Le collectionneur de cerveaux – Robots pensants – Schach dem Roboter

LE COLLECTIONNEUR DE CERVEAUX / ROBOTS PENSANTS (Schach dem Roboter)
Frankreich 1976 Regie: Michel Subiela  Buch: Michel Subiela, nach „Denkende Roboter“ (Robots pensants) von George Langelaan Kamera: Claude Robin Musik: Vladimir Cosma Schnitt: Lucienne Barthelemy, Dominique Creussay  Ausstattung: Yves Olivier Effekte: Paul Trielli Automatenmodelle: Marie-Thérèse Raspens Skulpturen: Pierre Sizonenko Maske: Jacqueline Schiestel Regieassistenz: Dominique Masson, Jean-Claude Parravano Produktion: Antenne 2  EA:  23.10.1976  DA: 2.2. 1978  DVD Deutschland: 16.5. 2011 DVD Frankreich: 28.5. 2014
Darsteller:
Claude Jade (Penny Vanderwod), François Dunoyer (Lewis Armight), André Reybaz (Comte de Saint-Germain), Thierry Murzeau (Diego), Roger Cruzet (Valdieu), Gisèle Casadesus (Mrs. Vanderwood), Raoul Guillet (Präsident Schachclub), Jean-François Derec (der falsche Robert), Jean-Pierre Granet (Robert), Jean-Claude Sachot (Kellner), Jacques Rocchesani (Gendarm), André Charpak (Arzt), Jean-Pierre Hercé (Schachroboter), Robert Bensimon, François Lafon, Yves Marc, Claire Heggen u.a.

Die Pianistin Penny Vanderwood folgt der Einladung ihres Bewunderers Comte de Saint-Germain zum Turnier mit einem Schachroboter. Sie erkennt in dessen Zügen jene ihres verstorbenen Verlobten. Wenig später entdecken Penny und ihr Freund Lewis, dass dessen Sarg leer ist …

„Pennys flehende Augen, diese braungoldenen, klaren Augen, hätten jeden Mann dazu gebracht, jede Mauer zu jeder Stunde zu übersteigen“. So erklärt George Langelaan in seiner Gruselgeschichte „Denkende Roboter“, weshalb ein verliebter Botschaftsattaché zu nächtlicher Stunde ein Grab öffnet, um den Hirngespinsten seiner Angebeteten, der Pianistin Penny, nachzukommen.“

Ersetzen wir das braungolden durch blaugrün, so eignet sich Claude Jade als Heldin der Verfilmung, wenngleich der Botschaftsattaché hier statt Bernard Lewis heißt.

„Als Star des Films sind Sie die Pianistin“, wird sie in der Sendung „Normandie Actualités“ Ende November 1975 befragt. „Ich hoffe es hilft, dass ich in meiner Kindheit Klavierunterricht hatte, doch neben der Pianistin gibt es einen anderen Aspekt an der Rolle, der mich noch mehr reizt. Ich habe schon immer davon geträumt, mal in einem Science-Fiction-Horror-Film zu spielen.“

Dank der Adaptation durch den Science-Fiction-Spezialisten Michel Subiela wird der Film zu einem Klassiker.

Weil sie in den Zügen eines Schachautomaten jene ihres verstorbenen Verlobten wiedererkennt, gerät Penny (Claude Jade) in Gefahr.

Inmitten des langen Drehs zu Kei Kumais „Kita no misaki“ (links mit Go Kato) hat Claude Jade zwei Monate Drehpause und spielt in „Le collectionneur de cerveaux“

Claude Jade ist seit August 1975 in Japan, wo sie mit Kei Kumai „Kita no Misaki“ dreht.
Drehorte sind Tokio, Yokohama, Kyoto, in Wakkanai auf Hokkaido, Singapur, Bangkok in Thailand, Colombo und Anuradhapura in Skri Lanka.
Ab Oktober hat sie für Kumais Film zwei Monate Drehpause. Sie übernimmt die Rolle in „Robots pensants“, der in Évreux in der Normandie entsteht.
Während man sie in Japan wegen ihrer Rolle als Nonne für ledig halten soll – eine von der Produktionsfirma Toho gewünschte Lüge – und Ehemann Bernard Coste als ihr angeblicher Sekretär präsentiert wird, genießt sie mit Bernard den Aufenthalt in Frankreich – und erfährt im Spätherbst, während sie den Horrofilm dreht, dass sie schwanger ist.

Langelaans Kurzgeschichte ist eine Skizze, in der Penny bis auf ihren Verdacht, dass ihr verstorbener Verlobter in einem Roboter weiterlebt, etwas passiv angelegt ist und ihr Freund Lewis die Initiative ergreift. Wie bei der Serien-Adaptation von „Die Insel der dreißig Särge“, in der die Figur des Arsène Lupin verschwindet, damit Claude Jade als Véronique die Handlung trägt, gibt auch Michel Subiela der Penny den aktiven Part. Subiela, Spezialist für fantastische Geschichten, war Schöpfer der Serie „Le tribunal de l’impossible“ (Das Gericht des Unmöglichen), in der jeder Film von ungeklärten historischen Fakten inspiriert ist. Subiela, der Science-Fictions ins Französische Fernsehen brachte, verleiht seinen Arbeiten irrationale Aspekte: „Ich glaube nicht an Geister, aber ich glaube an diejenigen, die ihnen begegnet sind.“

 

Plakate vor dem Theater von Évreux kündigen Penny Vanderwood (Claude Jade) an.

Claude Jade spielt die junge und erfolgreiche Pianistin Penny Vanderwood, die in der Stadt Évreux in der Normandie ein Konzert gibt: vor dem Theater prangt ein Plakat des Stars. Bei der Vorbereitung auf ihr Konzert hat Penny einen heimlichen Zuhörer: den seltsamen Grafen von Saint-Germain (André Reybaz). Im dunklen Raum applaudiert er ihrem Spiel und erschreckt damit die junge Frau.

Claude Jade (Penny Vanderwood) und André Reybaz (Comte de Saint-Germain)

Er gesteht ihr voller Bewunderung, dass er ihre Tournee schon lange begleite und ihn jedes Konzert mit Genuss erfülle. Er erklärt ihr, dass er seit langem davon träumt, einen Automaten zu konstruieren, der so schön Klavier spiele wie sie. Penny nimmt seine Karte entgegen, wie auch eine Einladung zu einem Schachturnier mit einem seiner Automaten. Die Bedrohung ist durch die offensichtliche Besessenheit des Grafen etabliert.

Am nächsten Morgen erfährt Penny neben einer Kritik aus der Zeitung zu ihrem Konzert, die „Penny Vanderwood das Wunder der reflektierten Spontaneität“ nennt, dass jener Graf im Club Concorde ein Schachturnier mit seinem elektrischen Roboter veranstaltet: Die Maschine wird gegen die besten Spieler der Stadt antreten.

Penny liest von ihrem Konzert und dem Schachturnier mit einem Automaten des Grafen von Saint-Germain. Während Claude Jade „Robots pensants“ dreht, laufen in den Kinos unter anderem „Pas de problème“ von Lautner, „La course à l’échalote“ von Zidi, „Il faut vivre dangereusement“ und Mark Robsons „Erdbeben“.

Neben dem Kinoprogramm von 1975 zeigt der Film auch die angesagten Musikstars: Michel Delpech, Eddie Mitchell, Eric Charden et Stone und Barbara

Das Turnier, das sie besucht, jagt Penny einen Schrecken ein, denn der Roboter verwendet eine Geste, die ihr nur zu vertraut ist.

Auf Pennys kurzen Schrei reagiert der Roboter: Langsam dreht er sich zu der jungen Frau im Publikum und seine Augen beginnen rot zu glühen. Mit sich öffnenden Zooms und Kameraschwenks gewinnt Michel Subielas Film hier bereits an Virtuosität. In der Montage gelingt es ihm, intelligent mit den Blicken der Figuren zu spielen: Pennys Gesicht und das des Roboters finden erstmals zueinander.

Es ist eine Geste, die ihrem vor einem Jahr in Argentinien ums Leben gekommenen Verlobten Robert Tournon eigen war: Er hält die Figuren wie Robert zwischen Zeige- und Mittelfinger. Und auch die Anwendung der Eröffnung ist identisch mit denen des Toten.

Vor einem Jahr verstarb Pennys Verlobter, Schachmeister Robert Tournon (Jean-Pierre Granet im Foto)

Der Automat des Comte des Saint-Germain hält die Figuren wie Robert zwischen Zeige- und Mittelfinger. Penny (Claude Jade) kommt ein Verdacht.

Der Automat des Comte des Saint-Germain hält die Figuren wie Robert zwischen Zeige- und Mittelfinger. Penny (Claude Jade) kommt ein Verdacht.

Wie eine klassische Detektivin überprüft Penny am nächsten Tag die Art, wie Robert und der Roboter die Schachfigur hielten und sucht sich einen Komplizen für ihre Ermittlungen. Penny bittet ihren Freund Lewis Armeight (François Dunoyer), der zugleich Roberts bester Freund war, um ein Treffen.

Penny (Claude Jade) trifft sich mit Botschaftsattaché Lewis Armight (François Dunoyer)

Penny (Claude Jade) glaubt, dass Robert noch leben könnte.

Als sie ihm von dem Roboter erzählt und vermutet, dass Robert noch am Leben sein könnte, bezweifelt er es. Sie beide hätten den Sarg vom Flugzeug abgeholt und seien bei seiner Beerdigung gewesen. Als Penny den schon immer in sie verliebten Botschaftsattaché bittet, das Grab zu öffnen, ist dieser leer.

Lewis besucht den Schachclub. Die Art, die Figur zwischen Zeige- und Mittelfinger zu halten, war Robert Tournon ebenso eigen, wie die Dame zu opfern. Dies bestätigen beim Vorführen von Super-8-Filmen der Schachmeister Valdieu (Roger Crouzet am Projektor) und der Präsident des Schachclubs (Raoul Guillet). In den Aufnahmen wird Robert von Jean-Pierre Granet gespielt.

Penny Vanderwood (Claude Jade) und Lewis Armight (François Dunoyer) observieren das “ Concorde“ an der rue Docteur Oursel. Saint-Germain (André Reybaz) und der Kellner (Jean-Claude Sachot) tragen den Automaten zu einem neuen Schachturnier hinein.

Lewis kann im Automaten des Comte de Saint-Germain nichts entdecken.

Lewis beschreibt den Comte de Saint-Germain als Scharlatan, der Legende nach seit Jahrhunderten lebt, doch im Roboter steckt bei einer Überprüfung nichts außer einiger Kabel und Drähte. Bei einem Spaziergang am Fluss Iton bezweifelt Lewis, dass Robert involviert ist. Aus dem Auto heraus sieht Penny einen Mann aus dem Hinterausgang schleichen: Als sie „Robert !“ ruft und der Mann seinen Namen hört, rennt dieser weg.

Lewis nimmt die Verfolgung auf und stellt den Flüchtenden (Jean-François Derec) am Ufer des Iton, als dieser in der Böschung sein Rauschgift verstecken will. Der junge Mann, der auch Robert heißt, war nach Pennys Schrei in Panik geraten und hatte die beiden für Drogenfahnder gehalten.

Während Lewis den flüchtenden Mann stellte, ist Penny dem Comte im Auto bis zu seiner großen Villa in einem Park hundert Kilometer von Évreux gefolgt. Im Verlauf der Ermittlungen sieht er in Pennys ungeheuerlichen Vermutungen nur Hirngespinste und bittet sie, Roberts Tod zu akzeptieren. Es gäbe wichtigeres als Gespenstern nachzujagen. Für ihn sei der Comte nur ein großer Zauberkünstler. Und er sieht keinen Zusammenhang mit Roberts verschwundenem Leichnam. „Geben Sie etwa auf, Lewis ?“, fragt Penny enttäuscht und bereit, trotz Lewis Rückzug nicht aufzugeben. In dieser Szenenfolge entspricht Claude Jade am ehesten dem, was Kai Weniger in seinem Beitrag zu ihr im Personenlexikon des Films „moderne junge Frauen in Gegenwartsstoffen“ nennt: Mit der Kurzhaarfrisur wirkt die Schauspielerin burschikoser, durchsetzungsstärker.

Lewis hat keine Zweifel mehr; Penny wird nun allein ermitteln und wagt sich auf Landsitz des Grafen.


Die unheimliche Atmosphäre beschwört die Geschichten um Cagliostro und Edgar Allan Poe herauf.
Pennys Konfrontation mit dem Grafen wiegt sie vorerst in Sicherheit: Er habe sich bei seiner Argentinienreise durch Robert zu seinem Roboter inspirieren lassen; mit seinem Tod habe er aber nichts zu tun.
Penny willigt nach einer Schachpartie mit dem Automaten ein, Saint Germain Modell zu sitzen. Die Handbewegungen der Klavierspielerin Penny scheinen Saint Germain ebenso nachahmenswert wie die Art und Weise, mit der ihr Verlobter die Schachfiguren auf dem Brett bewegt. Die Apparate sollen perfekte Doubles sein.
Dass bei der Konstruktion des Klavier-Roboters seltsame Dinge vor sich gehen, zeigt sich als die Augen des Schachroboters bei Pennys Spiel erneut rot leuchten, bevor er zusammenbricht. Statt bloßes Grauen zu erzeugen, schafft der Film unter dieser sich stetig steigernden Bedrohung eine poetische Stimmung aus Melancholie und tragischem Bewusstsein der Menschmaschine.

Auch der Roboter (Jean-Claude Hercé) lauscht wie der Comte (André Reybaz) dem Spiel von Penny (Claude Jade).

Als der Schachroboter Pennys Klavierspiel hört, will er sie berühren - und bricht zusammen.

Als der Schachroboter Pennys Klavierspiel hört, will er sie berühren – und bricht zusammen.

Penny bleibt beim Grafen. Der Garten von Évreux dient dem Film dabei als ein Teich im Garten des Anwesens, durch das André Reybaz Claude Jade führt.

Penny (Claude Jade) spielt für den Grafen (André Reybaz) und sitzt Modell für seinen Klavierroboter.

Während Penny das von Vladimir Cosma komponierte Lied „Florea Soarelui“ spielt, kommt der Comte de Saint-Germain seinem Ziel näher.

Der Comte de Saint Germain (André Reybaz) macht mit Penny (Claude Jade) seine Fortschritte. Lewis (François Dunoyer) hört beim Comte Pennys Lied „Florea Soarelui“. Doch statt Penny sitzt eine mechanische am Piano. Lewis suchtseinen Freund Diego (Thierry Murzeau) auf, während Penny sich entspannt.

Penny (Claude Jade) darf sich ausruhen. Lewis und Diego treffen Schachspieler Vladieu (Roger Crouzet), der im Wesen des Roboters ebenfalls Robert erkennt.

Michel Subielas Drehbuch gönnt der Heldin eine Pause und sendet den Helden Lewis in Begleitung seines Freundes Diego – bei Langelaan hieß er Bertie – zum Schachgenie Vladieu. Als der gegen den Roboter des Comte spielt, packt ihn das Entsetzen: Es sei, als habe er erneut gegen Robert Tournon verloren. In seinem Anwesen bereitet der machivellistische Graf die Klaviervirtuosin Penny auf die Weiterentwicklung ihres Genies vor, wie er es nennt. Unter Drogen gesetzt und ans Bett gefesselt, fühlt sich Penny vorerst wohl.

In einem psychedelischen Farbenrausch ans Bett gefesselt: Claude Jade in „Le colletionneur de cerveaux – Robots pensants“

"Dann dann bricht Ihr Geist sich Bahn und erreicht das Genie. Und nichts auf der Welt wird mehr, nichts, die Gewalt Ihrer Begabung hemmen können."

„Dann dann bricht Ihr Geist sich Bahn und erreicht das Genie. Und nichts auf der Welt wird mehr, nichts, die Gewalt Ihrer Begabung hemmen können.“

„Penny, mein süßes Kind, gefällt Ihnen die Reise ins Wunderland? Ihr Glück entschädigt für die Undankbarkeit der Menschen. Je mehr sie von sich selbst überzeugt sind, desto eher offenbaren sie ihre Dummheit! Wie stolz sie auf ihre Entdeckung waren, dass ein Roboter wie jemand spielte, den sie einst gekannt hatten. Doch hat keiner den Unterscheid bemerkt, die Wahrheit, dass Robert Tournon niemals so gut gespielt hätte! Penny. Und immer weiter geht die Reise – vom Schönen zum Hässlichen, vom Guten zum Bösen. Vom Entzücken zum Entsetzen. Sie wandern wie ein Poet – aus dem Paradies ins Höllenfeuer. Dann dann bricht Ihr Geist sich Bahn und erreicht das Genie. Und nichts auf der Welt wird mehr, nichts, die Gewalt Ihrer Begabung hemmen können.“


Soundeffekt: In Pennys Schrei mischt sich das Bremsen von Lewis‘ Auto. Doch der rettende Held ist weit entfernt.

Lewis fährt auf der Suche nach Panny zu deren Mutter (Gisèle Casadesus, kurz zuvor Partnerin von Claude Jade in „Mamie Rose“). Dort hört er erneut das Lied, das die mechanische Puppe im Haus des Grafen gespielt hatte. Mrs. Vanderwood zeigt ihm daraufhin die neue Schallplatte ihrer Tochter, auf der sie den Komponisten Laslo Denereck – ein Pseudonym des Films für den Filmkomponisten Vladimir Cosma  – spielt.

Lewis hört das Lied aus dem Kabinett des Comte: Mrs. Vanderwood (Gisèle Casadesus) hat Pennys neue Schallplatte aufgelegt.

Der Graf, der Roberts Gehirn in den Roboter eingepflanzt hat, will auch Penny töten. Das Unheil nimmt seinen Lauf: Im Keller ruht neben der schlafenden Penny bereits ihr Double auf einer Liege; ausweglos wie die von Katharine Ross gespielte Joanna und ihr Double in der Ira-Levin-Verfilmung „Die Frauen von Stepford“ (1975) oder die von ihren Duplikaten ersetzten Figuren in „Die Körperfresser kommen“ (1978). Doch Lewis eilt mit Diego zur Rettung. Nachdem sie dem mechanischen Wachhund den Stecker gezogen haben und zwei der Roboter des Grafen erledigen konnten, ist es der Schachroboter, der hilft. Der Humanoid – oder besser Roberts Gehirn – hinterlässt das Wort „Cave“ (Keller) auf einen Zettel. Und im Keller finden sie Penny, unter Drogen gesetzt, doch am Leben.

Während der Flucht brennt das Anwesen nieder – und der Comte ist verschwunden. Die Polizei findet nur noch einen mechanischen Hund, in dessen Schädel sie ein Gehirn entdecken. Und im Garten liegen die verbrannten Humanoiden.

Happy End für Penny (Claude Jade) und Lewis (François Dunoyer)

Claude Jade und François Dunoyer in „Le collectionneur de cerveaux“ (Schach dem Roboter)

                                                                                      Das fehlende Hausmädchen

Das von Catherine Lachens gespielte Hausmädchen von Penny (Claude Jade) wurde aus der Endfassung des Films von Michel Subiela (rechts) herausgeschnitten.

Im fertigen Film ist Catherine Lachens mit ihrer weißen Hausmädchen-Schürze von hinten zu sehen.

Ob unter den Robotern auch eine Art Krankenschwester sein sollte, das wohl gruseligste Wesen aus Langelaans Vorlage, kann vermutet werden, denn es gab eine Figur, die dem Endschnitt zum Opfer fiel: Aufnahmen aus der Reportage, die am 28. November 1975 ihre Ausstrahlung hatte, wurde Catherine Lachens als eine Schauspielerin des Films vorgestellt.
Catherine Lachens spielte das Hausmädchen der Heldin, von dem im fertigen Film nur die Rückenansicht einer Dame mit weißer Schürze am Fenster blieb. Es könnte im Bereich des Möglichen liegen, dass in Subielas ursprünglicher Fassung der Comte so fürsorglich war, Penny eine Zofe als „Dame in Weiß“ zu besorgen. Vermutlich war „die Dame in Weiss“ für einen Fernsehfilm, der handwerklich durchaus ein Kinofilm ist – und zuletzt im September 2022 in Paris auf dem Festival des Fantastischen Films lief, zu entsetzlich.
In Langelaans Vorlage stöhnt die gefesselte Penny: „Die Dame kommt … ! Die Dame… Lewis ! Verstecken Sie mich ! Sie schaut mich die ganze Zeit an … die Dame in Weiß. Achtung, sie kommt, sobald das Licht ausgeht.“

Den Auftritt jener tragischen und entsetzlichen Figur beschreibt Langelaan: „Das rechte Auge des Ungeheuers, ein Auge ohne Lid, aus dem Blut tropfte, sah sie starr an, und Lewis fühlte, wie ihm das Blut in den Adern stockte, als eine haarige Spinne aus der blutenden Augenhöhle des linken Auges hervorkroch. Die Spinne schien sie anzusehen, dann krabbelte sie über die Kieferknochen auf den Hals und verschwand im Nacken. Penny schrie auf, als hinter dem Bett ein Knall ertönte. Im Lärm von splitterndem Glas zerbarst der Kopf und zerfiel in tausend Stücke.“


Catherine Lachens, die wie Claude Jade – vier Jahre später – Schauspielunterricht bei Jean-Laurent Cochet erhielt und am Konservatorium mit Francis Perrin und André Dussolier studierte, hatte am Set viel Spaß. Es ist schade, dass die Rolle der Zofe in der Endfassung fehlt. Ihr komödiantisches Talent bleibt unter anderem als laut lachende Fernfahrerin mit hungriger Dogge und Gelüsten auf ein Stelldichein mit dem schüchternen Anhalter Pierre Richard in dessen „Jes suis timide mais je me soigne“ in Erinnerung.

 

Claude Jade und Catherine Lachens während der Dreharbeiten zu „Robots pensants“

Michel Subiela, der ein Jahr zuvor „Hugues-le-Loup“ mit Claudes früherem Gefährten Jean-Claude Dauphin gedreht hatte, war der Science-Fiction-Spezialist des Französischen Fernsehens.
Er war nach seinem Studium am Institut d’études politiques Chefredakteur von Positif und begann im Fernsehen als Drehbuchautor bereits 1962 mit einem Science-Fiction-Stoff, E.C. Tubbs „Star Ship“ als „Le navire d’étoile“.
Er adaptierte Emily Brontës „Sturmhöhe“ als Miniserie und spezialisierte sich dann auf phantastische Geschichten wie die 14 Filme aus der Reihe „Le tribunale de l’imossible“; in zweien spielte auch Jean-Pierre Hercé, der in „Le collectionneur de cerveaux“ in der Maske des Roboters agierte.

Jean-Pierre Hercé (1946-2022) kannte sich mit Verkleidung aus: 1964 spielte er unter Jean-Louis Barrault in „Le mariage de Figaro“ am Odéon den liebestollen Cherubin, der sich als Frau verkleiden muss, um bei Suzanne (Anne Doat) landen zu können. Jean Piat holt Hercé 1970 für seinen „Figaro“ als Cherubin, diesmal ist Geneviève Fontanel seine Suzanne. Im Fernsehen hatte er neben Gabriel Gascon und Debütant Marc Porel als Rodrigo in der Jugendserie „LÉventail de Seville“ eine seiner ersten Rollen. Nach Hauptrollen in Fernsehfilmen wie in „Un jour comme les autres au Moyen-Age : La maison de l’orfèvre“ (1966) hat spielt Jean-Pierre Hercé 1969 die Hauptrolle des Raoul in der Serie „La cravache d’or“. Bei Michel Subiela spielt er für „Le tribunal d’impossible“ in den Filmen „Le sabbat du mont d’Etenclin“ und „La cité d’Is“. In der Serie „François Gaillard ou la vie des autres“ ist er René, der mit Hilfe Gaillards (Pierre Santini) seine leiblichen Eltern sucht. 1988 spielt Hercé erneut unter Subielas Regie in „Maigret et l’enfant de choeur“.

Tele Poche zitiert Subiela zur Erstausstrahlung seine Arbeit mit dem Schachautomaten. Es gab zwei: der eine war gefüllt mit komplizierten Mechanismen, um den Roboter zu präsentieren, der andere ihm ähnelnde „wurde von dem Schauspieler Jean-Pierre Hercé bewohnt. Die beiden Automaten ähnelten sich so sehr, dass es mir manchmal passierte, dass ich auch der leblosen Puppe Regieanweisungen gab.“

Bereits in „La dame de pique“ (1958 im Insert rechts) war Roger Crouzet als Hermann einer Manipulation des Comte de Saint-Germain begegnet.

Die Besetzung ist auch über den versteckten Jean-Pierre Hercé bemerkenswert. Da ist Roger Crouzet als Schachgenie Valdieu. Er hatte als als Hermann, Hauptfigur der TV-Adaptation von Puschkins „Pique Dame“ bereits mit den übernatürlichen Machenschaften des Comte de Saint-Germain zu tun: Bei einem Kartenspiel, bei dem ihm der Geist der durch seine Schuld gestorbenen Gräfin die Züge zumurmelt, verliert er den Verstand. Ähnlich wie 1958 in „La dame de pique“ ergeht es hier seinem Valdieu, dem der Schweiß ausbricht, als er gegen den Roboter spielt und fassungslos zugibt, Robert Tournon habe ihn erneut im Schach geschlagen.

André Reybaz in „Premier Rendez-vous“ (1941), mit Raimu und als Émile in „Les inconnus dans la maison“ (1941), „Cécile est morte“ (1943), „Le val d’enfer“ (1943), als der Wärter in Jean Genets „Un chant d’amour“ (1950/1975) und mit Claude Jade in „Le collectionneur de cerveaux“ (1975/76)

André Reybaz hatte seine erste größere Rolle als von Raimu geretteter Unschuldiger 1942 in Henri Decoins „Das unheimliche Haus“. Doch angründigere Rollen reizten ihn mehr: Bis zum Jahr der Entstehung von Subielas Film 1975 war der wohl heute berühmeste Film mit André Reybaz 25 Jahre verboten. In Jean Genets poetischer Verschmelzung von Philosophie und Film, „Un chant d’amour“, war Reybaz bereits 1950 ein Wärter: Hier war es keine ihm ausgelieferte Pianistin, sondern Männer im Gefängnis, deren homosexuelle Handlungen ihn erst abstoßen und dann sein Begehren wecken. An diese Erregung des Wärtes  in Genets Film, der eher dem Surrealismus Buñuels und der düsteren Poesie Cocteaus in den 1930er entstammt, erinnert sein Spiel als Comte, wenn er Penny als sein Opfer begehrt. André Reybaz‘ fiebriges Spiel als „Le collectionneur de cerveaux“ bleibt zeitlos und ein wahres Fest. Reybaz, der als Schauspieler einige Jahre an der Comédie Française spielte, war Theaterleiter und Regisseur – ein Metier, das auch dem Comte entspräche.

François Dunoyer

François Dunoyer begann seine Theaterkarriere 1965 bei Patrice Chéreau, der ihn in sechs Stücken besetzte. Im Fernsehen wurde er 1972 mit der Serie „Les Thibault“ bekannt und rasch zum Star, so 1974 als Held der Abenteuerserie „Le soleil se lève à l’Est“. Neben Historien-Rollen wie dem La Fayette in der Miniserie „Marie-Antoinette“ mit Geneviève Casile und Philippe Laudenbach zeigt er seinen Charme in Reihen wie „Les Amours de la Belle Époque“ und „Les Amours des années folles“. 1975 spielte er parallel zum schönen edlen Helden und Claude Jades Retter in Subielas „Le collectionneur de cerveaux“ am Theater bei Klaus-Michael Grüber den Méphisto in „Faust-Salpetrière“.
Michel Subiela war später auch Autor der Serie um Maurice Leblancs Helden Arsène Lupin, den François Dunoyer ab 1989 in zwölf Filmen der Reihe „Le retour d’Arsène Lupin“ spielte. 1995 folgte eine weitere Serie mit Dunoyer als Lupin in „Les nouveaux aventures d’Arsène Lupin“ folgte, in der er zwölf Folgen mit Paul Le Person (als Inspektor Galimard) agierte. Dunoyer spielte erfolgreich in zwei Serien jene Rolle, die den großen Theaterschauspieler Georges Descrières in den 1970er Jahren auch im Fernsehen berühmt gemacht hatte. Im Kino war er unter anderem Nathalie Bayes Ehemann und Michel Serraults Sohn Thomas in Alain Jessuas „En toute innocence“. François Dunoyer ist in den 1990er Jahren Held der Thriller-Minserie „Les hordes“ und des Krimi „Le jour du serpent“. Und von 2001 bis 2007 ist er neben Véronique Genest in der Krimi-Serie „Julie Lescaut“ der Pierre Verdon.

2004 sah Claude Jade ihren copain Dunoyer am Theatre de l’Ouest parisien. Für 2007 war „Célimène“ dort geplant. Sie spielte ihre letzte Rolle bis zum 8. August 2006.

François Dunoyer blieb mit Claude Jade verbunden. 2004 in einem Interview des Magazins Boulogne Billancourt zum Erscheinen ihrer Erinnerungen „Baisers envolés“ auf die Vorzüge ihrer Stadt befragt, sagt sie, dass sie gerade ihren copain Dunoyer am Theater in „Séjour pour huit à Tadécia“ hat spielen sehen und er ihr sehr gefallen habe. Sie würde auch gern bald mit Gildas Bourdet und wie François am Théâtre de l’Ouest parisien arbeiten. Die Célimène, die sie bald darauf in Paris und auf Tournee in Sarlat spielte, sollte sie an jenem Haus mit Patrick Préjean auch 2007 spielen. Es kam nicht mehr dazu. Die Célimène blieb bis zum 8. August 2006 ihre letzte Rolle.

Vladimir Cosma schrieb für die Filmmusik auch das Stück „Florea Soarelui“, das Penny spielt. Cosma, der sechsmal für Filme von Édouard Molinaro arbeitete, begann seine Karriere als Filmkomponist bei Yves Robert für dessen „Alexandre le bienheureux“. Er komponierte für Robert 13 Filme, darunter „Le grand blond avec une chaussure noire“. Zu einem weiteren gemeinsamen Film kam es für Vladimir Cosma und Claude Jade 1992 bei „Bonsoir“ von Jean-Pierre Mocky. Cosma erhielt Césars für seine Musik zu Jean-Jacques Beneix‘ „Diva“ und Ettora Scolas „Le bal“. Einer seiner größten Erfolge wurden das Lied „Reality“ und die Musik aus „La boum“. In diesem Film und seiner Fortsetzung wurde Hauptdarstellerin Brigitte Fossey in Deutschland von Viktoria Brams synchronisiert, die auch in „Schach dem Roboter“ die deutsche Stimme von Claude Jade ist.

Viktoria Brams synchronisierte Claude Jade in der deutschen Version von 1978. Brams, die an der Otto-Falckenberg-Schule in München ausgebildet wurde und 1963 im Film debütierte, sprach oft Marthe Keller sowie Jane Fonda, Fanny Ardant, Anny Duperey, Brigitte Fossey, Catherine Deneuve, Lois Chiles, Paulette Goddard … Als Schauspielerin ist sie vor allem mit ihrer Hauptrolle in der Serie „Marienhof“ bekannt, in der sie von der ersten bis zur letzten Folge (1992-2011) dabei war. Ihre Partner für „Schach dem Roboter“ waren Jürgen Clausen für Lewis und Leo Bardischewski für den Comte.

Anmerkung zu den Synchronisationen: Im Blog gibt es einen Bericht zur Ausstrahlung des Films – Gondolkodó robotok – Claude Jade und ihre ungarischen Stimmen – in Ungarn und zu den ungarischen Schauspielerinnen, die Claude Jade synchronisierten: „Le collectionneur de cerveaux“ in Ungarn zweimal synchronisiert, 1978 mit Nóra Káldy und 2015 mit Krisztina Kisfalvi.

                                                                                                                             1976

 

Im Sommer berichtet Télé 7 Jours von Claude Jades Schwangerschaft. Und in Japan hat „Kita no misaki“ mit ihr als lediger und kinderloser Nonne Premiere.

Als „Le collectionneur de cerveaux“ am 23. Oktober 1976 seine Premiere hat, ist sie seit zwei Monaten Maman des kleinen Pierre Coste. In Japan durfte man – dank der Produktionsfirma Toho und gewisser Rücksichtnahme auf religiöse Vorbehalte gegenüber einer verheirateten werdenden Mutter in der Rolle einer ledigen Nonne – davon nichts wissen, während in Frankreich bereits im August einige Zeitungen darüber berichtet hatten. In seiner Ankündigung zu „Le colletionneur de cerveaux“ berichtet auch „Le nouvel illustré“ von dem bei der Geburt vier Kilo schweren Pierre, den die Heldin aus „Le collectionneur de cerveaux“ und der Attaché im wahren Leben zur Welt gebracht haben. „Das ist meine neueste Kreation, auf die ich am stolzesten bin. Ich bin so froh, dass ich die Filme, die ich wegen ihm ablehnen musste, nicht bereue.“ Dank der Gymnastikübungen von Pierre Pallardy ist sie Ende Oktober bereit für ihren nächsten Film, den sie in Marseille dreht: „L’Internement“, der später „Fou omme François“ heißen wird.

Der Film wird 2011  in Deutschland auf DVD veröffentlicht, von Pidax, der auch die Erstveröffentlichungen der Claude-Jade-Filme „Mein Onkel Benjamin“ und „Der Rächer aus dem Sarg – Gejagt wie Monte-Christo“ übernimmt. In Frankreich erscheint der Film dann 2014 in der restaurierten Version auf DVD.

Zuletzt im Kino zu sehen war „Le collectionneur de cerveaux“ auf dem „L’étrange Festival“ 2022 in Paris, wo er so angekündigt wurde:

Quelque part entre l’univers d’Hoffmann et celui de Maurice Renard, cette belle adaptation de George Langelaan nous fait suivre les pas de Penny (merveilleuse Claude Jade) frappée par l’étrange ressemblance entre un joueur d’échecs automate créé par le Comte Saint-Germain et son défunt frère. Un des sommets de la télé des années 70.

Irgendwo zwischen der Welt von Hoffmann und Maurice Renard angesiedelt, lässt uns diese schöne Adaption von George Langelaan den Schritten von Penny (die wunderbare Claude Jade) folgen, die von der seltsamen Ähnlichkeit zwischen einem von Graf Saint-Germain geschaffenen Schachautomaten und ihrem verstorbenen Freund beeindruckt ist. Einer der Höhepunkte des Fernsehens der 70er Jahre.

 

Claude Jade in „Le collectionneur de cerveaux – Robots pensants“ (Schach dem Roboter)

Le Collectionneur de cerveaux – Robots pensants – Schach dem Roboter