100 ans André Falcon (1924-2009)

Heute ist der 100. Geburtstag von André Falcon, Partner von Claude Jade in „Henri IV“, „Baisers volés“, „Maître Pygmalion“ und „Britannicus“

Nach dem Abschluss am Conservatoire national supérieur d’art dramatique trat André Falcon 1946  in die Comédie-Française ein, wo er bald darauf mit 25 Jahren das jüngste Mitglied wurde.  Als er 1967 die Comédie-Française verließ und sofort zum Ehrenmitglied ernannt wurde, nachdem er die größten Rollen des Repertoires gespielt hatte, wurde François Truffaut auf ihn aufmerksam: Neben seiner Hauptdarstellerin Claude Jade entdeckte er auch ihn in Sacha Pitoëffs Inszenierung von „Henri IV“ am Théâtre Moderne ebenfalls für „Baisers volés“. André Falcon spielte nun für François Truffaut den Detekteichef Blady.

Claude Jade und André Falcon spielen erstmals 1967 gemeinsam in „Henri IV“

Claude Jade war sein Name bereits vertraut, als sie von Pitoeff engagiert wurde. Dank des Petites classiques Larousse, in dem ein Foto von ihm als Rodrigo war, wusste sie, dass er ein superber Schauspieler war. Für Claude Jade ist Falcon „eine Legende“.
Als Belcredi spielt er den Liebhaber ihrer Mutter. „Seine jugendliche Schönheit, sein Temperament und seine Sensibilität führten dazu, dass ihm 1949 die Rolle des Cid anvertraut wurde, in der er triumphierte und die ihm seine Mitgliedschaft einbrachte.“, schreibt die Comédie Française zu Falcons Rodrigo.


Der Blady war Falcons erste größere Rolle beim Film. In den DVD-Kommentaren beschreibt Claude Jade den leicht improvisierten Charakter der Arbeit an „Baisers volés“: „Für François war das Drehbuch von 80 bis 100 Seiten nur eine Art Gedächtnisstütze, er gab nur Anweisungen zum Inhalt. Er schrieb Szenen oft erst am Abend zuvor oder fünf Minuten vor dem Dreh. André Falcon von der Comédie-française erschreckte diese Arbeitsweise furchtbar, denn er war es gewohnt, seine Texte lange vorher zu lernen.“

1975 spielte André Falcon neben Claude Jade und Georges Descrières eine Nebenrolle in „Maître Pygmalion“ und 1980 trafen die beiden erneut auf der Bühne zusammen: diesmal in Falcons Heimatstadt Lyon, wo er heute vor 100 Jahren geboren wurde. In Jean Racines „Britannus“ spielte Falcon neben Claude Jade (Junie), Maria Casarès (Agrippina), Bruno Constantin (Nero), Jean-Paul Lucet (Britannicus), Agnès Chentrier  (Albina) und Jean Meyer (Narcissus) den Burrhus.
Jean Meyer, der „Britannicus“ am Théâtre des Célestins 1980 inszeniert hatte, war dort seit 1967 Leiter des Hauses. Wie Falcon war auch er langjähriges Mitglied der Comédie Française. Mit Claude Jade inszenierte Meyer sechs und mit Falcon zwei Stücke am Theater in Lyon, dem Falcon auch nach Meyers Abschied treu blieb und nun unter der Regie seines „Britannicus“-Partners Jean-Paul Lucet spielte.

110. Geburtstag Henri Langlois

Vor 110 Jahren wurde Henri Langlois (1914-1977), einer der Gründer der Cinémathèque Française, geboren. 1968 wird Langlois zum Politikum: Am 7. Februar – zwei Tage nach Drehbeginn zu „Baisers volés“ – erfährt François Truffaut, dass sein einstiger Förderer, der kultisch verehrte, doch als Leiter als „unaufgeräumt“ beurteilte Henri Langlois als Chef der Cinémathèque durch Pierre Barbin, einen Mann aus dem Gefolge des Kulturministers André Malraux ersetzt werden soll. Die einstigen Kinder der Cinémathèque und die Ehemaligen der „Cahiers du cinéma“, François Truffaut, Jean-Luc Godard, Jacques Rivette und Claude Chabrol, sind bereit, den Kampf um Langlois aufzunehmen. Unter Truffauts Leitung formiert sich ein aus mehreren Generationen bestehendes Komitee zur Rettung Henri Langlois’.

Auszug aus der „Biographie François Truffaut“ von Serge Toubiana und Antoine de Baeque

François Truffaut mobilisiert Filmschaffende aus aller Welt, die nun die Projektion ihrer Filme in der Cinémathèque untersagen, solange Langlois nicht wieder im Amt sei. Es solidarisieren sich unter anderem Jacques Tati, Jean Renoir, Josef von Sternberg, Charles Chaplin, Gloria Swanson, Akira Kurosawa, Jean-Pierre Mocky, Jerry Lewis, Roberto Rossellini, Fritz Lang, Richard Lester. Truffaut greift in Artikeln Malraux an. Am 12. Februar versammeln sich fast dreihundert Regisseure, Schauspieler, Kritiker und Filmliebhaber vor dem Eingang der Cinémathèque, mit François Truffaut, Jean-Pierre Léaud und Claude Jade an der Spitze. Sie blockieren den Zugang.

François Truffaut und Jean-Pierre Léaud mit Claude Jade (im Profil hinter Léaud) bei der Demonstration.


Nur zwei Tage später greift die Polizei ein. Etwa dreitausend Demonstranten treffen auf der Esplanade vor dem Trocadéro ein. Sie werden von dreißig Mannschaftswagen der Polizei und von mobilen Einsatztruppen eingekesselt. Die Polizei setzt Knüppel ein. Truffaut erleidet eine Gehirnerschütterung, Bertrand Taverniers Gesicht ist blutüberströmt… Die Demonstranten weichen der Staatsgewalt, doch die Öffentlichkeit solidarisiert sich mit ihnen. Der Kampf um Langlois wird im März zum Politikum, zwei Monate vor dem Pariser Mai. Und so entsteht der Film eher neben diesem Kampf, der Truffaut vollkommen einnimmt. In den DVD-Kommentaren erinnert sich Claude Jade: „François kam oft zu spät, er verpasste Proben; am Ende ist es ein kleines Wunder, dass der Film so wunderbar wurde.“

Mit dem Kampf um Langlois beschäftigt, dreht Truffaut seinen Film, der bereits im Vorspann auf den Kampf um die Cinémathèque verweist. Eine Kamerafahrt auf den Eingang des Filmmuseums endet auf dem Schild „Vorübergehend geschlossen“; darüber die Zueignung an Henri Langlois.

François Truffaut, Henri Langlois und Claude Jade bei der Premiere von „Baisers volés“. Fotos oben links: © Ulla Josephsson / ADAGP



Am 4. September erlebt „Baisers volés“ seine Premiere in der Cinémathèque française. Der alte und neue Hausherr Henri Langlois, dem der Film gewidmet ist, macht Truffaut einen Vorschlag. Er sähe das junge Paar gerne in einer Fortsetzung: „Verheiraten Sie Jean-Pierre Léaud und Claude Jade!“ François Truffaut dreht sie 1970 mit „Domicile conjugal“.

Baisers volés an François Truffauts 40. Todestag bei Arte

François Truffauts Todestag jährt sich heute zum 40. Mal. Arte nimmt zu Ehren des Regisseurs seinen Filmklassiker „Baisers volés“ (Geraubte Küsse) ins Programm.
Da „Domicile conjugal“ (Tisch und Bett) und „L’amour en fuite“ (Liebe auf der Flucht) in der Mediathek des Senders bereits  seit dem 1. Oktober ihren Platz haben, ist die Trilogie um Antoine Doinel (Jean-Pierre Léaud) und seine Freundin und spätere Frau Christine Darbon (Claude Jade) vollständig.

Die Trilogie des Paares Antoine und Christine in François Truffauts Doinel-Zyklus nun bei Arte

War die Filmkritik sich 1968 einig, dass „Baisers volés“ der beste französische Film des Jahres war, so wurde er kürzlich im Podcast von France Inter einmütig als bester Film von François Truffaut bezeichnet. Ein Aspekt von „Baisers volés“ sei François Truffauts Fähigkeit, die Grenze zwischen Autorenkino und Mainstream-Kino aufzuheben, sowohl Cineasten als auch das breite Publikum zu erreichen, ohne dabei den künstlerischen Anspruch zu opfern.
Die Ansage des Mannes, der Christine verfolgt und ihr am Ende im Beisein Antoines einen Antrag macht, spiegelt den gesamten Film wider: witzig, berührend, überraschend und sogar absurd. Truffaut selbst sagte: „Mit den Jahren, die vergehen, glaube ich, dass diese letzte Szene aus Baisers volés, die mit viel Unschuld gemacht wurde, ohne dass ich selbst wusste, was sie aussagen wollte, fast zu einem Schlüssel für alle Geschichten wird, die ich erzähle.“ Heute wissen wir von François Truffauts Heiratsantrag an seine Hauptdarstellerin.

Jean-Pierre Léaud, Claude Jade, François Truffaut Baisers volés

Der Filmdienst schrieb im Januar 2007 in seinem Nachruf auf Claude Jade, Truffaut habe seiner Hauptdarstellerin am Ende von Baisers volés eine der schönsten Liebeserklärungen des Kinos gemacht: Der Unbekannte, der ihr am Ende einen Heiratsantrag macht und dann geht, ist wie Doinel ein Alter ego Truffauts.


Der Filmkritiker und Regisseur Hans-Christoph Blumenberg sprach dazu 2024 im Podcast „François Truffaut – Der Mann, der die Frauen liebte“ im Gespräch mit Josef Schnelle, wie grausam es war, dass er Claude Jade kurz vor der geplanten Hochzeit sitzen ließ (mehr dazu bei „Geraubte Küsse“ und in der Animation Smartphone von François Truffaut von INA und Libération) und dennoch immer wieder mit ihr Filme drehte. Filmhistoriker Robert Fischer ergänzt, dass er manche Hauptdarstellerinnen zweimal und Claude Jade sogar dreimal besetzte. Im ersten Film sei es immer die Geschichte eines Mannes, der im Begriff ist, sich in diese Frau zu verlieben und der zweite Film ist jeweils der Film eines Mannes, der bereits der Freund oder Partner dieser Person ist. Nach Ablauf des Podcasts sind die Gespräche von Josef Schnelle mit Robert Fischer, Hans C. Blumenberg, Gertrud Koch und  Michael Klier im April 2025 als „Der Mann, der das Kino liebte“ bei Schüren erschienen.
Dank Arte kann dann auf „Baisers volés“ jener Film folgen, von dem Henri Langlois, dem Baisers volés gewidmet ist, sich wünschte, dass Antoine und Christine heiraten: „Domicile conjugal“.

Animation „Baisers volés – Geraubte Küsse“ von Gabrielle Selnet

Ebenfalls in der Arte Mediathek ist eine einminütige Animation der Regisseurin Gabrielle Selnet mit ihrer eigenen Sicht auf den Filmklassiker, die Arte zu François Truffauts Todestag am 21. Oktober 2004 in der Reihe Short Cuts ausstrahlte.

„Baisers volés“ (Geraubte Küsse) als einminütige Animation von Gabrielle Selnet

Short Cut Baisers volés Arte France
Short Cut Geraubte Küsse Arte deutsch

François Truffaut, Claude Jade und Jean-Pierre Léaud

„Als junger Schauspieler neigt man oft dazu, Dinge tun zu wollen, bevor man sie spürt.“ (Claude Jade) arte-Magazin Oktober 2024

„Als junger Schauspieler neigt man oft dazu, Dinge tun zu wollen, bevor man sie spürt.“ (Claude Jade) arte-Magazin Oktober 2024

mehr zum Film hier
Baisers volés – Geraubte Küsse

ab heute, 21. Oktober bis 4. November in der Mediathek „Baisers volés“ (Geraubte Küsse)
Ausstrahlung 21:40

Geraubte Küsse (deutsche Fassung)
https://www.arte.tv/de/videos/011587-000-A/geraubte-kuesse/
Baisers volés
https://www.arte.tv/fr/videos/011587-000-A/baisers-voles/

Seit dem 1. Oktober 2024 bis zum 1. Februar 2025 in der Arte Mediathek:
Tisch und Bett (deutsche Synchronfassung)
https://www.arte.tv/de/videos/011981-000-A/tisch-und-bett/
Domicile conjugal
https://www.arte.tv/fr/videos/011981-000-A/domicile-conjugal/
Liebe auf der Flucht (deutsche Synchronfassung)
https://www.arte.tv/de/videos/045938-000-A/liebe-auf-der-flucht/
L’amour en fuite
https://www.arte.tv/fr/videos/045938-000-A/l-amour-en-fuite/

Oktober 2024

„Jedes Jahr, wenn der Oktober wiederkehrt, entsteht in mir in der Herzgegend eine kleine Erwärmung: Ah, Oktober, das wird Claudes Geburtstag sein.“ (François Truffaut, 1982)
„Chaque année, lorsque revient le mois d’octobre, un petit réchauffement se produit en moi dans la région du cœur: Ah, octobre, cela va être le birthday de Claude.“ (François Truffaut, 1982)

Heute vor 76 Jahren wurde Claude Jade geboren.

Am 21. Oktober 2024 jährt sich zum 40. Mal François Truffauts Todestag. Arte ehrt ihn und gibt die Möglichkeit zu einem Wiedersehen mit des Chronik des Paares Antoine Doinel und Christine Darbon. Seinen schönsten Film „Baisers volés“ (Geraubte Küsse) zeigt Arte am 21. Oktober, gefolgt von einem Porträt des Schauspielers Jean-Pierre Léaud. Bereits ab dem 1. Oktober sind die beiden weiteren Filme „Domicile conjugal“ (Tisch und Bett) und „L’amour en fuite“ (Liebe auf der Flucht) in der arte Mediathek zu entdecken oder wiederzuentdecken.

Zwar werden die Filme immer wieder in französischen und deutschen Kinos gezeigt, ob nun zu einer Hommage an Claude Jade im Berliner Kino Lichtblick, bei einer Jean-Pierre-Léaud-Retrospektive in Düsseldorf oder in etlichen Reihen zu Ehren von François Truffaut im Berliner Babylon. Zu Truffauts 30. Todestag zeigten in Paris die Cinémathèque und in Berlin das Lichtblick Truffaut-Werkschauen  . Doch im Fernsehen waren sie zuletzt vor zwölf Jahren zu sehen.

Arte zeigt im Oktober und November 2024 die François-Truffaut-Filme „Baisers volés“, „Domicile conjugal“ und „L’amour en fuite“ mit Jean-Pierre Léaud und Claude Jade.

Seit dem 1. Oktober 2024 bis zum 1. Februar 2025 in der Arte Mediathek:
Tisch und Bett (deutsche Synchronfassung)
https://www.arte.tv/de/videos/011981-000-A/tisch-und-bett/
Domicile conjugal
https://www.arte.tv/fr/videos/011981-000-A/domicile-conjugal/
Liebe auf der Flucht (deutsche Synchronfassung)
https://www.arte.tv/de/videos/045938-000-A/liebe-auf-der-flucht/
L’amour en fuite
https://www.arte.tv/fr/videos/045938-000-A/l-amour-en-fuite/

Vom 21. Oktober bis 4. November dann auch „Baisers volés“ (Geraubte Küsse)

Geraubte Küsse (deutsche Fassung)
https://www.arte.tv/de/videos/011587-000-A/geraubte-kuesse/
Baisers volés
https://www.arte.tv/fr/videos/011587-000-A/baisers-voles/

 

François Truffaut, Jean-Pierre Léaud und Claude Jade. Baisers volés

Mehr Informationen hier:

Baisers volés (Geraubte Küsse)

Domicile conjugal (Tisch und Bett)

L’amour en fuite (Liebe auf der Flucht)

Cinémathèque suisse Hommage à François Truffaut

Die Cinémathèque suisse in Lausanne widmet François Truffaut eine Hommage.
Baisers volés: 6. Oktober, 12. Oktober, 18. Oktober
Domicile conjugal: 6. Oktober, 13. Oktober, 19. Oktober
L’amour en fuite: 6. Oktober, 15. Oktober, 29. Oktober

Der Pfad vor der Cinémathèque an der Avenue de théâtre in Lausanne ähnelt ein wenig dem Park an der Avenue Breteuil am Ende von „Baisers volés“.

Neben den drei Filmen mit Jean-Pierre Léaud und Claude Jade laufen die Doku „Le scénario de ma vie“ von David Teboul sowie „Les 400 coups“ und „L’argent de poche“.

https://live.cinematheque.ch/?category=2110-hommage–franois-truffaut

Didier Kaminka 1943 – 2024

Am 25. September starb der französische Regisseur, Drehbuchautor und Schauspieler Didier Kaminka. Sein Regiedebut gab er 1975 mit der Anarcho-Komödie „Trop c’est trop“, in dem er eine der Hauptrollen spielte und auch Claude Jade besetzte.

„Trop c’est trop“ (1975) von Didier Kaminka


Bekannter wurde er als Drehbuch- und Dialogautor von 14 Komödien seines Freundes Claude Zidi, unter anderem „La Totale“, der Vorlage zu James Camerons „True Lies“, und den drei „Les Ripoux“-Krimikomödien mit Thierry Lhermitte und Philippe Noiret.
In Didier Kaminkas Regie-Erstling „Trop c’est trop“ spielte Claude Jade als Patricia eines der drei Mädchen, das die Helden anbaggert. „Trop c’est trop“ ist die Geschichte der drei Freunde Didier (Kaminka), Georges (Beller) und Philippe (Ogouz), die am selben Tag unter einem Gemälde von Pétain geboren wurden und auf der Suche nach ihrer großen Liebe aus der Kindheit sind. Jene Edina ist bei einem Unfall ums Leben gekommen und sie landen bei drei verliebten Miezen, gespielt von Claude Jade, Chantal Goya und Nicole Jamet, damals Kaminkas Ehefrau.

Claude Jade, Nicole Jamet, Chantal Goya, Georges Beller, Didier Kaminka und Georges Beller "Trop c'est trop"

Claude Jade, Nicole Jamet, Chantal Goya, Georges Beller, Didier Kaminka , Georges Beller „Trop c’est trop“

In ihren Erinnerungen „Baisers envolés“ erinnert sich Claude Jade:
„„Trop c’est trop“ hatte etwas von einer Schulfreizeit. Das Thema war vollkommen verrückt; jede Zeile war voller Witz und Erfindungsgabe, die Gags zündeten „wie aus der Hüfte geschossen“. Die Gags waren sehr visuell; wir amüsierten uns köstlich und hatten viel Spaß.“

„Trop c’est trop“ von Didier Kaminka

Die Besetzung war unglaublich: Aus seiner Mitwirkung an Pierre Richards Komödie „Je sais rien, mais je dirai tout“ im Jahr 1973 entstand seine Freundschaft mit Richard, Georges Beller und Luis Rego, der aus der Truppe der Charlots stammte, die ebenfalls in „Trop c’est trop“ mitspielten. In weiteren Auftritten sind Daniel Gélin, Jean Carmet, Daniel Prévost, Raymond Bussières, Darry Cowl, Jose Luis de Vilallonga, Micha Bayard, Bernard Menez und Marcel Dalio zu erleben. Didier Kaminka drehte erst 1987 mit „Tant qu’il y aura des femmes“ seinen zweiten eigenen Film, dem bis 1996 vier weitere folgten. Kaminka blieb in erster Linie Drehbuchautor – neben seinen Arbeiten für Claude Zidi auch für François Leterrier („Le garde du corps“), Christian Gion, Pierre Richard und Édouard Molinaro.

Nach „Trop c’est trop“ drehte Didier Kaminka als Regisseur unter anderem „Tant qu’il y aura des femmes“, „Les cigognes n’en font qu’à leur tête“ und „Ma femme me quitte“

„Die Komödie ist eine Geisteshaltung, sie ist Spott, sie ist eine Art zu leben“, amüsierte sich Didier Kaminka. „Das Leben und die Fiktion funktionieren zusammen. Manche Filmautoren erzählen ihr Leben, und andere, zu denen ich gehöre, sind da, um sich zu amüsieren. In meinem ganzen Leben habe ich nie das Gefühl gehabt, dass ich arbeite, niemals“.

 

France Inter Podcast Baisers volés

Einen Monat, bevor Arte am 21. Oktober 2024 zum Todestag von François Truffaut „Baisers volés“ (Geraubte Küsse) ausstrahlen wird, bringt France Inter einen Podcast zu „Baisers volés“:

Die Kritiker von „Le Masque et la Plume“ – Michel Aubriant, Pierre Billard, Jean-Louis Bory und Pierre Marcabru – sind sich einig, dass  „Baisers volés“ der schönste Film des Jahres 1968 und heute der schönste Film von Truffaut ist.

Mit Baisers volés schuf François Truffaut einen Film, der zugleich zart und zutiefst menschlich ist: ein betörendes Werk. Die Geschichte knüpft an Quatre Cents Coups an, ist aber reifer und sensibler. Für Pierre Marcabru ist Baisers volés ein Film „ganz in Sensibilität, ganz in Nuancen“, der von einer perfekten Beherrschung seiner Figuren und der Schauspielerführung zeugt.

Einer der faszinierendsten Aspekte von Baisers volés ist François Truffauts Fähigkeit, die Grenze zwischen Autorenkino und Mainstream-Kino aufzuheben. Pierre Billard betont bewundernd, dass „jeder Zuschauer alles verstehen wird, ständig gerührt ist und begeistert herauskommt“. Mit seiner Mischung aus Emotion und Reflexion gelingt es Truffaut, sowohl Cineasten als auch das breite Publikum zu erreichen, ohne dabei den ästhetischen Anspruch zu opfern.

Der Film ist eine echte Reflexion über die Liebe und die Gefühle der Jugend. Der Film ist zugleich witzig und zärtlich und bietet markante Szenen, wie das wiederholte mysteriöse Auftauchen des Mannes in Gabardine, der Claude Jade folgt und laut Pierre Billard „einen fulminanten intellektuellen und emotionalen Schock“ auslöst.

https://www.radiofrance.fr/franceinter/podcasts/le-masque-et-la-plume/baisers-voles-de-truffaut-1209112

Les critiques du „Masque et la Plume“ – Michel Aubriant, Pierre Billard, Jean-Louis Bory et Pierre Marcabru -sont unanimes pour dire que le film de François Truffaut „Baisers volés“ est le plus beau film de l’année 1968 et aujourd’hui le plus beau film de Truffaut.

Avec Baisers volés, François Truffaut signe un film à la fois délicat et profondément humain : une œuvre envoûtante. L’histoire s’inscrit dans la continuité des Quatre Cents Coups, avec davantage de maturité et de sensibilité. Pour Pierre Marcabru, Baisers volés est un film „tout en sensibilité, tout en nuances“, qui témoigne d’une maîtrise parfaite de ses personnages et de la direction d’acteurs.

L’un des aspects les plus fascinants de Baisers volés est la capacité de François Truffaut à abolir la frontière entre cinéma d’auteur et cinéma populaire. Pierre Billard souligne avec admiration que „n’importe quel spectateur comprendra tout, sera ému en permanence et sortira ravi“. En mêlant émotion et réflexion, Truffaut parvient à toucher aussi bien les cinéphiles que le grand public, sans pour autant sacrifier l’exigence esthétique.

Le film est une véritable réflexion sur l’amour et les sentiments de jeunesse. Le film, à la fois drôle et empreint de tendresse, propose des scènes marquantes, comme l’apparition mystérieuse et répétée de l’homme en gabardine qui suit Claude Jade et apporte, selon Pierre Billard, „un choc intellectuel et émotionnel fulgurant“.



Baisers volés – Geraubte Küsse

Neben „Geraubte Küsse“ sind im Oktober und November 2024 auch „Domicile conjugal“ (Tisch und Bett) und „L’amour en fuite“ (Liebe auf der Flucht) in der Arte Mediathek zu sehen.

Paul Barge 83

Paul Barge und Claude Jade: 1968 in „Sous le signe de Monte Cristo“, 1972 in „La Mandragore“ und von 1998 bis 2000 in „Cap des Pins“

Paul Barge, der heute seinen 83. Geburtstag feiert, hatte seine erste Hauptrolle 1968 in André Hunebelles modernisierter Dumas-Adaptation „Sous le signe de Monte-Cristo“, der in Deutschland als „Der Rächer aus dem Sarg“ (BRD) und „Gejagt wie Monte Christo“ (DDR) lief. Seine Partnerin war Claude Jade, die als Linda nach „Geraubte Küsse“ ihre zweite Filmrolle hatte.

Der französische Widerstandskämpfer Edmond Dantès wird nach einer Intrige falscher Freunde als Verräter und Nazi-Kollaborateur verurteilt. Ihm und dem Mitgefangenen Bertuccio (Paul Le Person) gelingt die Flucht nach Südamerika, wo sie mit dem Mädchen Linda (Claude Jade) und dem Trinker Faria (Pierre Brasseur) einen Schatz finden. Nach zwanzig Jahren kehrt er mit Linda und Bertuccio zurück, um sich an den Schuldigen zu rächen. Der damals unbekannte Paul Barge spielte neben Altstars wie Pierre Brasseur, Michel Auclair und Raymond Pellegrin und den beiden jungen Entdeckungen Anny Duperey und Claude Jade.

Kino-Programmheft „Der Rächer aus dem Sarg“

Die Filme „Sous le signe de Monte Cristo“ und „L’étrangleur“ machen Paul Barge bekannt.

Aufsehen erregte er als „Schakal“ neben Jacques Perrin in Paul Vecchialis „L’étrangleur“ (Der Würger mit dem weißen Schal), in dem er die zuvor von Perrin ermordeten Frauen ausraubt.  1972 stärkt er seine Popularität mit der Rolle des Numa in der Serie „Les gens de Mogador“. Im selben Jahr spielen Paul Barge und Claude Jade erneut zusammen in „La Mandragore“, Philippe Arnals Verfilmung von Macchiavellis „Mandragola“.


Als Callimaco begehrt er Lucrezia (Claude Jade), die schönste Frau aus Florenz, die mit Nicia, dem „dümmsten und am einfachsten gestrickten Mann von Florenz“ verheiratet ist. Durch seine Verkleidungen als Wunderheiler und als in vom Gatten in Lucretias Bett geschobener Jüngling soll er dem kinderlosen Paar zu Nachwuchs verhelfen.


1998, dreißig Jahre nach „Sous le signe de Monte Cristo“, beginnt dann die Serie „Cap des Pins“, in der Claude Jade und Paul Barge zwei Jahre lang in 281 Episoden die Hauptrollen spielen.


In der ersten französischen Daily Soap ist Paul Barge der Kosmetikkonzernchef Gérard Chantreuil, der seine Frau Anna (Claude Jade) mit Affairen demütigt und bevormundet. Doch Anna lehnt sich – auch mithilfe ihrer Kinder Brice (Raphael Baudoin) und Louise (Mélanie Maudran) und Schwiegermutter Agathe (Dora Doll) auf.

Paul Barge, Claude Jade, „Cap des pins“

Sie hat auch einen Liebhaber (Jean-Claude Bouillon), doch Gérard will Anna zurück. Paul Barge und Claude Jade hatten auch geplant, gemeinsam in Strindbergs „Totentanz“ zu spielen.
Zu Paul Barges Geburtstag eine Collage aus den drei Kino- und Fernsehproduktionen mit Claude Jade

https://www.youtube.com/watch?v=Z3-HQDjag00&t=5s

und ein Video aus den ersten Folgen der Serie „Cap des Pins“.

https://www.youtube.com/watch?v=vduz3IP2p7A&t=4316s

Erinnerung an Dany Robin

Claude Jade und Dany Robin in Alfred Hitchcocks „Topaz“


Am 25. Mai 1995 starben Dany Robin und ihr Ehemann Michael Sullivan an den Folgen eines Brandes in ihrer Pariser Wohnung. Das Paar hatte im November 1969 geheiratet, kurz vor der Premiere des letzten Films der Schauspielerin, die sich nach Alfred Hitchcocks „Topas“ vom Film zurückzog.
Die Nicole Devereaux in „Topas“ war ihre letzte und zugleich berühmteste Rolle. Donald Spoto schrieb in „Alfred Hitchcock – Die dunkle Seite des Genies“, dass laut Hitchcock Claude Jade und Dany Robin „etwas Glanz“ in den Film bringen würden.

Michel Subor, Claude Jade, Dany Robin „Topaz“

Claude Jade, John Forsythe, Alfred Hitchcock, Frederick Stafford, Dany Robin

Claude Jade, John Forsythe, Alfred Hitchcock, Frederick Stafford, Dany Robin

Dany Robin, Claude Jade, Michel Subor, Frederick Stafford „Topas“

Claude Jade, Dany Robin „Topaz“

Dany Robin, Michel Subor, Claude Jade, Frederick Stafford

Dany Robin spielt an der Seite von Frederick Stafford dessen Agenten-Ehefrau, die von ihm mit einer kubanischen Agentin betrogen wird und sich dann ebenfalls in ehelicher Untreue revanchiert, ausgerechnet mit dem am Ende von ihr entlarvten Chef des Spionagerings „Topas“.

Dany Robin, Claude Jade, Frederick Stafford, Michel Subor in „Topas“


Dany Robin hatte nach einer Tanzausbildung Schauspielunterricht erhalten. Sie debütierte im Film bei Marc Allégret und erhielt von Marcel Carné in „Les portes de la nuit“ (1946) und von René Clair in „Le silence est d’or“ (1947) bereits erste größere Rollen, die sie schnell bekannt machten. 1947 spielte sie die weibliche Hauptrolle neben Louis Jouvet in Henri Decoins „Les amoureux sont seuls au monde“ und gab am Théâtre de l’Atelier in André Barsacqs Inszenierung von Anouilhs „L’inivation au château“ als Isabelle an der Seite von Michel Bouquet ihr Bühnendebüt. Bei den Dreharbeiten zu „La Passagère“ lernt sie 1949 Georges Marchal kennen, mit dem sie auch in „La Voyageuse inattendue“, „La Soif des hommes“, „Le Plus Joli Péché du monde“ und „Douze Heures de bonheur“ spielt. Robin und Marchal heiraten 1951 und spielen auch am Theater in „Le Grande Roue“.

Dany Robin und Georges Marchal drehen gemeinsam vier Filme


Zum Star des Französischen Unterhaltungsfilms wird sie mit Julien Duviviers „La Fête à Henriette“ (Auf den Straßen von Paris) mit Michel Auclair. Der poetische und amüsante Film eröffnet Dany Robin eine Karriere, in der sie auch mehrfach mit Jean Marais – in „Les amants de minuit“, „Julieta“ und in André Hunebelles „Les mystères de Paris“ – spielt. Dany Robin bleibt bis auf wenige Ausnahmen wie „Les Draguers“ von Jean-Pierre Mocky dem reinen Unterhaltungsfilm verbunden. Bereits 1953 in Anatole Litvaks „Act of Love“ Partnerin von Kirk Douglas, wird sie seit 1961 wiederholt im englischsprachigen Kino besetzt, neben Peter Sellers in „Waltz of the Toreadors“, in der britischen Carry-on-Komödie „Don’t Lose your Head“ und neben David Hemmings in „The Best House in London“.

Dany Robin dreht seit 1961 auch englischsprachige Filme


Kay Weniger im Großen Personenlexikon des Films: „Meist agierte sie als adrettes hübsches Mädchen, dessen stupsnäsiges Puppengesicht mit den treu blickenden Augen absolute, reine Unschuld verheißt.“

Claude Jade und Dany Robin beim Dreh zu „Topas“


Eben jener äußere Anschein von reiner Unschuld ist es, den auch ihre letzte Hauptrolle in Alfred Hitchcocks „Topaz“ ausstrahlt, bevor sie im letzten Drittel des Thrillers überraschend dem Leitmotiv „Jeder betrügt jeden“ entspricht. Bereits im Sommer 1968 sind Dany Robin als Ehefrau des Agenten und Claude Jade als beider Tochter besetzt.

Claude Jade und Dany Robin 1968


Im Spätsommer lernen sie sich bei Kostümproben in Paris kennen. Sie werden von Pierre Balmain in seine Räume an der rue Pierre-Charon bestellt und Claude Jade beschreibt Dany Robin als „charmant, hübsch, lebhaft und wortgewandt“. Sie wurde von der Journalistin France Roche begleitet, einer schönen, eher mondänen Frau, die Claude ignorierte, bis der Hausherr sich um sie zu kümmern begann: „Da ich sehr diskret war, hatte sie mich als geduldige Praktikantin in dem edlen Haus eingestuft und es nicht für nötig befunden, mich anzusprechen.“ Weitere Kostüme für die beiden Schauspielerinnen fertigte dann die legendäre Edith Head.

Claude Jade und Dany Robin am 8. Oktober 1968 am Stade Charlety



Ihren ersten gemeinsamen Drehtag haben sie an Claudes 20. Geburtstag, am 8. Oktober 1968, im Pariser Stade Charléty, wo die finale Szene des Duells zwischen Stafford und Michel Piccoli gedreht wird. Jenes Finale, bei dem der „Topas“-Chef Granville von einem Scharfschützen aus dem Hinterhalt erschossen wird, fällt nach Testscreenings aus der Endfassung und ist erst 1999 als alternatives Ende im Director’s Cut zu sehen.

Alfred Hitchcock, Claude Jade, Dany Robin

Frederick Stafford, Dany Robin, Claude Jade, Michel Subor und Michel Piccoli im Stade Charléty

Dany Robin, Frederick Stafford, Claude Jade

„A Duel?“, fragen Nicole (Robin) und Michèle (Jade) in der vorangehenden Szene erschrocken ihren Vater, „How idiotic“, kommentiert Michel Subor als Michèles Gatte und Nicoles Schwiegersohn François das Vorhaben. Das Testpublikum – selbst eher aus Idioten bestehend – kann ein Duell nicht nachvollziehen und pflichtet François bei, sodass Hitchcock ein neues Ende drehen muss.

Dany Robin, Michel Subor, Claude Jade

In der ersten Version beobachten Claude Jade und Dany Robin vor dem Stadion die Vorbereitungen zum Duell; am Ende schließen die Frauen den Helden des Films in die Arme, ein Motiv, das es auf Filmplakate und DVD-Cover schaffte, aber nicht in den fertigen Film.

Finale nach dem Duell: Frederick Stafford, Dany Robin und Claude Jade

 

Michel Subor, Claude Jade, Frederick Stafford, Dany Robin

Michel Subor, Claude Jade, Frederick Stafford, Dany Robin

Claude Jade, Frederick Stafford, Dany Robin


Zu Beginn sind Nicole und Michèle vergnügt, weil sie einige Tage gemeinsam in New York verbringen können. Immerhin sind es Michèles Flitterwochen. Doch wird die Familie von CIA-Mann Nordstrom (John Forsythe) besucht. Familienvater André muss für die Amerikaner Kubaner ausspionieren und hat mit der kubanischen Agentin Juanita (Karin Dor) eine Affaire.

Michel Subor, Claude Jade und Dany Robin im New Yorker Colony

Nicoles Befürchtung, André könne was mit Juanita haben, erfüllt sich. Bei der Rückkehr nach Paris weiß Tochter Michèle bereits von Papas Untreue, wenn sie ihn zu einer Party bei seinem Freund Jacques Granville begleitet: „Du weißt, dass Mutter dort sein wird? Wirst du mit ihr sprechen?“. „Sie hat mich verlassen und nicht ich sie“, schmollt André.

Jacques Granville (Michel Piccoli), Michéle (Claude Jade), André (Frederick Stafford) und Nicole (Dany Robin)

Jacques Granville (Michel Piccoli), Michéle (Claude Jade), André (Frederick Stafford) und Nicole (Dany Robin)

Michel Piccoli, Frederick Stafford, Claude Jade, Dany Robin

Michèles Versuch, die Eltern zu versöhnen, scheitert vorerst: „Maman, bitte, er ist in furchtbaren Schwierigkeiten“, bittet Michèle ihre Mutter, die konstatiert: „Es gibt nichts, was ich für ihn tun kann.“

Nicole verabschiedet sich von Granvilles Frau (Komparsin in Grün)


Wir erfahren bei der Party nebenbei, dass Granville zur Zeit der Résistance in Nicole verliebt war, die damalige Kameradin aber später seinen Mitstreiter André geheiratet habe. Kurz darauf taucht Dany Robin bei Michel Piccoli auf, küsst ihn und sagt, sie sei eine freie Frau. Auch dies spielt Dany Robin adrett lächelnd, stellt ihre bisherige Besorgnis in Frage, hat hier den Übergang zur Hitchcock-Blonde.
Erst als das Politische erneut Einzug in die Familie erhält kann „Topas“ enttarnt werden. François interviewt NATO-Mann Henri Jarré, um ihn zu entlarven. Als André und Michèle in dessen Wohnung eilen, entdeckt Michèle im Hof den toten Jarré (Philippe Noiret) und wir können davon ausgehen, dass François – wie im Roman von Leon Uris – ebenfalls tot ist.

Dany Robin, Claude Jade und Frederick Stafford in „Topaz“

Ihre verzweifelte Tochter umarmend und tröstend, bestätigt Nicole erneut, dass sie Andrés Job hasse.

Dann taucht der verletzte François auf und zeigt Michèle seine letzte Skizze von Jarré, den Nicole als einen Besucher von Granville erkennt und nun unter Tränen gesteht, dass sie wisse, wer der Chef von „Topas“ ist: ihr Liebhaber Jacques Granville. „It’s horrible. Horrible“.
In der Endfassung, in der Granville nach Moskau abreist und den Deveraux‘ zuwinkt, fragt Nicole, wie es möglich sei, dass man ihn so einfach gehen lassen könne, zwinkert André ihr zu: „Anyway, that’s the End of Topaz“.

Claude Jade, John Forsythe, Alfred Hitchcock, Frederick Stafford, Dany Robin


Dany Robin erscheint als klassische Kinoheldin mit Mut zum Pathos, gekleidet in edle Roben von Pierre Balmain und Edith Head. Abgesehen von den lächerlichen Perücken ist ein glanzvoller Abschied auf dem Höhepunkt ihrer Karriere.
Beim sechsmonatigen Dreh in Hollywood und in New York freunden sich Claude Jade und Dany Robin schnell an. In New York fanieren sie an der Fifth Avenue, gehen ins Musical „Oliver!“, Hitchcock besorgt ihnen Karten für die Metropolitan-Opera, wo sie „Tosca“ erleben.  Die 73jährige Coiffeuse Nelly Manley, die in der Maske gern davon schwärmt, bereits Marlene Dietrich frisiert zu haben, macht beide Schauspielerinnen etwas unglücklich, denn sie verleiht ihnen eine unpassende Künstlichkeit. Claude Jade: „Der leicht gewellte Pferdeschwanz, der in Paris bei Carita frisiert wurde, wird in ihren knorrigen Händen zu einem korkenzieherartigen Schweinchenchwanz, so fest drückt sie ihren Lockenstab. Dann sprüht sie reichlich Haarspray auf und wenn sie merkt, dass ein Haar absteht, spuckt sie auf ihre rosa lackierten Finger, bevor sie es glatt streicht. Ich finde das abstoßend. Sie ist sehr nett, aber Dany ‚leidet‘ auch. Nelly bereitet ihr schreckliche Perücken vor, die sie wie eine Puppe aussehen lassen und nicht annähernd so natürlich sind wie die Perücken, die Alexandre ihr in Paris angefertigt hat.“

Claude Jade und Dany Robin

Wenn sie mit Dany Robin ausgeht, nimmt Claude Jade ein wenig die Stelle ihrer 18jährigen Tochter Frédérique ein, die der Schauspielerin zur Zeit etwas fehlt. Dany Robin befindet sich gerade in Scheidung mit Georges Marchal. Der Buñuel-Star wird zehn Jahre später Claude Jades Vater in „Die Insel der dreißig Tode“ spielen und beide treffen erneut als Anwältin und Zeuge in „L’honneur d’un capitaine“ aufeinander. Dany ist zu jener Zeit glücklich, denn sie ist verliebt in Michael Sullivan, den sie „my little fox“ nennet, weil sein Gesicht etwas fuchsähnliches hat. Caude schreibt in „Baisers envolés“: „Wir waren sehr schnell befreundet. Ich hatte immer Glück mit meinen fiktiven Müttern.“ Sie gehen viel miteiander aus. Als ein Kellner in einem Restaurant Claude Jades Ausweis verlangt und der Zwanzigjährigen den Cocos-Cocktail verweigert, darf sie hinter dessen Rücken den von Dany Robin probieren.

Claude Jade, John Forythe, Alfred Hitchcock, Frederick Stafford, Dany Robin


Dany Robin und Claude unternehmen mit Claudes Schwester Annie, Dany Robins Sohn Robin und Omar Sharifs Sohn Tarek einen Neujahrsausflug in Sharifs Villa, wo sie mit Sharif, Barbara Parkins, Jacques Demy, Agnès Varda, Michel Legrand, Dany Saval, Maurice Jarre, Philippe Noiret, Monique Chaumette, Michel Subor, Frederick Stafford und Marianne Hold feiern. Die Feten mit den „Erwachsenen“ begeistern Claude ebenso wie die Frisur, die Nellie Manley ihrer Schwester Annie spendiert.

Dany Robin und Claude Jade in Alfred Hitchcocks „Topaz“

Einige Monate nach Ende des Drehs wird Claude Jade von Dany Robin nach London eingeladen, wo diese am 23. November den Produzenten und Agenten Michael Sullivan heiratet und nie wieder drehen wird. Heute vor 29 Jahren starb Dany Robin im Alter von 68 Jahren gemeinsam mit Michael bei einem Wohnungsbrand.

 

Japanisches Poster zu Alfred Hitchcocks „Topaz“

Alfred Hitchcock, Claude Jade, Dany Robin. Topaz

Dany Robin, Frederick Stafford, Claude Jade und Michel Subor in Alfred Hitchcocks „Topaz“ (Topas)

Tisch und Bett/Kramer gegen Kramer/Liebe auf der Flucht

Robert Bentons „Kramer gegen Kramer“ sollte nach Bentons Wunsch ein Film von François Truffaut werden. Das Berliner Kino Babylon zeigt heute um 22 Uhr Truffauts „Liebe auf der Flucht“ (L’amour en fuite) , den er stattdessen drehte. Ebenfalls heute zeigt Arte um 20:15 Bentons Film. Für Berliner ein Double Feature.

„Kramer gegen Kramer“ ist ein Beitrag des New Hollywood, das von der „Nouvelle Vague“ und bei Frauenfiguren von François Truffaut geprägt war, die selbstbewusster waren als die des alten Studiokinos. 1978 herrschte noch Aufbruch wie wir ihn bei Cassavetes und Rowlands bewunderten. Für Truffaut hatte Benton bereits „Bonnie und Clyde“ geschrieben. Truffaut sagte erneut ab.

Robert Benton im Gespräch mit Michael Althen: „Bei Kramer gegen Kramer habe ich ursprünglich gesagt, der bessere Regisseur dafür wäre Truffaut, aber ich würde gerne das Drehbuch schreiben. Truffaut war auch interessiert, hatte aber keine Zeit.“ Truffaut lehnte 1978 aus Zeitgründen ab, denn er bereitete bereits „Liebe auf die Flucht“ vor, die Fortsetzung zu „Tisch und Bett“ (Domicile conjugal), dessen Einfluss bei „Kramer gegen Kramer“ unverkennbar ist.

Es war die Epoche, in der es auch im US-Kino jene Natürlichkeit gab, die besonders gelingt, wenn Dustin Hoffman und sein Filmsohn „Arme Ritter“ (French Toast als Reminiszenz an „Baisers volés“, den Vorgänger zu „Tisch und Bett“ und „Liebe auf der Flucht“) zerbrechen und sie in eine Tasse Milch tunken. Ein improvisierter Akt, gegen den das Filmkind protestiert und dem Zusammenspiel eine Vertrautheit gibt, als wär es ein Film von Truffaut.

Truffauts Co-Autor Claude de Givray sagte 2001 in den DVD-Kommentaren zu Domicile conjugal: „Seit dreißig Jahren hat das Kino versucht, dass Frauen sich emanzipieren. Und dann kommt 1970 Claude Jade. Sie lacht, nein, sie lächelt, wenn sie ihre Vorwürfe vorbringt und dabei ein Taxi ruft. Sie erklärt den Männern: Ihr seid egoistisch, ihr seid scheinheilig, ihr lügt. François war einer der ersten, die diese Art Frau als Hauptrolle geschaffen haben und die Figur von Claude Jade ist wunderbar. Denn in ihrer Rolle zeigt sie im Kino vielleicht das erste Mal ganz natürlich, dass Frauen Forderungen erheben. Danach haben die Amerikaner es in den 70er Jahren auch gezeigt, Mazursky und Benton, der damals Truffaut sein Drehbuch schickte. Robert Benton und sein ‚Kramer vs Kramer‘ und Woody Allen haben in ,Domicile conjugal’ ihr Vorbild.“

Gene Siskel von der Chicago Times schrieb „Kramer vs. Kramer verliert nie seinen zurückhaltenden, realistischen Touch. Sie werden sich am Ende des Films fragen, warum wir nicht mehr Bilder wie diese sehen. Schließlich ist ihre Geschichte nicht so ungewöhnlich.“

Ohne Truffauts Regie wurde es kein Frauenfilm, so dass die in ihren Auftritten reduzierte Meryl Streep den „Best Supporting Actress“-Oscar erhielt. Da hatte Benton nun schon Truffauts Kameramann Almendros, der gezeigt hatte, welche Wirkung es hat, wenn Menschen gefilmt werden, die eine Treppe hinaufsteigen und vor der Verhandlung erhält Streep diesen gleichberechtigten Gang im Gerichtspalast nicht. Die Kamera fährt bei ihrer Ankunft nach oben und wir müssen Dustin Hoffman, dem ohnehin der ganze Film und die Sympathien gehören, folgen. Tatsächlich musste sich Meryl Streep durchsetzen, dem „Oger“, wie sie die Joanna nannte, etwas mehr Menschlichkeit verleihen zu dürfen. Und egal, wie schäbig sich Hoffmann am Set immer wieder gegen Meryl Streep laut deren Erinnerungen aufführte, zählten Kritiker auch seine Leistung zu seinen besten. An „Tisch und Bett“ erinnern auch die getrennten Gespräche übereinander, die bereits Woody Allen als Referenz an „Bed and Board“ in „Annie Hall“ angegeben hatte. Vivaldis Mandolinenkonzert ist von Benton dessen Verwendung für Truffauts „L’enfant sauvage“ entlehnt und weil Benton sicher war, François würde Regie führen, hatte er Néstor Almendros („L’enfant sauvage“, „Domicile conjugal“, „L’amour en fuite“…) als Kameramann engagiert. Almendros arbeitete auch später mit Benton und filmte Streep erneut in „Sophie’s Choice“.

Almendros und Streep sind empfehlenswert und als erneute Sicht auf das „New Hollywood“. „Kramer gegen Kramer“ ist leider als Zugeständnis an sein breites amerikanisches Publikum nicht frei von falscher Sentimentalität, aber ein ehrlicherer Gegenentwurf zu Schmonzetten ähnlicher Vater-Sohn-Thematik wie etwa „Der Champ“ von 1979.
Und auch die Gerichtsszenen sind antiquiert, denn 1978 gab es bereits die Möglichkeit des gemeinsamen Sorgerechts. Weshalb Truffaut für die Scheidung der Kramers keine Zeit hatte: seine Helden Claude Jade und Jean-Pierre Léaud aus „Geraubte Küsse“ und „Tisch und Bett“ lassen sich in „Liebe auf der Flucht“ zeitgleich zu Streep und Hoffman scheiden: als erstes Paar in der giscardschen Scheidung des beiderseitigen Einverständnisses. Und eben jene „Liebe auf der Flucht“ lief heute im Babylon.

Scheidung in beiderseitigem Einvernehmen: Statt „Kramer gegen Kramer“ drehte Truffaut „Liebe auf der Flucht“. Claude Jade, Jean-Pierre Léaud und Jean-Pierre Ducos

Babylon heute:
https://babylonberlin.eu/programm/festivals/truffaut/6912-truffaut-love-on-the-run?