Trivia – Gut behütet

GUT BEHÜTET

42 Jahre einer Karriere liegen zwischen der züchtigen Haube, die sie 1964 als Molières Agnès trug und dem Kardinalshut Alcestes, den sie als Molières Célimène in ihrem letzten Sommer am Ende von Jacques Rampals Molière-Fortsetzung „Célimène und der Kardinal“ aufsetzt.

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Annie und Claude Jorré; Claude bei einem Kinderfest in Pouldu

Behütet: Annie und Claude Jorré; Claude bei einem Kinderfest in Pouldu

Gut behütet ist sie aufgewachsen; bescheiden in einem Lehrerhaushalt,  musisch geprägt und idyllisch wie in einer Sonate von Mozart. Do mi sol si la ré do… Selbst als sie in Hollywood mit Alfred Hitchcock „Topaz“ dreht und noch nicht volljährig ist, darf ihre ein Jahr ältere Schwester Annie als Chaperonne, als Anstandsdame, mit nach Amerika reisen. Die gut behütete Claude Jade trägt auch Hüte in einigen ihrer Filme. Hier eine chronologische Galerie.

Ihre Sommerferien verbringen die Jorrés oft in der Bretagne, in Pouldu im Morbihan. Dort erlebt Claude ihr erstes großes Kinderfest. Für die Kostüme schneidert Marcelle Jorré ihren Töchtern aus Krepp und Pappe Elsass-Trachten: Die in der Trikolore gehaltenen Kostüme der putzigen Schwestern erinnern mit ihren gigantischen Papierhauben an den Elefanten Dumbo, doch das kann den Stolz nicht schmälern.

Claude Jade als Agnès in Molières "Die Schule der Frauen" mit André Héraud

Claude als Agnès in Molières „Die Schule der Frauen“ mit André Héraud

Als Agnès in Molières „Die Schule der Frauen“ , die sie ab dem 27. Mai 1964 an der Comédie de Bourgonne und auf Tournee durch das Departement Côte d’or in 40 Vorstellungen spielt, trägt sie eine Spitzenhaube. Claude spielt die Agnès an der Seite und unter der Obhut ihres Schauspiellehrers André Héraud. „Eine exzellente Entdeckung: Claude Jorré“ schreibt Bernard Laissus in „Depêches“.
Einen Sommer später spielt sie für einen Fernsehfilm die Midinette Lily in „Le crime de la rue de Chantilly“. Ihre Szenen eröffnen und schließen den Krimi und in beiden trägt sie einen Hut. Und „Le Figaro“ druckt ein Foto der jungen Schauspielerin, die damals noch Claude Jorré heißt.

Claude Jade 1965 als Midinette Lily

Claude Jorré 1965 als Midinette Lily

1966 hat Claude den Prix de Comédie erhalten und wird als Schülerin am Pariser Théâtre Edouard VII angenommen. Im Sommer 1966 verbringt sie fünf Wochen in Draveil, einer Stadt in der Pariser Banlieue, um mit dem „cours Nadaud“ rechtzeitig für den Eintritt in die Pariser Schauspielschule ihren Abschluss zu erreichen. Im von Türmchen flankierten Château des Bergeries büffelt sie am „Internationalen Kolleg zur Abitur-Vorbereitung“.
So romantisch die Umgebung anmutet – über eine von einem Rosen-Massiv gesäumte Allee und eine Freitreppe gelangen die Schüler in ihre Schlafsäle – so unwohl fühlt sie sich unter den Mitschülern, die nicht gerade benachteiligten Milieus entstammen. Sie ist hier größtenteils umgeben von versnobten und blasierten jungen Leuten. Freunde wird sie unter ihnen nicht finden. Behütend sind allein die Briefe, die sie von ihrer Familie erhält.
Auch wenn sie bereits einen Fin-de-siècle-Hut für einen Fernsehfilm getragen hat und später in Roben von Pierre Cardin gekleidet ist, interessiert sich Claude Jade überhaupt nicht für Mode. Einige Schnepfen, die in ihren feinen Shetland-Pullis dem letzten Schrei nachrennen, Perlen um den Hals tragen und sich untereinander so gierig wie stolz ihre schicken Kelly-Bags von Hermès präsentieren, die ihnen bereits untrennbar angewachsen scheinen, glotzen mit gewisser Herablassung, als sie von ihren Plänen spricht, Schauspielerin werden zu wollen.

Claude_Jade_Christian_Azzopardi_dans_Le_crime_de_la_rue_de_Chantilly_Guy_jorreClaude Jade erinnert sich: „Ich war für sie eine kleine Provinzlerin, die noch nicht einmal den großen Sattler [Hermès] in der rue de Faubourg-Saint-Honoré kannte und die sich als so eine auch noch ernsthaft vorstellte, Karriere als Schauspielerin machen zu können! Das erschien ihnen offensichtlich als gänzlich lächerlich. Sie waren allerdings etwas weniger stolz, als am Ende der Woche die Noten vergeben wurden.“ Claude  besteht ihr Abitur mit der Auszeichnung AB. Für Claude heißt es nun: ab nach Paris!

Claude Jade als Sylvie in der TV-Serie "Les oiseaux rares"

Claude Jade als Sylvie in der TV-Serie „Les oiseaux rares“

oiseaux_rares_moto_Claude_JadeEin Jahr ist vergangen, die erste Fernsehserie „Prunelle“ abgedreht und im Sommer 1967 spielt Claude eine Hauptrolle in der Serie „Les oiseaux rares“. Da sie als Sylvie eine Pferdenärrin ist, trägt Claude Jade auch einen runden Reiterhelm, der bei Unfällen Schutz bieten soll. Zum Start der Serie schildert sie in einem Interview für „Télé 7 Jours“ den finalen Ausritt. Anfang Juli 1967, am letzten Drehtag der ersten Staffel, will sie nach vier Proben verängstigt vom ungestümen „Monsieur“ absteigen. Der Hengst trabt los und ihr Fuß bleibt am Steigbügel hängen. Trotz des heftigen Schmerzes im Gelenk wird die Szene erst nach zwei Stunden – die Fessel ist inzwischen auf das Doppelte angeschwollen – beendet. Auch wenn nichts gebrochen ist; wegen der dem „Berufsrisiko“ zugeschriebenen Verstauchung darf sie nun humpelnd die Treppen zu den Kursen am Théâtre Edouard VII erklimmen. Reiterhelm als Unfallschutz? Pah! So trägt sie in der 60teiligen Serie nur ein weiteres Mal eine Mütze, für einen Ausflug Sylvies nach Paris. Sie sitzt auf dem Sozius eines Motorrads – vorsorglich ohne Helm!

Glockenhut

Glockenhut

Vedette Claude Jade

Flaggschiff

Dafür trägt sie ab Ende September 1967 einen klassischen Glockenhut: Der große Theatermann Sacha Pitoëff hat sie in einer Aufführung am Théâtre Édouard VII entdeckt und für Luigi Pirandellos „Heinrich IV“ engagiert, jenes Stück, in dem sie von François Truffaut für „Geraubte Küsse“ entdeckt wird.
Der Hut ist ein Modell aus den 1920er Jahren, jener Zeit, in der Pirandello das Stück geschrieben hat. Und er ist zugleich akribisch am Kostüm der Pariser Uraufführung durch Pitoëffs Vater Georges aus dem Jahre 1925 orientiert.

In François Truffauts Film trägt sie keinen Hut, doch eine Kapitänsmütze für Werbeaufnahmen; immerhin ist sie nun „DIE Entdeckung des Französischen Kinos“, ein Star, genauer eine Vedette, was im Französischen sowohl Filmgröße als auch Flaggschiff bedeutet.

Claude Jade mit Hut auf internationalen Zeitschriften ("Sie + Er, Kinejun) und auf einem Poster.

Claude Jade mit Hut auf internationalen Zeitschriften („Sie + Er“, „Kinejun“) und auf einem Poster.

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Claude Jade als Mädchen und junge Dame im Abenteuerfilm „Sous le signe de Monte-Cristo“

Mauregard_1969_serie_Claude_JadeEs dauert ein weiteres Jahr, bis sie auf der großen Leinwand Hüte trägt: für „Sous le signe de Monte Cristo“ sind es 1968 ein Strohhut und eine elegante schwarze Kappe.

Einige Monate nach „Geraubte Küsse“ bleibt sie der künstlerischen Truffaut-Familie erhalten. Die beiden Co-Autoren ihres Debütfilms, Claude de Givray und Bernard Revon, haben den Sechsteiler „Mauregard“ geschrieben; Claude de Givray führt zudem die Regie. Parallel zu „Topaz“ spielt sie 1968/69 in der historischen Familiensaga die Waise Françoise und trägt einen Hut, wie er 1885 in Mode war.
Doch der Hut ist nichts gegen ihre Augen und François Truffaut hält sie scherzend für überqualifiziert: „Mit deinen großen blauen Augen könntest du ganz allein die ‚zwei Waisen’ spielen.“ (Truffaut spielt hier auf das von David W. Griffith als „Zwei Waisen im Sturm“ mit Lillian und Dorothy Gish verfilmte Theaterstück „Les deux orphelines“ von Arnolphe d’Ennery an.)

Claude Jade mit imposanter Frisur im "Sommernachtstraum" und 1970 auf einerm Werbefoto für "Domicile conjugal"

Claude Jade mit imposanter Frisur im „Sommernachtstraum“ und 1970 auf einerm Werbefoto von United Artists für „Domicile conjugal“

In „Mon oncle Benjamin“ überlässt sie ihrem Partner Jacques Brel den Hut und für „Ein Sommernachtstraum“ übernimmt die Fertigung des Kopfschmucks die Maskenbildnerin: die kunstvolle Turmfrisur verdient die Bezeichnung Hut und findet so Einzug in die kleine Hutgelarie. Für Truffauts „Domicile conjugal“ veröffentlicht United Artists ein Starfoto mit Schirmmütze und das DDR-Kinoplakat verpasst ihr ein kleines Barrett, doch im gesamten Film, der zwar im Winter gedreht wurde, doch als Komödie frühlingshafte Kostüme verlangt, trägt sie nur einmal eine Kopfbedeckung: in jener Szene, in der Christine in einem Hauseingang verschwindet und Antoine nicht verrät, welche der drei am Hauseingang prangenden Adressen sie anstrebt.

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Claude Jade und Jean-Pierre Cassel vor der Küste der Île de Cavallo

1970 und 1971 sind zwei Jahre, in denen Claude Jade für Filmfestivals die Welt bereist. Sie hat inzwischen – am 17. Dezember 1970 – den „Triomphe-Révélation“ der XXV. Nuit du cinéma erhalten, gilt als junge Botschafterin des Französischen Films. Gelegenheiten genug, in aller Welt von Australien über Moskau und Indien bis Lateinamerika Hüte zu tragen und damit für Fotografen zu posieren.
Große Anerkennung seitens der Filmritiker erhält sie für ihre herausragende Leistung in Gérard Brachs „Le bateau sur l’herbe“, Frankreichs Kandidat für die Goldene Palme in Cannes. Auch wenn das titelgebende Schiff nie in See sticht, reist sie hernach mit ihrem Filmpartner Jean-Pierre Cassel zur Mittelmeerinsel Cavallo – gut behütet, versteht sich.

Claude Jade Sheherazade filmIn Brasilien, wo sie wenig später  „Le bateau sur l’herbe“ vorstellt, lernt sie ihren späteren Mann Bernard Coste kennen. Und als sie für den 1971 entstandenen Fernsehfilm „Sheherazade“ als persische Prinzessin zwei wirklich reizende Hüte trägt, verpasst sie am 31. Dezember die Ausstrahlung. „France soir“ schreibt zum Jahreswechsel, dass Claude Jade in Rio Samba tanzt. Sie reist mit Bernard Coste durch Brasilien, fühlt sich wohl in seiner Gegenwart und leidet ein wenig darunter, dass ihre große Liebe am anderen Ende der Welt zurückbleiben muss. Sie muss ihn im Januar 1972 für zwei andere Bernards verlassen, Bernard Fresson und Bernard Le Coq, ihre Partner in „Les feux de la Chandeleur“ (Kerzenlicht).

Mit Hüten reist Claude Jade um die Welt. Oben ohne: für den Sonnenuntergang am Strand ist sie mit Bernard Coste an ihrer Seite behütet genug.

Mit Hüten reist Claude Jade um die Welt. Oben ohne: für den Sonnenuntergang am Strand ist sie mit Bernard Coste an ihrer Seite behütet genug.

Claude Jade, Annie Girardot, Bernard Le Coq Les feux de la Chandeleur Serge Korber 1972

Claude Jade mit Filmmutter Annie Girardot und Filmbruder Bernard Le Coq in „Les feux de la Chandeleur“ (Kerzenlicht)

Annie Girardot Claude JadeUnd in Serge Korbers „Kerzenlicht“ – ein Jahr nach „Le bateau“ ebenfalls Frankreichs Beitrag für die Goldene Palme –  wird der rote Hut, den Claude Jade trägt, zum dramaturgischen Element.
Solange sich Mutter (Annie Girardot) und Tochter (Claude Jade) noch zoffen, trägt Claude als Laura im winterlichen Jura Wollmützen und Mamouchka Marie-Louise zumeist einen roten Strohhut, der politisches Bekenntnis und zugleich Markenzeichen des Films ist.
Mit der Liebe zu Mamouchkas bestem Freund, dem Sozialisten Marc (Bernard Fresson), und der Annäherung zur Mutter greift Laura zu einem Hut gleicher Couleur.

Claude Jade Les feux de la chandeleur

Claude Jade Mandragore MandragolaClaude Jade Mandragore resille Elizabeth TaylorAls Claude 1972 im Fernsehfilm „La Mandragore“ nach Machiavellis „Mandragola“  die widerspenstige Lucrezia spielt, trägt sie einen Hut nach der Mode des Florenz zur Mitte des 16. Jahrhunderts. Wie bereits für „Sheherazade“ ist der junge Coiffeur Jean-Claude Chicot für ihre Frisuren verantwortlich. Sie trägt nach ihrem Besuch bei Star-Coiffeur Alexandre an der rue de Faubourg-Saint-Honoré, in Nachbarschaft zum Handtaschen-Sattler Hermès, jene Frisur und das brillantene Haarnetz, die für Elizabeth Taylor in Franco Zeffirellis „Der Widerspenstigen Zähmung“ kreiert wurden.
Die für den gigantischen Hut verantwortlichen Kostümbildner Mario Franceschi und Cécile Valleda schneidern ihr als Abschlussgeschenk eine seidene Renaissance-Robe, die als Hochzeitskleid konzipiert ist. Zur Hochzeit mit Bernard Coste am 14. Dezember wählt sie dann ein elegantes kurzes Kleid von Lanvin, doch die Robe wird Claude Jade als Gast auf dem Ersten Internationalen Filmfestival in Teheran tragen.

Claude Jade 1973 in "Trautes Heim" und 1976 in "Zwischen Tod und Leben"

Claude Jade 1973 in „Trautes Heim“ und 1976 mit Michel Bouquet in „Zwischen Tod und Leben“

In Teheran wird ihr neuer Film „Home sweet Home“ (Trautes Heim) frenetisch gefeiert: Für „Home sweet Home“ trägt Claude Jade 1973 die Haube einer Krankenschwester; ein solches Hütchen setzt sie 1976 erneut auf, wenn sie in „Les anneaux de Bicêtre“ (Zwischen Tod und Leben) spielt.
Während sie als Blanche ihren Patienten (Michel Bouquet) auf seinem Weg zurück ins Leben begleitet, verbirgt Claude Jade unter der Schwesterntracht heranwachsendes Leben: Sohn Pierre wird im August 1976 geboren.

Claude Jade in "Il y a longtemps que je t'aime", "Prêtres interdits" und mit Chantal Goya und Nicole Jamet in "Trop c'est trop"

Claude Jade in „Il y a longtemps que je t’aime“, „Prêtres interdits“ und mit Chantal Goya und Nicole Jamet in „Trop c’est trop“

Claude Jade in "Le malin plaisir"

Claude Jade in „Le malin plaisir“

Die kleine blaue Wollmütze, die Claude Jade zu Beginn von „Il y a longtemps que je t’aime“ trägt, überdauert nur die ersten Minuten – sobald sie diese abnimmt, wirft Claudes Clarisse auch alle anderen Konventionen über Bord. Eine rosa Baskenmütze trägt sie als Françoise in „Prêtres interdits“ (Der Abbé und die Liebe) für jene Szene, in der sie Robert Hossein in der Kirche aufsucht und ihm im Beichtstuhl ihre Liebe erklärt. In der anarchischen Komödie „Trop c’est trop“ ist sie als Patricia kein braves Mädchen und posiert als echtes Luder mit ihren Partnerinnen Chantal Goya und Nicole Jamet im Lumpen-Chic.

Und im Thriller „Le malin plaisir“ bedeckt sie mit einem Strohhut ihre Blöße. Für die Rolle der Julie Schmitt akzeptiert Claude Jade erstmals Nacktaufnahmen. Claude Jade hatte sich 1969 geweigert, in Édouard Molinaros Film „Mon oncle Benjamin“ ihre Brüste zu entblößen und konnte sich durchsetzen; als Molinaro ihr 1971 die Hauptrolle in „Les aveux les plus doux“ anbietet, lehnt sie ab, weil eine Nacktszene unumgänglich gewesen wäre. Hier nun trinkt sie mit Partner Jacques Weber vor den Aufnahmen „ein wenig Vodka“, um sich zu enthemmen.

Bernard Coste hatte seiner zögernden Frau bereits im Vorfeld von „Le malin plaisir“ erklärt, sie müsse verrückt sein, wegen einer solchen Szene auf eine feine Rolle wie die der Mörderin Julie zu verzichten. Vier Jahre zuvor hatte Claude Jade erklärt, sie müsse für eine derartige Entscheidung ihre Mentalität ändern. „Ich dachte immer, es schickt sich für eine ernsthafte Schauspielerin nicht, sich auszuziehen. Ich habe mich geirrt“, sagt sie 1975 der „Ciné Revue“.

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Ihre erste Doppelrolle. Als Anne trägt sie Reiterhelm, als Juliette einen Sonnenhut: Claude Jade auf dem DVD-Cover und der Pressemappe zum Film „Le Choix“.

Claude Jade Le Choix

Ein Blick in den Spiegel verrät Anne: der Hut steht ihr gut.

Für den belgischen Kinofilm „Le choix“, in dem sie erneut kurz nackt zu sehen ist, spielt sie erstmals eine Doppelrolle. Claude Jade agiert hinreißend, der Film ist superb fotografiert, doch Regiedebütant Jacques Faber geizt bei aller Poesie nicht mit etwas überladener Symbolik. Auch dem Hut kommt eine gewisse Bedeutung zu. Ihre Reitermütze, die sie in einer der ersten Szenen trägt, setzt sie später ihrem Liebsten auf, der ihr en revanche einen Verlobungsring an den Finger steckt. Just als das Paar Anne (Jade) und Jean-Pierre (Gilles Kohler) im Partnerlook Schiebermützen trägt, erklärt der Antiheld, dass er Brüssel und Anne für einige mehrmonatige Theatertournee in Südfrankreich verlässt.

Claude Jade und Gilles Kohler, der Engel aus Carnés "La merveilleuse visite", in Jacques Fabers "le choix" (Belgien, 1975)

Claude Jade und Gilles Kohler, der Engel aus Carnés „La merveilleuse visite“, in Jacques Fabers „le choix“ (Belgien, 1975)

Die in Nizza lebende Tänzerin Juliette (ebenfalls Claude Jade) hat ihren ersten Auftritt mit einem sommerlichen Strohhut. Eine Zeichnung, die anfangs Anne darstellen soll, ändert Gilles Kohler einige Tage später mit einem ausholenden Strich zu einem Portrait von Juliette, der jungen Dame mit dem Hut.

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Claude_Jade_et_figurants_Nice_Le_ChoixWährend der Dreharbeiten in Nizza schaut Claude Jade auch in Cannes vorbei. Im offiziellen Wettbewerb ist keiner ihrer Filme vertreten, doch sie erhält am 22. Mai 1975 den Prix Orange, den Preis der Internationalen Presse des Festivals, „pour sa gentillesse“. Es könnte möglich sein, dass die Statisten auf dem Marktplatz von Nizza ihr deshalb ihre ganze Aufmerksamkeit widmen. Es mag aber vielleicht auch nur der schicke Hut sein.

Claude Jade Go Kato Kita no misaki Cape of North Kei KumaiClaude Jade Go Kato Kita no misaki Cape of North Kei KumaiEine etwas unkonventionelle Kopfbedeckung erhält Claude Jade für ihre Rolle der Marie-Thérèse in einem Film des Japaners Kei Kumai. Für dessen Drama „Kita no misaki“ verbirgt sie ihr Haar unter einer Haube, wie sie Nonnen zu eigen ist – nur in wenigen Sequenzen nimmt sie diese ab. In den Armen des japanischen Stars Go Kato macht sie auch mit diesem Habit eine aparte Figur, ähnlich  hinreißend wie im gleichen Jahr Audrey Hepburn in Richard Lesters „Robin and Marian“.

Una spirale di nebbia Claude Jade Duilio del Prete Erpirando ViscontiIhre Kleider ablegen wird sie 1977 für eine Szene in Eriprando Viscontis „Una spirale di nebbia“.
Als sie zehn Jahre später in der TV-Sendung „Le nouveau Théâtre de Bouvard“ von Moderator Philippe Bouvard gefragt wird, ob man sie denn in einem Film auch unbekleidet sehen könne, antwortet sie nonchalant und souverän, das habe sie bereits hinter sich. Sie verschweigt in ihrer Antwort den Titel des als „Caresses bourgeoises“ bereits auf Video erschienenen Films: „Dort war es bei einer Duschszene dramaturgisch notwendig. Man duscht eben nicht bekleidet.“ Immerhin trägt sie als Maria-Teresa, die ihren impotenten Mann (Duilio del Prete) einseift und dabei weint, eine Duschhaube.

Jean Meyer Claude Jade Intermezzo Jean Giraudoux1978 spielt sie am Théâtre des Célestins in Lyon die Isabelle in Jean Giraudoux‘ Komödie „Intermezzo“.
Die junge Lehrerin mit dem großen Sommerhut versetzt nach ihrer Begegnung mit einem Geist eine ganze Kleinstadt in ihre Traumwelt und stellt die bürgerliche Moral auf den Kopf.
Unter der Obhut ihres Regisseurs und Partners Jean Meyer (auf dem Bild links ebenfalls mit Hut) spielte Claude Jade zwischen 1975 und 1984 in fünf weiteren Stücken.

Claude Jade als Lucile Desmoulins (1770-1794) in "La passion de Camille et Lucile Desmoulins"

Claude Jade als Lucile Desmoulins (1770-1794) in „La passion de Camille et Lucile Desmoulins“

In die Zeit der Französischen Revolution führt Claude Jade der Fernsehfilm „La passion de Camille et Lucile Desmoulins“ – Hauben und Hüte des ausgehenden 18. Jahrhunderts zieren das Haupt Lucile Desmoulins, bis sie am Ende ihrem geliebten Mann (Bernard Alane) aufs Schafott folgt.

Claude Jade als Göttin Athene mit Maxence Mailfort als Odysseus. In "Ulysse est revenu" (1978) spielt sie zudem drei weitere Rollen.

Claude Jade als Göttin Athene mit Maxence Mailfort als Odysseus. In „Ulysse est revenu“ (1978) spielt sie zudem drei weitere Rollen.

Gleich vier Rollen spielt Claude Jade in „Ulysse est revenu“. Hatte sie bei Regisseur Jean Dewever elf Jahre zuvor in „Les oiseaux rares“ Reiterhelm und Mütze, so trägt sie bei ihrer zweiten Zusammenarbeit mit Dewever eine Strickmütze als Fernsehjournalistin, einen Schlapphut als Schafhirtin und einen Helm als Göttin Pallas Athene. Für ihren bärtigen Schäfer gibt es obendrei eine haubenähnliche Lockenperücke.

Claude Jade und Henri Guybet 1978 in "Le Pion" (Ein Pauker zum Verlieben)

Claude Jade und Henri Guybet 1978 in „Le Pion“ (Ein Pauker zum Verlieben)

Le_Pion_1978_Claude_Jadeaffiche_film_Le_Pion_Henri_Guybet_Claude_JadeIn der romantischen Komödie „Le Pion“ (Ein Pauker zum Verlieben) ist ein Strohhut nur Wandschmuck. Er hängt  im Esszimmer der alleinerziehenden Witwe und Klavierlehrerin Dominique Benech (Claude Jade), die heimlich in den Aushilfslehrer ihres Sohnes verliebt ist. Dominique kann ihren Schwarm Bertrand (Henri Guybet) überreden, seinen Roman „Le Pion“ zu veröffentlichen, doch für ein Liebesgeständnis ist sie zu schüchtern. Zudem ist Bertrand ist seine arrogante Kollegin Mlle Thuiller verliebt.  Als Bertrand seine Liebe zu Dominique entdeckt und die beiden am Ende der optimistischen Fabel heiraten, landen die von Kindern geworfenen Reiskörner auf einem voluminösen weißen Schlapphut, der es auch auf das Filmplakat schafft.

Claude Jade im Sechsteiler "L'île aux trente cercueils" (Die Insel der dreißig Tode)

Claude Jade im Sechsteiler „L’île aux trente cercueils“ (Die Insel der dreißig Tode)

Claude Jade Pierre Coste

Behütet: Claude Jade während der Dreharbeiten mit Sohn Pierre

Eine Zier sind die Hüte aus den ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts, die Claude Jade im Sechsteiler „L’île aux trente cercueils“ (Die Insel der dreißig Tode) trägt. Die fünfmonatigen Dreharbeiten im kindheitlichen Ferienidyll Bretagne sind trotz der Strapazen der Heldin Véronique d’Hergemont für Claude Jade, die jeden Tag disponiert ist, ein Vergnügen.
Behütet ist sie vor und hinter der Kamera: Sie verbringt die Monate im Morbihan in einem bretonischen Haus im Dorf Plouharnel, einige Kilometer von Carnac entfernt und am Meer gelegen. „Entre Mers et Mystères“ nennt sich der Ferienort in Eigenwerbung. Ein siebzehnjähriges Kindermädchen betreut Pierre und eine Köchin ist ebenfalls angestellt. Es ist das einzige Mal in ihrer Karriere, dass sie einen solchen Service nutzt, doch der Drehplan lässt nur wenig Freizeit zu. Neben Marcelle und Marcel Jorré kommt auch ihre Schwester Annie mit ihren Töchtern, der fünfjährigen Gaëlle und der Neugeborenen Ariane, zu Besuch. Wie in den Sommerferien der Kindheit in Pouldu ist die Familie abermals im vertrauten Morbihan vereint.

Nach dem Fernsehspiel "Antenne à Francis Perrin" verlässt Claude Jade wie Colombine den Bois de Boulogne - Richtung Moskau

Nach dem Fernsehspiel „Antenne à Francis Perrin“ verlässt Claude Jade wie Colombine den Bois de Boulogne – Richtung Moskau

behuetet-comic_teheran_43_claude_jadeAus familiären Gründen dreht Claude Jade anschließend in der Sowjetunion. Im Frühjahr 1979 ziehen die Costes nach Moskau. Sie trägt noch zwei Hüte für den Fernsehfilm „Antenne à Francis Perrin“, in dem sie an der Seite des Komödianten Francis Perrin mehrere Rollen spielt.
Die kleine Wollmütze, die sie als zwielichtige Françoise in der sowjetischen  Großproduktion „Teheran 43“ trägt, schafft es in einen Comic zum Film im argentinischen „D’Artagnan“.

Claude Jade als Revolutionärin Inès Armand in Sergej Jutkewitschs "Lenin in Paris"

Claude Jade als Revolutionärin Inès Armand in Sergej Jutkewitschs „Lenin in Paris“

Imposanter sind die ausladenden Hüte, die sie als Inès Armand in „Lenin in Paris“ trägt. Hier ist sie künstlerisch in bester Obhut eines Altmeisters des russischen Kinos: Sergej Jutkwitsch, der sie „eine große Schauspielerin“ nennt.

Claude Jade als Heldin der Vicki-Baum-Verfilmung "Rendezvous in Paris"

Claude Jade als Berlinerin Evelyn Droste, Heldin der Vicki-Baum-Verfilmung „Rendezvous in Paris“

Claude_Jade_1980_Barry_Stokes_Rendezvous_in_ParisClaude_Jade_1980_Rendezvous_in_ParisEbenfalls hinter dem eisernen Vorhang entsteht der deutsche Film „Rendezvous in Paris“, den die Regisseurin Gabi Kubach für die Bavaria in der Tschechoslowakei dreht. So klassisch behütet mit Modellen aus den 1930er Jahren ihre Vicki-Baum-Heldin ist, so sehr fühlt sich das Team von Claude Jade behütet. Gabi Kubach sagt später, dass Claude dolmetschend zwischen den einzelnen Arbeitern vermittelt habe, die sie geliebt hätten. In ihren Memoiren „Baisers envolés“ erinnert sich Claude Jade, dass sich eines Tages der tschechische Assistent mit Tränen in den Augen an sie wandte und sagte: „Sie sind unsere Sonne“. Auch weil sie ein Hauch von Freiheit umwehte, dem Wort, das auf tschechisch so sanft klingt: Swoboda.

Claude Jade im Krimi "La grotte aux loups" auf Mördersuche mit Alain Claessens

Claude Jade im Krimi „La grotte aux loups“ auf Mördersuche mit Alain Claessens

Claude Jade in "Lise et Laura"

Claude Jade in „Lise et Laura“

Parallel dreht sie weiterhin in französischen Filmen. Wie schon „Les feux de la chandeleur“ spielt „La grotte aux loups“ im Jura. Und wie im Film von Serge Korber trägt sie nun Wollmützen. Regisseur ist übrigens Bernard Toublanc-Michel, in dessen „Le malin plaisir“ sie 1975 ihre Blöße mit einem Sonnenhut bedeckt hatte. Einmal trägt sie auch einen Cowboyhut, was angesichts des Plots naheliegend ist: einer ignoranten Dorfgemeinschaft zum Trotz klärt ein junges Paar einen Doppelmord auf, bei dem die Leichen verschwunden sind. Für ihre Doppelrolle in Henri Helmans „Lise et Laura“ trägt sie mindestens zwei Hüte – der Film ist bis auf einen Trailer nicht verfügbar.

Le Radeau de la meduse film Iradj Azimi Claude Jade Das Floß der MedusaLe Radeau de la meduse film Iradj Azimi Claude Jade Das Floß der MedusaPrächtige historische Hüte sind ihrer Gouverneursgattin Reine Schmaltz in Iradj Azimis „Le radeau de la Méduse“ angemessen. Wenn die Royalistin Madame Schmaltz sich mit diesen 1816 an Bord der „Titanic des 19. Jahrhunderts“ begibt, bleibt auch der aristokratische Teint bewahrt.
Die von Dominique Louis kreierten Hüte trägt Claude Jade im karibischen Guadeloupe wegen Unterbrechungen der Dreharbeiten, unter anderem durch den Hurrikan Hugo, der den Nachbau der „Medusa“ im September 1989 zerstört, fast drei Jahre.

"La tête en l'air" (1993)

„La tête en l’air“ (1993)

Belle Epoque Francois Truffaut Jean Gruault Gavin Millar 1995 Claude Jade

„Belle Époque“ (1995)

Im Vorspann der TV-Serie „La tête en l’air“, die 1993 ausgestrahlt wird, trägt sie einen schlichten Strohhut.  Bescheiden ist auch die Kopfbedeckung, die Claude Jade in „Belle Époque“, der TV-Adaption eines Drehbuchs von François Truffaut, trägt. Mit ihrer Filmtochter findet sie beim Pariser Hochwasser von 1910 behütende Zuflucht bei Kristin Scott-Thomas und André Dussolier.

Claude Jade als Lucienne des Grassins mit Bernard Haller (links) und Pierre Vernier in "Eugénie Grandet" (1993)

Claude Jade als Lucienne des Grassins mit Bernard Haller (links) und Pierre Vernier in „Eugénie Grandet“ (1993)

Claude_Jade_dans_Eugenie_GrandetProtziger sind die Hüte, die sie als Lucienne des Grassins, eine Figur aus Honoré de Balzacs Romanzyklus der „Menschlichen Komödie“, trägt. Da die Handlung von „Eugénie Grandet“ 1819 einsetzt, drei Jahre nach dem Schiffbruch der Medusa, ähneln die Hüte der Madame des Grassins jenen der Madame Schmaltz aus Azimis Film. So ist Lucienne, Frau des Bankiers des Grassins, die einzige im Provinzstädtchen Saumur, die sich nach der neuesten Pariser Mode kleidet. In Jean-Daniel Verhaeghes ausgezeichneter Verfilmung des berühmten Romans gibt Madame des Grassins in der Kleinstadt an der Loire den Ton an und trägt entsprechend dick auf. Schließlich setzt die elegante Erbschleicherin alles daran, ihren tumben Sohn (Oliver Delor) mit der Tochter eines reichen Geizkragens (Jean Carmet) zu verkuppeln. Eine lustige Rolle, in der Claude Jade gehörig intrigieren kann.

2000_Claude_Jade_Sans_famille2000_Sans_famille_Claude_Jade2000 verfilmt Verhaeghe mit Hector Malots „Heimatlos“ erneut einen Roman: In „Sans famille“ trägt sie in einem berührenden Gastauftritt als „schöne Dame“, die Pierre Richard mit dessen tragischer Vergangenheit konfrontiert, eine Fellmütze. Als Verhaeghe sie 2003 in „Les Thibault“ besetzen will, für eine Rolle, die ihrem Alter entspräche, nehmen  die Produzenten eine 18 Jahre jüngere Aktrice. Claude Jade sei ihnen „nicht jung genug“.

Während es unter den Hüten einiger Produzentenköpfe an Verstand mangelt, erscheint 2005 ein ausgezeichneter Autor und Regisseur, der Claude Jade in ihrem 58. Lebensjahr en revanche für eine 18 Jahre jüngere Rolle besetzt.

Claude Jade Celimene et le cardinal piece Moliere misanthrope Jacques Rampal theatre

Claude Jade 2006 in „Célimène et le cardinal“

2006_Claude_Jade_Celimene_et_le_CardinalUnd den zu frühen Abschluss der behüteten Galerie macht ein Kardinalshut, den Claude Jade zuletzt am 8. August 2006 trägt – in der letzten Vorstellung von „Célimène et le cardinal“. Wie in ihrer ersten Bühnenhauptrolle als Agnès in „Die Schule der Frauen“ spielt Claude Jade erneut eine Molière-Heldin. Nur enstammt diese Célimène dem Geist des Autors und Regisseurs Jacques Rampal, der die Geschichte um Célimène und Alceste aus Molières „Menschenfeind“ fortgesetzt hat – in Alexandrinern, als stammte das Stück aus dem 17. Jahrhundert und von Molière selbst. Zwanzig Jahre nach den Ereignissen aus „Der Menschenfeind“ begegnen sich Célimène, inzwischen 40jährige Mutter von vier Kindern, und der zum Kardinal ernannte Alceste wieder. Mit dem Kardinalshut in den Händen verbeugt sich die für diese Rolle gefeierte Claude Jade im Schlussapplaus. Jacques Rampal sagt am 5. Dezember 2006: „Sie beendete ihr Leben auf der Bühne, es endete in Schönheit, sie gab eine bemerkenswerte Vorstellung, es war der 8. August, es war erst gestern.“

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