Jean-Pierre Mocky 1933 – 2019

Michel Serrault, Corinne Le Poulain und Claude Jade in „Bonsoir“ von Jean-Pierre Mocky

Bonsoir, Jean-Pierre Mocky, film, Michel Serrault, Claude JadeEr gab Claude Jade 1992 in seiner Farce „Bonsoir“ eine Gegenbesetzung. Bereits aus der kühlen Catherine Deneuve hatte er eine rotlockige Amateurdetektivin gemacht („Agent Trouble“) und aus Jeanne Moreau eine versoffene Pilgerin („Das Wunder des Papu“).
Jean-Pierre Mocky änderte oft seinen Schwerpunkt und seine Handschrift und blieb immer ein bemerkenswerter Außenseiter. Nach dem Literaturstudium besuchte er das Conservatoire National d’art dramatique. Als Schauspieler begann er in Rollen von Halbstarken oder jungen Burschen wie dem Albert de Morcerf neben Jean Marais in „Der Graf von Monte Christo“ (1954).

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Jean-Pierre Mocky in „Mit dem Kopf gegen die Wände“ von Georges Franju

Seinen Durchbruch hatte er neben Pierre Brasseur als unfreiwillig in die Haftanstalt eingelieferter François in Georges Franjus „Mit dem Kopf gegen die Wände“. Er hatte hier am Drehbuch mitgearbeitet und begann mit „Les Draguers“ (Die nach Liebe hungern) seine Karriere als Regisseur. Anfangs waren es satirische und sarkastische Komödien, nur sehr selten bot er sich dem Massengeschmack an („Geld oder Leben“ mit Fernandel und Heinz Rühmann). Mit den 68ern schärfte sich sein politisches Profil: Seine Phase als Anarcho-Regisseur begann mit „Solo“ (1969), in dem er auch die Hauptrolle spielte.

Ab den 80er Jahren waren es Farcen wie „Das Wunder des Papu“ um die Leichtgläubigkeit von Pilgerern und eben „Bonsoir“, in dem Claude Jade eine verklemmte Lesberin spielte. In seinem Buch „Cinématique des muses“ schrieb Ludovic Maubreuil in seinem Kapitel zu Claude Jade und dem Unterkapitel „Das Nein der Väter“: „Jean-Pierre Mocky wird sich in dem eher fröhlichen „Bonsoir“ auch über diese Dutzenden von verärgenden Liebesdingen und behindernden väterlichen Gestalten amüsieren, indem er die sexuellen Polaritäten systematisch umkehrt und sich damit vergnügt: der Bilderstürmer ändert Claude Jade hier als Lesbe, die ihre Neigungen gegenüber ihrer Schwester und ihrer Tante rechtfertigen muss, als sie mit einer Prostituierten ertappt wird.“

jean-pierre mocky, Michel Serrault, claude jade, corinne le poulain, BonsoirAuf die Frage „Wird Mocky in der Geschichte des Kinos bleiben?“, antwortete der Regisseur: „Wir sind eine Menge Kollegen, einschließlich der größten, wie Renoir oder Becker, die Filme gemacht haben, die damals nicht ankamen und heute als Klassiker gelten. Ich denke, wenn ein Film gut läuft, ist er nicht gut. Es ist ein bisschen dumm zu sagen, dass es wahrscheinlich aus Eifersucht ist… Nehmen wir zum Beispiel ‚Bonsoir‘. Nach 23 Fernsehausstrahlungen stieg er in den Wertungen der Magazine von einem auf drei Sterne. Ein Film ohne Stil hingegen verschlechtert sich im Laufe der Jahre…“

Bonsoir jean-pierre mocky michel serrault claude jade barrault bisson dreyfusIn „Bonsoir“ ist es Mockys Stammschauspieler Michel Serrault, der Caroline (Claude Jade) die Erbeschaft rettet, in dem er sich als ihr älterer Liebhaber ausgibt. Claude Jade 1992 in einem Interview mit Luc Honorez: „Ich habe soeben in ,Bonsoir!’ von Mocky gespielt, der mich kontaktiert hatte, um mir an der Seite von Serrault eine Kontra-Besetzung vorzuschlagen: ich spiele eine Frau, richtig korrekt comme il faut, eine Kultur-Beamte und dazu eine heimliche Lesbierin, die mit Michel Serrault in ihrem Studio einen Typen aufnimmt, der beschließt, die schönsten Appartements von Paris zu besetzen. Die Rolle ist großartig, um ein Bild zu brechen, dass man von mir hat! Mocky arbeitet in einer solchen Dringlichkeit! Er verbringt seine Zeit damit ,Moteur’ zu rufen, sogar, wenn man wiederholt. Etwas stressig, aber drollig und folkloristisch. Man beginnt gerade, mir ungereimte Rollen anzuvertrauen und das amüsiert mich.“

Claude Jade, Laurence Vincendon und Monique Darpa in „Bonsoir“

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Jean-Pierre Mocky starb am 8. August 2019.

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Geraubte Küsse im Babylon Berlin

In der Reihe 60’s France zeigt das Berliner Kino Babylon an drei Abenden „Geraubte Küsse“ (Baisers volés) von François Truffaut mit Jean-Pierre Léaud und Claude Jade.

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In der Reihe laufen neben „Geraubte Küsse“ außerdem „Jules und Jim“, „Zwei oder drei Dinge, die ich von ihr weiß“, „Belle de jour“, „Letztes Jahr in Marienbad“, „Paris gehört uns“, „Außer Atem“, „Cleo – Mittwoch zwischen 5 und 7“, „Le Bonheur“,  „Alphaville“, „Maskulin feminin“, „Zazie“, „Schießen Sie auf den Pianisten“ und „Die Regenschirme von Cherbourg“.

„Geraubte Küsse“ läuft
Freitag, 09.08.2019 um 19.30
Montag, 12.08. um 20.00
Freitag, 16.08. um 18:15
Kino BABYLON Berlin, Rosa-Luxemburg-Straße 30, 10178 Berlin

https://babylonberlin.eu/programm/festivals/60-s-france/2492-60-s-france-geraubte-k-sse

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40 Jahre L‘ ile aux trente cercueils – Die Insel der 30 Tode (Särge)

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Claude Jade, Ile aux rente cercueils, Insel der 30 Tode, Insel der dreißig Särge, Pascal SellierHeute vor 40 Jahren begann in Frankreich die Ausstrahlung des Sechsteilers „Die Insel der dreißig Särge“, der in Deutschland als Zwölfteiler unter dem Titel „Die Insel der 30 Tode“ lief. VL Media schreibt heute dazu: „Wer sagt, man wisse in Frankreich nicht, wie man eine Genre-Serie macht? Noch nach 40 Jahren vermag die „Insel der dreißig Särge“ die Zuschauer in Angst und Schrecken versetzen.  Mit einer schrecklichen Geschichte und einer bis dahin noch nie dagewesenen Atmosphäre ist sie zu jeder Zeit ein Erfolg.“
 C’était il y a 40 ans… L’île aux trente cercueils

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„Vier Frauen am Kreuz, 30 Särge, der Gottesstein, der Leben oder Tod schenkt“

Die Handlung spielt im Jahr 1917. Veronique d’Hergemont (Claude Jade) ist eine junge Frau von Ende Dreißig und will eine schreckliche Vergangenheit vergessen. Sie kann dem bösartigen Vorski den Tod ihres Vaters und Sohnes François, die auf See verunglückten, nicht verzeihen. Beider Tod ist für sie die Strafe dafür, dass sie gegen den Willen ihres Vaters den Comte Vorski geheiratet hatte …

Claude Jade (Véronique d’Hergemont) und Jean-Paul Zehnacker (Alexis Vorski)

Nun erreicht sie die Nachricht von Vorskis Tod und die tragische Vergangenheit holt Véronique erneut ein, als sie ihre Initialien (V d’H) in einem Stummfilm entdeckt. Sie reist an den Drehort in die Bretagne, findet einen Toten mit abgetrennter Hand und folgt unheimlichen Symbolen auf die Insel Sarek, die in der Region als „die Insel der dreißig Särge“ bekannt ist. Mit Véroniques Ankunft beginnt der Alptraum, denn eine Prophezeiung erfüllt sich … Die Initialien „V.d’H.“ prägen sich mit der Verfilmung bei Generationen von Fernsehzuschauern ein.

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Die neben der Christine populärste Rolle ihrer Karriere hätte Claude Jade fast nicht erhalten, weil sie als „zu jung“ galt. Jean Meyer hatte ihr prophezeit, dass eine Frau nie so schön sein würde wie mit dreißig Jahren. Die Rolle der Véronique ist verlockend. Doch Claude Jade sei entschieden zu jung, erklärt ihr Regisseur Marcel Cravenne und als sie sein Büro verlässt, fällt ihr im Vorzimmer eine etwas ältere Schauspielerin von skulpturaler Statur auf. Doch sie will die Rolle unbedingt und ähnlich wie bei „Mon oncle Benjamin“ insistiert sie auf erneute Probeaufnahmen, steckt sich den mädchenhaften Pferdeschwanz zu einem strengen Dutt, senkt die Stimme – und überzeugt die Produktion, die Rolle mit ihr zu besetzen.

Die so zart anmutende Claude Jade ist in den Szenen einer Ehe mit dem monströsen Vorski von einer leidenschaftlichen Kraft, wenn sie ihm nach dem Erwachen aus der einstigen Verzauberung mit kalter Verachtung begegnet und ihm dann ihren blanken Hass entgegenschreit.

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Claude Jade, Pascal Sellier und Julie Philippe

Claude Jadde, Pierre CosteDie fünfmonatigen Dreharbeiten sind trotz der Strapazen der Heldin für Claude Jade, die jeden Tag disponiert ist, ein Vergnügen. Sie verbringt die Monate im Dorf Plouharnel, einige Kilometer von Carnac entfernt und am Meer gelegen. „Entre Mers et Mystères“ nennt sich der Ferienort in Eigenwerbung. Ein  Kindermädchen betreut Pierre und eine Köchin ist ebenfalls angestellt. Es ist das einzige Mal in ihrer Karriere, dass sie einen solchen Service nutzt. Claude Jade erlebt am Set, wie die Styropor-Menhire von Männern à la Obelix getragen werden und wandelt durch eine Blumenwiese oberhalb des „Gottesteins“, deren prachtvolle Blüten ihre Stirn überragen.

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Allein durchschreitet „die kleine Jade“ im Sinne von François Truffauts Kosenamen das Feld  mit den riesigen Blumen von Maguennoc, eine Sequenz, in der sie wirkt, als sei sie jene – hier von einer unsichtbaren Herzkönigin bedrohte – Alice im Wunderland, mit der sie sich einst bei Hitchcock beworben hatte.

Yves Beneyton (Philippe Maroux) und Claude Jade (Véronique d’Hergemont)

Der sechsteilige Film lebt von der zentralen Präsenz Claude Jades, die einen Großteil allein auf der Insel ist (oder sich allein wähnt). Die meisten Inselbewohner finden kurz nach Véroniques Ankunft bei einem Massaker den Tod, denn es gibt „dreißig Särge für dreißig Opfer“. Ihre Partner sind beeindruckend: Neben dem bedrohlichen und im Wahn folgerichtig theatralischen Jean-Paul Zehnacker als Vorski, Julie Philippe als dessen ebenso dem Wahnsinn verfallene Handlangerin und Marie Mergey als gütiger Honorine ist der junge Pascal Sellier, Star der Pubertätsromanze „Amant de poche“, in einer herausfordernden Aufgabe zu erleben.
Schüchternen Charme zeigt Yves Beneyton als Philippe Maroux und Véroniques Vater spielt Georges Marchal: Der Star aus Buñuels Filmen „Pesthauch des Dschungels“, „Morgenröte“, „Belle de Jour“ und „Die Milchstraße“ ist der Ex-Mann von Claude Jades „Topas“-Filmmutter Dany Robin und spielte später einen der Zeugen im Gerichtssaal von „L’honneur d’un capitaine“.

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Georges Marchal als Véroniques Vater Antoine d’Hergemont

Und dann sind da die Archignat-Schwestern: neben Edith Perret und Pierrette Thevenon ist es vor allem Dominique Marquas als Sidonie Archignat, die, dem Wahnsinn verfallen, ihre Prophezeiungen wie Psalme schmettert und ihr Lachen einem das Blut in den Adern gefrieren lässt.

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Die Schwestern Archignat (Edith Perret, Dominique Marcas, Perette Thevenon) und Véronique (Claude Jade)

Claude Jade zeigt etliche emotionale Gegensätze: eine kraftvolle doch in ihrer aristokratischen Herkunft meist zurückgenommen gespielte Rolle. Sie überzeugt in all den Extremen an leidenschaftlichem Gefühl, an Resignation, Selbstzweifel und kämpferischer Leidenschaft. Marcel Cravenne beschreibt Claude Jade später als „eine typische Ingmar-Bergman-Heldin“.

düsterer Comic von Marc Lizzano „L’île aux trente cercueils“

Sowohl in Frankreich als auch in Deutschland erscheint „L’île aux trente cercueils“ immer wieder auf DVD – zum Wieder- oder Neuentdecken.

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Jean-Claude Bouillon

Gestohlene Küsse: Claude Jade und Jean-Claude Bouillon in „The Hitchhiker: Windows“ und „Cap des Pins“

Heute jährt sich der Todestag des Schauspielers Jean-Claude Bouillon zum zweiten Mal.

Claude Jade und Jean-Claude Bouillon 1999 in "Cap des Pins"

Claude Jade und Jean-Claude Bouillon 1999 in „Cap des Pins“

Die erste Zusammenarbeit zwischen dem Star der Serie „Les Brigades du Tigre“ (Mit Rose und Revolver) und Claude Jade war 1990 die Episode „Windows“ (Was der Maler sah) in der amerikanischen Mystery-Serie „The Hitchhiker“.

Jean-Claude Bouillon und Claude Jade in der „Hitchhiker“-Folge „Window“

Maler Jake (David Marshall Grant) beobachtet das gegenüber lebende Ehepaar Monique (Claude Jade) und Victor (Jean-Claude Bouillon).

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Seine Bilder von den beiden werden im Nachhinein zur Wirklichkeit: Aus einem harmlosen Streit wird auf Jakes Leinwand ein brutaler Schlag. Jake  bringt malend eine Waffe ins Spiel, bis die Wirklichkeit die Kunst imitiert und ein Schuss fällt. Am Ende stirbt Jake durch einen Schuss, als Monique dessen Freundin beschützen muss. Dass Monique ihn erschießen wird, hatte Jake bereits gemalt.

Claude Jade und Jean-Claude Bouillon in „The Hitchhiker: Window“ (Was der Maler sah), USA 1990

Wie Claude Jade gab Jean-Claude Bouillon 1967 sein Fernsehdebüt (als Henriot in „La Bouquetière des Innocents“) und 1968 seinen Einstand im Kino. Zuvor hatte er in Godards „Made in USA“ neben den Stars Anna Karina und Jean-Pierre Léaud einen unkreditierten Auftritt gehabt.  Charles L. Bitsch besetzte ihn 1968 als „Le dernier homme“, den letzten Mann auf der kontaminierten Erde, doch erst Marc Simenons „Pilzgift“ (Le Champignon – L’assassin qui frappe à l’aube) mit Mylène Demongeot macht ihn 1969 populär und auch Philippe Labros „Tout peut arriver“ ist ein hoffnungsvoller Start.

Kinostar der ausgehenden 60er und beginnenden 70er Jahre: Jean-Claude Bouillon

Seine Filme von José Giovanni („Un aller simple“) und Michel Mitrani („La Cavale“) sowie die Melodramen „Desirella“ und „Lea l’hiver“ mit Karen Blanguernon und Gilles Segal bleiben unbeachtet. Erotik-Filmer Roger Vadim besetzt ihn 1972 für das Softsex-Melo „Hellé“, in dem er neben Bruno Pradal und Robert Hossein spielt, doch Vadims seichte Sexfilme sind inzwischen out wie Sigi Rothemunds Erotik-Groschenroman „Es war nicht die Nachtigall“ mit Sylvia Kristel. In der BRD beginnt auch Jean-Claude Bouillons große TV-Karriere mit dem Sechsteiler „Alexander Zwo“: sein Held gerät nach einer Verwechslung in einen tödlichen Wettlauf gegen die Zeit.

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TV-Star mit „Alexander Zwo“, „Mit Rose und Revolver“ und „Die Rosen von Dublin“

Es folgt die Hauptrolle des Kommissar Valentin in der französischen Serie „Les Brigades du Tigre“ (Mit Rose und Revolver). Sechs Staffeln laufen von 1974 bis 1983. Im Kino bleibt bis auf wenige Ausnahmen (Gilles Béhats „Haro!“ mit Laurent Malet) nur Zeit für Nebenrollen.

Stars im Kino und Fernsehen der 70er Jahre: Claude Jade und Jean-Claude Bouillon

Dass sein Name in Jean Tulards „Dictionnaire du cinéma“ zwischen Patrick Bouchitey und Jean Bouise fehlt, ist dennoch eine Nachlässigkeit. Das Fernsehen bleibt seit Mitte der 70er Jahre Bouillons Hauptfeld. Eine weitere große Serie war Anfang der 80er „Die Rosen von Dublin“ und im deutschen Sechsteiler „Patrik Pacard“ spielte er den finsteren Schurken Dimitri. Wie Claude Jade war Jean-Claude Bouillon in den 90ern ebenfalls Gaststar in den Krimiserien „Julie Lescaut“ und „Une femme d’honneur“. Am Theater trat er 1991 in Sartres „Huis clos“ am Lucernaire auf, an jenem Haus, an dem Claude Jade 2006 in „Célimène et le cardinal“ ihre letzte Bühnen-Hauptrolle spielte.

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Baisers volés: Claude Jade als Anna und Jean-Claude Bouillon als Serge in „Cap des Pins“

1999 trafen Claude Jade und Jean-Claude Bouillon erneut aufeinander. Seit 1998 spielte Claude Jade in der Serie „Cap des Pins“ die weibliche Hauptrolle als „französische Sue Ellen“ in der ersten französischen Daily Soap: als Anna Chantreuil ist sie die vom Ehemann und Kosmetikkonzern-Chef Gérard Chantreuil (Paul Barge) gedemütigte Heldin.
Cap des Pins

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Von Gérard ertappt: Anna Chantreuil (Claude Jade) und Serge Létan (Jean-Claude Bouillon)

Ab Folge 90 bis zum Ende der 281teiligen Serie tritt Serge Létan (Jean-Claude Bouillon) in Annas Leben, ein Jugendfreund, den sie seit über zwanzig Jahren nicht gesehen hat. Er erhofft sich an Annas Seite ein neues Leben zu zweit. Die ersten Küsse wehrt sie noch ab und nennt den ersten, den sie zulässt, später einen „baiser volé“.

Baisers volés: Serge (Jean-Claude Bouillon) stiehlt sich einen Kuss von Anna (Claude Jade)

Doch es werden mehr und nach einem Rendezvous im Park eilt Serge noch einmal zu Anna zurück, um sich einen Kuss zu stehlen. Anna reicht zwar die Scheidung einund verspricht Serge eine gemeinsame Zukunft, doch die Bande zu Gérard reißen nicht ab. Und dann vertraut sie auch noch auf das Schicksal der Karten.
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Mit Jean-Claude Bouillon kommt jungenhafter Charme in das bis dahin sorgenvolle Leben der Anna Chantreuil – frisch verliebt flirtend bis hin zu den ersten Enttäuschungen. Die Verletzungen der beiden Figuren brechen immer wieder auf und geben den beiden Schauspielern neben der Freude an den gestohlenen Küssen auch die Angst vor dem Verblühen der Freundschaft und Liebe.

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„Cap des Pins“: Claude Jade und Jean-Claude Bouillon 1999-2000

Rendezvous in Paris

Claude Jade und eine Büste der Joséphine de Beauharnais

Claude Jade als Evelyn Droste in „Rendezvous in Paris“

„Rendezvous in Paris“  von Gabi Kubach ist der einzige deutsche Film mit Claude Jade.
Im feministischen Roman von Vicki Baum retardiert die Handlung immer wieder durch die drei Perspektiven der Hauptfiguren. Gabi Kubach stellt sich der Herausforderung der drei Blickwinkel und meistert sie vor allem durch eine sensible Schauspielführung.
Anfang der 1980er Jahre eignet sich die Tschechoslowakei als Kulisse für das Berlin der 1930er Jahre, so dass das deutsch-tschechische Team vor allem in Prag und Umgebung dreht. Claude Jade erinnert sich an die Zeit in der Tschechoslowakei und in Prag:
„Die Menschen in den Straßen wirkten traurig und die Fassaden der bewundernswerten Stadt waren grau. Ohne definierte Gesetzgebung kannte das tschechische Team keinen Zeitplan und arbeitete wie verrückt.“ Das Team liebt Claude Jade, wie sich Regisseurin Gabi Kubach erinnert. Ein Assistent nannte Claude Jade „unsere Sonne“.

Claude Jade im Fokus von Helge Weindler und Gabi Kubach

Kameramann Helge Weindler erschafft suggestive Bilder mit Chesterfield-Zigaretten und Blumenmotiven aus Mimosen und welkenden Rosen, einer Joséphine-de-Beauharnais-Büste und Spiegeln. Es gelang eine beispielhafte Literaturverfilmung. Die Diktion von Claude Jade in der französischen Synchronfassung ist eine raffinierte Komposition des Aufbegehrens, gelegentlich spöttisch und im Ton manchmal aufsässig. Denn Kubach erweitert die todessehnsüchtige Evelyn um einen starken Erlebenswillen. In diesen Momenten bricht Claude Jade als Evelyn aus dem Schloss aus Glas, wie der Roman auf Französisch heißt, aus: Sie ist selbstbewusst und irritiert den Verführer. Leider verliert diese Wirkung in der deutschen Synchronisation. Mehr zur gelungenen Adaption und zu törichten Mutmaßungen des bundesdeutschen Boulevard  in der Filmographie: „Rendezvous in Paris“.

Claude Jade, „Rendezvous in Paris“

Philippe Ogouz 1939 – 2019

„Trop c’est trop“ Claude Jade. Nicole Jamet. Chantal Goya, Georges Beller, Didier Kaminka, Philippe Ogouz

Es war Claude Jades Cousin Guy Jorré, der Philippe Ogouz seine erste Fernseh-Hauptrolle gab: In Jorrés Miniserie „Rouletabille“ nach dem Roman von Gaston Leroux spielte er 1966 die Titelrolle. Bekannt war er in Frankreich auch als die französische Stimme von Patrick Duffys Bobby Ewing in „Dallas“ und er sprach die Titelrolle in der Zeichentrickserie „Captain Future“ (Capitaine Flam). Philippe Ogouz starb am 26. Juli 2019.
Ogouz, der Kurse bei bei Harry Baur nahm, studierte 1957 Schauspiel an der Rue Blanche. Seine Stimme war bereits seit Ende der 50er populär, als er im Radio Titelrollen in „Poil de carotte“ und „Zig et Puce“ sprach.
Hatten sich Claude Jade und Philippe Ogouz bei Guy Jorré um einen Film verpasst, Claude hatte damals die kleine Rolle der Mlle Lily in „Le crime de la rue de Chantilly“, spielten sie 1975 gemeinsam in „Trop c’est trop“. Es war Philippe Ogouz‘ einzige Kino-Hauptrolle.  Drei am gleichen Tag geborene Freunde (Philippe Ogouz, Georges Beller und Didier Kaminka) verfallen auf der Suche nach einer Kindheitsfreundin drei reizenden Ludern (Claude Jade, Chantal Goya, Nicole Jamet). Um der inzwischen toten Freundin zu folgen, entkommen die Männer den drei Schönen am Ende durch Suizid und treffen im Finale Luzifer (Darry Cowl).

Der anarchische Spaß von Didier Kaminka, in dem Pierre Richard, Bernard Menez und Les Charlots Gastauftritte haben, ist bis heute noch nicht auf DVD veröffentlicht. Im Kino folgten Nebenrollen in Denis Amars „Asphalte“, Gérard Jugnots „Scout toujours“ und Didier Kaminkas „Vater werden ist doch schwer“.  Später war Philippe Ogouz – wie auch Claude Jade – Gaststar in den Krimireihen „Julie Lescaut“ und „Une femme d’honneur“. Er war oft die Stimme von Patrick Duffy, Dustin Hoffman, Michael Sarrazin, John Travolta, Harvey Keitel und Martin Sheen sowie – neben „Captain Future“ nicht zu vergessen – Tintin in „Tintin et le temple du soleil“ (Tim und Struppi im Sonnentempel).

"Trop c'est trop" Georges Beller, Didier Kaminka, Philippe Ogouz, Claude Jade, Chantal Goya, Nicole Jamet

„Trop c’est trop“ Georges Beller, Didier Kaminka, Philippe Ogouz, Claude Jade, Chantal Goya, Nicole Jamet

Philippe Ogouz, 20. November 1939 – 26. Juli 2019

 

Jean-Pierre Léaud 75

Jean-Pierre Léaud feiert heute seinen 75. Geburtstag. Gefeiert wurde Léaud im letzten Jahr mehrfach: Das Filmmuseum Düsseldorf widmete ihm eine umfangreiche Retrospektive und zum 50. Jahrestag von „Baisers volés“ erschien in der Reihe „Les meilleurs films de notre vie“ in Frankreich und Italien ein Buch über François Truffauts poetisches Meisterwerk.

Seit diesem Film und mit seinen beiden Fortsetzungen „Domicile conjugal“ und „L’amour en fuite“ sind Jean-Pierre Léaud und Claude Jade eines der wichtigsten Paare der Filmgeschichte. Vor kurzem erschien bei „Les Echos“ ein Artikel über das Einfärben von Fotos durch Künstliche Intelligenz. Neben Motiven vom Eiffelturm, der Landung der Allierten 1944 und der Mädchenschule in Singapur von 1890 gibt es vier Ikonen: Neben Marilyn Monroe und dem Rennfahrer Eddie Merckx das Filmpaar Jean-Pierre Léaud und Claude Jade.

Jean-Pierre Léaud ist auch bei Claude Jade François Truffauts filmischer Stellvertreter.

Jean-Pierre Léaud ist das Gesicht der Nouvelle Vague und das Gesicht des Französischen Films der 60er und 70er Jahre. Und auch wenn er oft mit Truffauts Widerpart Godard gedreht hatte, bleibt er im Gedächtnis des Kinos Antoine Doinel.
„Im zwanzigsten Jahrhundert hat es im Grunde nur einen geglückten Versuch gegeben, Marcel Prousts „Suche nach der verlorenen Zeit“ ins bildliche Medium zu übertragen, eben Truffauts Doinel-Zyklus.“, schrieb „Die Zeit“.
Er war Truffauts Double, auch bei Claude Jade. Denn mit „Baisers volés“ begann auch die Chronik eines Paares: Antoine und Christine. Die für Juni 1968 geplante Hochzeit zwischen François und Claude wurde abgesagt, doch auf der Leinwand wurde aus Antoine und Christine ein Ehepaar.

Christine (Claude Jade) und Antoine (Jean-Pierre Léaud) aus „Geraubte Küsse“ heiraten in „Tisch und Bett“

Das Trio der „Baisers volés“: François Truffaut, Claude Jade, Jean-Pierre Léaud

Ein Ehepaar, das eigentlich noch zu jung ist, so als seien Kinder durch eine Tür getreten und zu früh erwachsen. So spielen sie Erwachsene.
Claude Jade beschreibt in „Baisers envolés“ die Zeit der Arbeit zu „Domicile conjugal“: „Wir arbeiten viel und lachen auch viel. François ist für Jean-Pierre und mich sehr präsent, es wird eine engere Komplizenschaft und Jean-Pierre akzeptiert das Duzen. Er ist jovial, fröhlich und entspannt. Er wohnt die ganze Zeit bei François, der ihn ans Set mitnimmt und sich wie ein Vater um ihn kümmert. Es ist auch sehr lustig zu hören, wie die Leute aus der Nachbarschaft zu François sagen: „Oh schau, wir haben neulich deinen Sohn gesehen!“
Es stimmt, dass Jean-Pierre ihm in dieser Zeit ähnelt; er trägt die gleichen Anzüge, die gleichen Hemden, die gleiche Jacke, den gleichen Mantel. Die Ähnlichkeit ging so weit, dass auch seine Handschrift der von François nahe kam. Wenn Journalisten schrieben, dass Doinel Truffauts Doppelgänger ist, meinen sie auch Jean-Pierre, bei dem Rolle und Darsteller verschmolzen. Ihre enge Freundschaft ist ein verstörendes Spiegelspiel, das Pirandello interessiert hätte.“
Und wenn Truffaut Claude Jade und Jean-Pierre Léaud als seine „Contemporains“ bezeichnete, nannte er seine einstige Verlobte auch bis zuletzt „ma troisième fille“.

Längst sind Antoine und Christine Ikonen, ihre beiden Schauspieler Jean-Pierre Léaud und Claude Jade sind Kulturgut, dessen sich Filmemacher und Autoren bedienen. Bei Christophe Honoré werden sie in seinem Film „Les chansons d’amour“ zitiert.

Auch im Roman „Niemand“ finden sie Einzug, wenn Gwenaelle Aubry in den beiden Kindern, „dem fahrigen dunkelhaarigen jungen Mann mit seinen engen Pullis und seinen anliegenden Jacken“ und in der „sehr jungen Frau mit dem Rehgesicht“ ein Paar sieht, das aus dem Erwachsenenspielen nicht herausgefunden hat, „“ihre darunter noch so spürbare Kindheit, den Eindruck, lebhaft wie eine Reminiszenz zweier Kinder, die Mama und Papa spielen wie Claude Jade mit ihrer Pelzmütze und ihrem Einkaufsnetz als Hausfrau verkleidet, die stolz wie ein kleines Mädchen darauf besteht, mit „madame“ angesprochen zu werden ….“

Und auch in David Foenkinos Roman „Unsere schönste Trennung“ erscheinen die beiden: „Wir beschlossen, in einem Gebäude mit großem Innenhof eine Wohnung zu beziehen. Ich weiß nicht, warum ich mein Leben immer mit dem von Antoine Doinel vergleiche, auf alle Fälle kam es mir vor, als sei ich am Ende der geraubten Küsse angekommen. Als würde mein Leben in den ehelichen Hafen einfahren. Alice hatte zudem soviel von Claude Jade, vor allem wenn sie schlief. Mir gefiel, wenn sie Röcke im Retro-Look trug und wir im orangefarbenen Stil der 70er Jahre lebten. Das Leben bleibt doch immer das gleiche.“

Mit „Liebe auf der Flucht“ blieb die Chronik beendet, Claude Jade und Jean-Pierre Léaud teilten sich beim Festival von Cannes ein Jahr nach Truffauts Tod noch einmal die Bühne – zu einem Foto der Filmfamilie von François.

Jean-Pierre Léaud (erste Reihe, 2. v.r.) und Claude Jade (r.) 1985 in Cannes

Von Daniel Cohn-Bendit, der 1968 mit Truffaut, Claude Jade und Jean-Pierre Léaud vor der Cinémathèque demonstrierte, wurde 1986 der Versuch einer Fortsetzung unternommen. Er kontaktierte Claude Jade und auch Léaud, doch das Projekt kam nie zustande. Ein Drehbuchentwurf Truffauts schilderte das „Tagebuch von Alphonse“, in dem es nur noch Christine und ihren gemeinsamen Sohn mit Antoine, Alphonse Doinel, gab. Daraus wurde 2004 ein Hörspiel mit Claude Jade und Stanislas Merhar – ohne Jean-Pierre Léaud.
Den letzten gemeinsamen öffentlichen Auftritt hatten beide 2005 beim Festival von Angers. Claude Jade starb 2006, Jean-Pierre Léaud dreht noch immer Filme, in seinem jüngsten Film von 2019, „C’è tempo“, spielt er als Gast sich selbst. Eine Reminiszenz an Antoine Doinel, der er bleiben wird, ein ewig junger Träumer.

jean-pierre leaud, claude jade

John McEnery 1943 – 2019

der Unvorhersehbare: John McENERY (1943-2019)

Claude Jade, John McEnery

Der Olivier in Gérard Brachs „Le bateau sur l’herbe“, ein reicher unglücklicher zarter verrückter Mann von unbändiger Unvorhersehbarkeit, war seine größte Filmrolle. Unvorhersehbarkeit zeichnete das Spiel John McEnerys aus. „Mitreißend, bebend, beschwingt, neurotisch und unberechenbar“, beschreibt Gilbert Salachas seine Mimik und Attitüden in „Le bateau sur l’herbe“.

„Haben Sie keine Angst! Ich bin kein Dieb.“

In seinem Pariser Appartment überrascht Olivier (John McEnery) die junge Eleonor (Claude Jade), die neue Freundin seines Freundes David (Jean-Pierre Cassel). Er nimmt sie mit auf sein Grundstück, wo er mit David ein Schiff baut – und verprügelt gleich bei der Ankunft den jungen Liebhaber (Jean de Coninck) seiner Mutter (Valentina Cortese).

John McEnery, Claude Jade und Jean de Coninck: Le bateau sur l’herbe

Eruptiv: Olivier präsentiert Eleonor den Liebhaber seiner Mutter

Jean-Pierre Cassel (David), Claude Jade (Eleonor), Olivier (John McEnery)

Eleonor will gehen, doch Olivier bittet sie, zu bleiben. Eleonor richtet sich ein, doch als David erwägt, wegen Eleonor die Reise abzusagen, meint Olivier, eine Gonzesse (Tussi) wie Eleonor fände er überall. Sie hört es, schmiert am nächsten Morgen mit Lippenstift „La gonzesse est partie“ auf ihr Laken und verlässt – vorerst – das Anwesen.

John McEnery als Olivier und Claude Jade als Eléonor in „Le bateau sur l’herbe“

Olivier will Eleonor zu seinem Freund zurückbringen und stoppt den Wagen, mit dem sie per Anhalter verschwinden wollte. „Sie entführen meine Frau.“ – „Hören Sie nicht auf ihn. Ich bin nicht seine Frau.“ – „Und Mutter einer Familie.“ – „Fahren Sie! Schnell!“ – „Wollen Sie, dass ich die Polizei rufe?“ – „Aber ich kenne Madame doch gar nicht.“ – „Ich kenne sie… Steig aus, ich verzeihe dir.“ – „Ich bleibe… Das ist doch verrückt.“ – „Hören Sie, Madame, steigen Sie aus, gehen Sie mit ihrem Mann!“ – „Siehst du, der Herr ist sehr vernünftig.“ – „Verlassen Sie jetzt bitte mein Auto!“. Eléonore zerkratzt sich beim Aussteigen die Schulter und nennt den Fahrer „Alte Walnuss“.

Jean-Pierre Cassel, Claude Jade, John McEnery

Der Olivier fügt sich ein in McEnerys weitere wichtigste Arbeiten fürs Kino: Da ist der „Bartleby“ in der Herman-Melville-Verfilmung über den Schreibgehilfen, der sich in einem Büro seinen Aufgaben und allem Konventionellem verweigert. Der Spott und das lange Sterben seines Mercutio in Franco Zeffirellis „Romeo und Julia“ brachte ihm eine Nominierung für den BAFTA: Kraftvoll und wütend bäumt er sich nach Michael Yorks unabsichtlichem Todestoß auf und hält seine Tirade wie einen Scherz, als sei er unverwundbar. McEnerys Verletzlichkeit und Zärtlichkeit werden im Film oft gesprengt von jähen Wutausbrüchen, die er sogleich wie ein Clown beeenden und darüber lachen kann.

„Er war ein Schauspieler, den man nicht anschauen konnte, ohne zu bemerken, wie gut er war – und dabei gefährlich wie eine tickende Zeitbombe“, heißt es im Nachruf im „Guardian“.

Vor einem Jahr wurde McEnery angeklagt, eine Kellnerin mit einer Waffe bedroht zu haben. Vor Gericht stellte sich heraus, dass er sie auf ihre Ähnlichkeit mit Katharine Hepburn hinwies und der Dame dieser Name nichts sagte. Daraufhin zog er eine Wasserpistole und richtete sie auf die Bedienung. In „Le bateau sur l’herbe“ ist es ein Gewehr, mit dem er an Claude Jade vorbeispaziert und es später auf sie richtet. Für McEnerys Olivier ein Spiel.

John McEnery und Claude Jade

Claude Jades Eleonor weist ihn in die Schranken. Wenn er eines Morgens unvermittelt bei ihr auftaucht und am Bett kniet, verlangt sie nach einem Croissant, wirft er sich ihr vor die Knie, soll er „aufhören, den Clown zu machen“ und befragt er sie zu ihren Wünschen, sagt sie „Es reicht mit dem Verhör.“

Eleonor: „Du kannst aufhören den Clown zu machen… Du hast Angst.“

Als Eleonor ihn fragt, ob er mit ihr schlafen würde, entgegnet er: „Absolut nicht“. Die Kränkung, dass er sie gegenüber David eine „Gonzesse“ nannte, nimmt sie ihm übel und löst damit ohne böse Absicht mit einem Scherz ein tragisches Ende aus.

Anders als Eleonor kann sich Paul Scofields Buchhalter McEnerys „Bartleby“ nicht erwehren, der das Büro in Beschlag nimmt und sich allen Regeln verweigert. Als Samantha Eggars einziger Vertrauter in Anatole Litvaks französisch-englischem Komplott-Thriller „Die Dame im Auto mit Brille und Gewehr“ ist er sanft, bis auch er an die Schuld der Heldin glaubt und sie wütend an den Schultern packt: „You know what? Just for one minute in my stinking life you made me feel something for somebody.“ Dann stößt er sie von sich auf den Boden und verlässt sie. Ein Temperament, das auch seine Rolle des Philippe unberechenbar macht.

Er war anders als sein hübscher und berühmterer Bruder Peter McEnery ein intuitiver Schauspieler, der Reibung bot: groß und sehr hager, unter struppigem blonden Haar durchringend blaue Augen, er wirkte gleichgültig oder ließ eruptiv seine unterdrückten Gefühle heraus. Seine Stimme war shakespearesk und kratzig, gleichzeitig konnte er sanft sein. Brach war bei „Le bateau sur l’herbe“ klug genug, nur zwischen den beiden Männern Zärtlichkeit zu zeigen – Claude Jade kommt als Invasorin in diese Liebesbesziehung zwischen dem reichen Olivier und seinem Angestellten David. Als dieser nimmt sich der sonst temperamentvolle Jean-Pierre Cassel geschickt zurück neben dem wechselhaften McEnery. Claude Jade und John McEnery beschwören aus ihren Lebensmotiven heraus das Drama. Sie, weil sie dazugehören will, er, weil er flüchten will und das nur mit David.

Seine Karriere begann ähnlich wie die des drei Jahre älteren Bruders Peter am Theater. John nahm 1962 nach einer Arbeit in einem Schreibwarenladen Unterricht am Bristol Old Vic, als Peter gerade der große Star bei Peter Hall am New Royal Shakespeare Company (RSC) war.

„I name this ship Eleonor. May God bless her and all who sail in her.“

Johns erstes Engagegement war 1964 im neu gegründeten Everyman-Theater in Liverpool, wo er drei Jahre blieb. Danach trat er in das Nationaltheater des Old Vic ein und spielte 1967 in der Uraufführung von Tom Stoppards „Rosencrantz and Guildenstern Are Dead“ den Hamlet. Den Hamlet-Monolog gibt er auch an Bord des Schiffs auf der Wiese, Claude Jade applaudiert ihm – er hat es verdient – und singt später mit ihm „God save the Queen“. Auch das Boot muss Eleonor in englischen Worten taufen: „I name this ship Eleonor“.

John McEnery gibt für Claude Jade und Jean-Pierre Cassel den Hamlet

John McEnery gibt für Claude Jade und Jean-Pierre Cassel den Hamlet

Andere bemerkenswerte neue Stücke am National Theatre waren Peter Shaffers „The Royal Hunt of the Sun“, in dem er neben Robert Stephens und Derek Jacobi den Garcia spielte und Laurence Oliviers Produktion von „Love´s Labour’s Lost“ (Verlorene Liebesmüh), in dem er sehr witzig das kluge Landei Costard gab, einen der besten Narren Shakespeares, der Wörter erschafft, darunter das längste in dessen Werk: honorificabilitudinitatibus.

1968 macht ihn Zeffirellis Shakespeare-Verfilmung „Romeo und Julia“ zum Star. „Bartleby“ und „Le bateau sur l’herbe“ festigen den Ruhm. Seine letzte Kino-Hauptrolle hat er 1974 im Abenteuerfilm „Caprona – Das vergessene Land“ und in der BBC-Serie „Our Mutual Friend“ nach Charles Dickens letztem Roman spielt er 1976 die Hauptrolle des John Harmon-Rokesmith. In Nottingham kehrte er zu „Rosencrantz und Guildenstern“ zurück und übernahm mit seinem Bruder Peter die Titelrollen. Als er mit Stephanie Beacham in Pinters „The Homecoming“ auftrat, heiratete er sie 1973. Nach der Scheidung blieben sie befreundet.

Beacham erklärte, dass John jeden Morgen das Leben neu erfinden wollte. So wie McEnery, im Privaten ein Hellraiser, erscheint auch sein Olivier in „Le bateau sur l’herbe“. Der reiche Sohn einer Mutter, die sich mit Gigolos umgibt, die jünger als Olivier sind, will mit dem Boot fliehen.  Doch es gibt kein Entkommen. Die drei Protagonisten Olivier, David und Eleonor werden nie die Osterinseln erreichen wie Tschechows „drei Schwestern“ nie in Moskau ankommen.

Als die drei Stars in Cannes ankamen und die Fotografen riefen „Claude! Jean-Pierre ! John !“, schrieb Nice Matin, „Le bateau“ sei der beste Beitrag des Festivals. Er gewann keinen Preis. Doch Kritikerlob:
„John McEnery stößt an die äußersten Grenzen der Interpretation, was bedeutet, dass sie allen Freiheiten entspricht: Um sich auszudrücken, indem man sich selbst aus dem Weg geht. Um die Angst vor den wahren Gefühlen zu spüren, wird er zu seinem eigenen Regisseur. Auf der Bühne seiner Capricen versteht er sich ein gelernter Organisator eines ewigen Wahnsinns.“
Am 12. April starb John McEnery.

 

 

„Home sweet Home“ im Kino

Am 13. April 2019 läuft Benoît Lamys „Home sweet Home“ (La fête à Jules) in Le Chambon-sur-Lignon in der Auvergne im Kino. Die Vorstellung beginnt um 14.45

„Wenn Sie Ihr Mousse nicht essen, verbiete ich Ihnen, die Plätze zu verlassen!“

„Home sweet Home“ schildert die Revolte in einem Brüsseler Altersheim. Vier Jahre nach dem Pariser Mai schickt der 27jährige Lamy die Alten auf die Barrikaden. Das Erstlingswerk zeigt in Verbindung von Sozialkritik und Komödie den Kampf für die Freiheit und das Recht auf Würde. Nach der Revolte wird die Despotin (Ann Petersen) fortgeschickt und das alte System wird durch ein demokratisches ersetzt. Michel Baudours Kamera bleibt immer nah an den Figuren, an jedem einzelnen Detail der Gesichter, jeder Falte, an jedem Lächeln.
Koproduzent Jacques Perrin, der neben Claude Jade als Pflegerin Claire den Sozialhelfer Jacques spielt:
„Es gibt keine schwierigen Themen. Wenn wir es schaffen, für sie die richtige Form zu finden, werden alle Filme für die allgemeine Öffentlichkeit bestimmt sein“.
„Home sweet Home“ erhielt insgesamt 14 internationale Auszeichnungen.

Hier der Link zum Kino:
https://www.leprogres.fr/pour-sortir/loisirs/Cinema/Diffusions-exceptionnelles/Auvergne/Haute-loire/Le-chambon-sur-lignon/2019/04/13/La-fete-a-jules

Hier der Link zum Film „Home sweet Home“ (Trautes Heim)

Doppelrolle Lise und Laura

Seit heute in der Filmographie: Claude Jade in ihrer zweiten Doppelrolle nach „Le choix“. In „Lise et Laura“ spielt sie zwei gegensätzliche Frauen zu verschiedenen Zeiten.  Als Lise lernt sie 1938 den Aristokraten Frédéric (Bernard Malaterre) kennen und ordnet ihr Leben der Familie unter, bis sie 1942 von  der Gestapo ermordet wird. 1982 begegnet die emanzipierte Lektorin Laura dem Witwer Frédéric (nun Michel Auclair) und liest Lises Tagebücher.
Hier der Link zu Henri Helmans Film „Lise et Laura“