolle spielt dabei auch die von Claude Jade getragene Dynamik des Films: Ihre junge Krankenschwester Claire wird zur entscheidenden Identifikationsfigur, an deren moralischer Entwicklung sich der gesamte Konflikt spiegelt. Untermalt wird dieser Prozess durch eine bewusst gewählte, kämpferische Revolutionsmusik – ein akustischer Faustschlag, der anstelle larmoyanter Töne den generationenübergreifenden Aufstand antreibt.

Claude Jade, Jacques Perrin, Jane Meuris, Marcel Josz

Claude Jade, Ann Petersen

Claude Jade als Claire und Ann Petersen als Heimleiterin Yvonne

Claude Jade als Claire: Vom Rädchen im System zur Komplizin

Innerhalb des harmonischen Ensembles – flankiert vom engagierten Sozialhelfer Jacques, gespielt von Jacques Perrin – fungiert Claude Jade in der Rolle der Pflegerin Claire als das emotionale und dramaturgische Rückgrat des Films. Ihre Figur bricht radikal mit dem gewohnten Image der reinen Sympathieträgerin und durchläuft als einzige Instanz des Films eine tiefgreifende moralische Wandlung. Zu Beginn verkörpert Jade mit kühler Präzision die systemkonforme Erfüllungsgehilfin. In der dramatischen Schlüsselszene im Speisesaal, wenn die Musik zu einem bedrohlichen Crescendo anschwillt, durchschreitet sie den Raum wie ein autoritärer Wachsoldat. Das plötzliche Verstummen der Musik bricht mit ihrer Bewegung ab und besiegelt das Scheitern ihres Machtkampfes, in dem die Drohung die Empathie ersetzt hat.

Nach ihrer folgenschweren Denunziation an Jacques spielt Jade die aufkommenden Schuldgefühle, die Skepsis gegenüber der despotischen Heimleitung und die eigene Ohnmacht bemerkenswert subtil. Ihr Blick wird zum moralischen Spiegel für das Publikum; sie agiert als sensible Chronistin der Missstände im Mikrokosmos des Heims, die im engen Closeup jede Facette von Angst und wachsender Verachtung für das System transportiert. Ihre Wandlung vollzieht sich nicht durch laute Parolen, sondern durch leise, aus dem Herzen gespielte Nuancen. Wenn Claire sich am Ende mit den Heiminsassen solidarisiert, die Despotin mit Genugtuung verabschiedet und mittels subversiver Cleverness die korrupte Heimleitung zu Fall bringt, wird sie zur eigentlichen Identifikationsfigur des Films. Als Erzählerin, die das Werk rahmt, verleiht Claude Jade diesem anarchischen Befreiungskampf eine stille ambivalente Zerrissenheit und macht spürbar, dass Systemkritik dort beginnt, wo das Individuum aufhört, wegzusehen.



Mehr zum Film hier: Trautes Heim – Home sweet Home 

 

mehr zur Restaurierung hier: Restauriert bei Berliner Festival: Benoît Lamys „Home sweet Home“

Claude Jade „Home sweet Home“ (La fête à Jules) 1973

Der Film im Arte-Streaming (OmU)

Zwar lief die Tragikomödie bei ihren seltenen deutschen Fernsehausstrahlungen – 1975 im ZDF in der Reihe „Der besondere Film“ und zuletzt 1991 auf ProSieben – in der synchronisierten Fassung, doch Arte präsentiert den Film nun im Original mit deutschen Untertiteln (OmU). Damit wird dem Publikum die seltene Gelegenheit geboten, die stimmliche Nuancierung von Claude Jade, Jacques Perrin, Ann Petersen, Marcel Josz und Jacques Lippe und die authentische Sprachgewalt der Brüsseler Laiendarsteller ungefiltert zu erleben.

 

Hier die kompletten Versionen mit Untertiteln

 

Version française
Claude Jade dans « Home Sweet Home » : Une métamorphose magistrale à découvrir sur Arte


Après avoir mis à l’honneur les classiques de Truffaut, Arte propose une pépite rare de la filmographie de Claude Jade : Home Sweet Home (La fête à Jules). Ce chef-d’œuvre de Benoît Lamy (1973), couronné de 14 prix internationaux et récemment restauré, est disponible sur la plateforme de streaming du 15 juin au 14 septembre 2026.

Loin d’être un simple drame, le film est une fable post-68 subversive et jubilatoire. Ici, ce ne sont pas les jeunes qui se révoltent, mais les pensionnaires d’un groupe d’âge avancé dans un hospice bruxellois. Face à la déshumanisation institutionnelle, ils lancent une insurrection joyeuse et anarchique, qui culmine sur les toits de l’établissement.

Le cœur moral de la révolte

Au sein d’une distribution chorale remarquable (aux côtés de Jacques Perrin et Ann Petersen), Claude Jade incarne Claire, une jeune infirmière. Sa performance est le véritable pilier dramatique du film. Brisant son image habituelle de jeune femme idéale, elle ose ici explorer une facette plus sombre : au début, Claire est une exécutante froide et rigide du système.

C’est à travers son regard et ses silences que le spectateur bascule dans le conflit. Sa prise de conscience, jouée tout en nuances et en subtilité, la mène des remords à la solidarité active. En devenant l’alliée des opprimés et la narratrice de leur combat, elle donne au film son ancrage émotionnel. Sa performance montre avec force que la résistance commence là où l’individu refuse de fermer les yeux.

 

mehr zum Film hier

Home sweet Home 

„Home sweet Home“ im Kino

Am 13. April 2019 läuft Benoît Lamys „Home sweet Home“ (La fête à Jules) in Le Chambon-sur-Lignon in der Auvergne im Kino. Die Vorstellung beginnt um 14.45

„Wenn Sie Ihr Mousse nicht essen, verbiete ich Ihnen, die Plätze zu verlassen!“

„Home sweet Home“ schildert die Revolte in einem Brüsseler Altersheim. Vier Jahre nach dem Pariser Mai schickt der 27jährige Lamy die Alten auf die Barrikaden. Das Erstlingswerk zeigt in Verbindung von Sozialkritik und Komödie den Kampf für die Freiheit und das Recht auf Würde. Nach der Revolte wird die Despotin (Ann Petersen) fortgeschickt und das alte System wird durch ein demokratisches ersetzt. Michel Baudours Kamera bleibt immer nah an den Figuren, an jedem einzelnen Detail der Gesichter, jeder Falte, an jedem Lächeln.
Koproduzent Jacques Perrin, der neben Claude Jade als Pflegerin Claire den Sozialhelfer Jacques spielt:
„Es gibt keine schwierigen Themen. Wenn wir es schaffen, für sie die richtige Form zu finden, werden alle Filme für die allgemeine Öffentlichkeit bestimmt sein“.
„Home sweet Home“ erhielt insgesamt 14 internationale Auszeichnungen.

Hier der Link zum Kino:
https://www.leprogres.fr/pour-sortir/loisirs/Cinema/Diffusions-exceptionnelles/Auvergne/Haute-loire/Le-chambon-sur-lignon/2019/04/13/La-fete-a-jules

Hier der Link zum Film „Home sweet Home“ (Trautes Heim)

Inzwischen nach Restaurierung beim Filmerbe-Festival in Berlin 2025
und 2026 als „Home sweet Home“ (La fête à Jules / Trautes Heim) Arte Mediathek

Ann Petersen

Ann Petersen (1927-2003) und Claude Jade in Benoit Lamys „Home Sweet Home“

Heute vor 14 Jahren starb Ann Petersen.
14 internationale Auszeichungen erhielt „Home Sweet Home (Trautes Heim)“, der Film, der  sie als diktatorische Leiterin des Altenheims weltweit bekannt machte. Ann Petersen starb an Diabetes. Für Leute, die sie kannten, sei dies keine Überraschung gewesen: dass ihr Süßigkeiten nicht bekommen, wusste sie. In seinem Portrait zu Petersens Tod vor 14 Jahren erinnerte sich „Nieuwsblad“-Autor Paul Demeyer, dass sie dennoch beim Interview ein Törtchen mit drei Bissen verschlang. Es war Petersens Entscheidung.

Ann Petersen als Heimleiterin in „Home sweet Home“

Schlimm trieb es ihre Direktorin in dem berühmten Film von Benoît Lamy: Sie hortet Vorräte der Heiminsassen, darunter auch Naschwerk. Vor allem jene Szene, in der sie dem renitenten Jules seinen Pudding aus der Hand schlägt und dann den anderen Heimbewohnern erklärt, dass Jules nun keinen Nachtisch bekomme, macht Petersen für das belgische Kino unsterblich. Im Zuge eines Hungerstreiks für den vom Dessert ausgeschlossenen Jules durchschreitet dann die von Ann Petersen Filmpartnerin Claude Jade gespielte Claire den Speisesaal wie ein Wachsoldat. Es ist ein Machtkampf, den Claire in dieser Vorbereitung der Alten zum finalen Aufstand verliert.

Ann Petersen, Claude Jade und Marcel Josz als Jules in Benoît Lamys „Home Sweet Home“

Der Aufstand der Alten ist, da die von Ann Petersen gespielte Direktorin mit dem Polizeichef Hand in Hand arbeitet, auch ein Aufstand gegen eine Art Polizeistaat. Die Direktorin ist erst Chefin und dann Gegnerin der von Claude Jade gespielten Pflegerin Claire.
Anfangs beobachtet Claire, wie die Direktorin ihre Macht missbraucht und hilft ihr sogar. Erst als Claire die Folgen ihrer Denunziation des Sozialhelfers Jacques (Jacques Perrin) bei der Direktorin erkennt, wandelt sie sich und holt Jacques zurück.

Claude Jade und Ann Petersen in „Home Sweet Home“ (Trautes Heim, 1973)

Lustiger und leichter als „Einer flog über das Kuckucksnest“ beschreibt Benoît Lamys Erstlingswerk den Kampf für die Freiheit und das Recht auf Würde. Nach der Revolte wird die Despotin fortgeschickt und das alte System wird durch ein demokratisches ersetzt. Claude Jade lässt die Hände in den Schürzentaschen ihrer Schwesterntracht, während Ann Petersen ihr Gepäck kaum tragen kann.

Jacques Lippe als Polizeichef (l), Jacques Perrin als Jacques (2.v.l.) mit Claude Jade und Ann Petersen

Neben „Home sweet Home“ war Ann Petersen für Regisseur Benoît Lamy auch die Gegenspielerin Annie Girardots in „Ardenner Schinken“. Für ihre Leistung in „Das Sakrament“ erhielt die 1990 den Joseph Plateauprijs  als Beste Darstellerin. Von 1996 bis zu ihrem Tod spielte Ann Petersen in der Serie „Thuis“. Zwei Jahre vor ihrem Tod, sie war 75, sprach sie mit Paul Demeyer über das D-Wort, De Dood, den Tod: „Vielleicht ist er schon da. Für mich oder für dich. Und wenn es für mich ist, dann werde ich gerne mitgehen. Ich möchte auf der einen Seite einhundert werden, auf der anderen Seite bin ich bereits zufrieden. Es hat gereicht. Alles für dieses Leben. Aber dann kommt etwas Neues. Da bin ich mir sicher.“

Claude Jade und Ann Petersen in „Home sweet Home“ (Trautes Heim)