110. Geburtstag Henri Langlois

Vor 110 Jahren wurde Henri Langlois (1914-1977), einer der Gründer der Cinémathèque Française, geboren. 1968 wird Langlois zum Politikum: Am 7. Februar – zwei Tage nach Drehbeginn zu „Baisers volés“ – erfährt François Truffaut, dass sein einstiger Förderer, der kultisch verehrte, doch als Leiter als „unaufgeräumt“ beurteilte Henri Langlois als Chef der Cinémathèque durch Pierre Barbin, einen Mann aus dem Gefolge des Kulturministers André Malraux ersetzt werden soll. Die einstigen Kinder der Cinémathèque und die Ehemaligen der „Cahiers du cinéma“, François Truffaut, Jean-Luc Godard, Jacques Rivette und Claude Chabrol, sind bereit, den Kampf um Langlois aufzunehmen. Unter Truffauts Leitung formiert sich ein aus mehreren Generationen bestehendes Komitee zur Rettung Henri Langlois’.

Auszug aus der „Biographie François Truffaut“ von Serge Toubiana und Antoine de Baeque

François Truffaut mobilisiert Filmschaffende aus aller Welt, die nun die Projektion ihrer Filme in der Cinémathèque untersagen, solange Langlois nicht wieder im Amt sei. Es solidarisieren sich unter anderem Jacques Tati, Jean Renoir, Josef von Sternberg, Charles Chaplin, Gloria Swanson, Akira Kurosawa, Jean-Pierre Mocky, Jerry Lewis, Roberto Rossellini, Fritz Lang, Richard Lester. Truffaut greift in Artikeln Malraux an. Am 12. Februar versammeln sich fast dreihundert Regisseure, Schauspieler, Kritiker und Filmliebhaber vor dem Eingang der Cinémathèque, mit François Truffaut, Jean-Pierre Léaud und Claude Jade an der Spitze. Sie blockieren den Zugang.

François Truffaut und Jean-Pierre Léaud mit Claude Jade (im Profil hinter Léaud) bei der Demonstration.


Nur zwei Tage später greift die Polizei ein. Etwa dreitausend Demonstranten treffen auf der Esplanade vor dem Trocadéro ein. Sie werden von dreißig Mannschaftswagen der Polizei und von mobilen Einsatztruppen eingekesselt. Die Polizei setzt Knüppel ein. Truffaut erleidet eine Gehirnerschütterung, Bertrand Taverniers Gesicht ist blutüberströmt… Die Demonstranten weichen der Staatsgewalt, doch die Öffentlichkeit solidarisiert sich mit ihnen. Der Kampf um Langlois wird im März zum Politikum, zwei Monate vor dem Pariser Mai. Und so entsteht der Film eher neben diesem Kampf, der Truffaut vollkommen einnimmt. In den DVD-Kommentaren erinnert sich Claude Jade: „François kam oft zu spät, er verpasste Proben; am Ende ist es ein kleines Wunder, dass der Film so wunderbar wurde.“

Mit dem Kampf um Langlois beschäftigt, dreht Truffaut seinen Film, der bereits im Vorspann auf den Kampf um die Cinémathèque verweist. Eine Kamerafahrt auf den Eingang des Filmmuseums endet auf dem Schild „Vorübergehend geschlossen“; darüber die Zueignung an Henri Langlois.

François Truffaut, Henri Langlois und Claude Jade bei der Premiere von „Baisers volés“. Fotos oben links: © Ulla Josephsson / ADAGP



Am 4. September erlebt „Baisers volés“ seine Premiere in der Cinémathèque française. Der alte und neue Hausherr Henri Langlois, dem der Film gewidmet ist, macht Truffaut einen Vorschlag. Er sähe das junge Paar gerne in einer Fortsetzung: „Verheiraten Sie Jean-Pierre Léaud und Claude Jade!“ François Truffaut dreht sie 1970 mit „Domicile conjugal“.

Baisers volés an François Truffauts 40. Todestag bei Arte

François Truffauts Todestag jährt sich heute zum 40. Mal. Arte nimmt zu Ehren des Regisseurs seinen Filmklassiker „Baisers volés“ (Geraubte Küsse) ins Programm.
Da „Domicile conjugal“ (Tisch und Bett) und „L’amour en fuite“ (Liebe auf der Flucht) in der Mediathek des Senders bereits  seit dem 1. Oktober ihren Platz haben, ist die Trilogie um Antoine Doinel (Jean-Pierre Léaud) und seine Freundin und spätere Frau Christine Darbon (Claude Jade) vollständig.

Die Trilogie des Paares Antoine und Christine in François Truffauts Doinel-Zyklus nun bei Arte

War die Filmkritik sich 1968 einig, dass „Baisers volés“ der beste französische Film des Jahres war, so wurde er kürzlich im Podcast von France Inter einmütig als bester Film von François Truffaut bezeichnet. Ein Aspekt von „Baisers volés“ sei François Truffauts Fähigkeit, die Grenze zwischen Autorenkino und Mainstream-Kino aufzuheben, sowohl Cineasten als auch das breite Publikum zu erreichen, ohne dabei den künstlerischen Anspruch zu opfern.
Die Ansage des Mannes, der Christine verfolgt und ihr am Ende im Beisein Antoines einen Antrag macht, spiegelt den gesamten Film wider: witzig, berührend, überraschend und sogar absurd. Truffaut selbst sagte: „Mit den Jahren, die vergehen, glaube ich, dass diese letzte Szene aus Baisers volés, die mit viel Unschuld gemacht wurde, ohne dass ich selbst wusste, was sie aussagen wollte, fast zu einem Schlüssel für alle Geschichten wird, die ich erzähle.“ Heute wissen wir von François Truffauts Heiratsantrag an seine Hauptdarstellerin.

Jean-Pierre Léaud, Claude Jade, François Truffaut Baisers volés

Der Filmdienst schrieb im Januar 2007 in seinem Nachruf auf Claude Jade, Truffaut habe seiner Hauptdarstellerin am Ende von Baisers volés eine der schönsten Liebeserklärungen des Kinos gemacht: Der Unbekannte, der ihr am Ende einen Heiratsantrag macht und dann geht, ist wie Doinel ein Alter ego Truffauts.


Der Filmkritiker und Regisseur Hans-Christoph Blumenberg sprach dazu 2024 im Podcast „François Truffaut – Der Mann, der die Frauen liebte“ im Gespräch mit Josef Schnelle, wie grausam es war, dass er Claude Jade kurz vor der geplanten Hochzeit sitzen ließ (mehr dazu bei „Geraubte Küsse“ und in der Animation Smartphone von François Truffaut von INA und Libération) und dennoch immer wieder mit ihr Filme drehte. Filmhistoriker Robert Fischer ergänzt, dass er manche Hauptdarstellerinnen zweimal und Claude Jade sogar dreimal besetzte. Im ersten Film sei es immer die Geschichte eines Mannes, der im Begriff ist, sich in diese Frau zu verlieben und der zweite Film ist jeweils der Film eines Mannes, der bereits der Freund oder Partner dieser Person ist. Nach Ablauf des Podcasts sind die Gespräche von Josef Schnelle mit Robert Fischer, Hans C. Blumenberg, Gertrud Koch und  Michael Klier im April 2025 als „Der Mann, der das Kino liebte“ bei Schüren erschienen.
Dank Arte kann dann auf „Baisers volés“ jener Film folgen, von dem Henri Langlois, dem Baisers volés gewidmet ist, sich wünschte, dass Antoine und Christine heiraten: „Domicile conjugal“.

Animation „Baisers volés – Geraubte Küsse“ von Gabrielle Selnet

Ebenfalls in der Arte Mediathek ist eine einminütige Animation der Regisseurin Gabrielle Selnet mit ihrer eigenen Sicht auf den Filmklassiker, die Arte zu François Truffauts Todestag am 21. Oktober 2004 in der Reihe Short Cuts ausstrahlte.

„Baisers volés“ (Geraubte Küsse) als einminütige Animation von Gabrielle Selnet

Short Cut Baisers volés Arte France
Short Cut Geraubte Küsse Arte deutsch

François Truffaut, Claude Jade und Jean-Pierre Léaud

„Als junger Schauspieler neigt man oft dazu, Dinge tun zu wollen, bevor man sie spürt.“ (Claude Jade) arte-Magazin Oktober 2024

„Als junger Schauspieler neigt man oft dazu, Dinge tun zu wollen, bevor man sie spürt.“ (Claude Jade) arte-Magazin Oktober 2024

mehr zum Film hier
Baisers volés – Geraubte Küsse

ab heute, 21. Oktober bis 4. November in der Mediathek „Baisers volés“ (Geraubte Küsse)
Ausstrahlung 21:40

Geraubte Küsse (deutsche Fassung)
https://www.arte.tv/de/videos/011587-000-A/geraubte-kuesse/
Baisers volés
https://www.arte.tv/fr/videos/011587-000-A/baisers-voles/

Seit dem 1. Oktober 2024 bis zum 1. Februar 2025 in der Arte Mediathek:
Tisch und Bett (deutsche Synchronfassung)
https://www.arte.tv/de/videos/011981-000-A/tisch-und-bett/
Domicile conjugal
https://www.arte.tv/fr/videos/011981-000-A/domicile-conjugal/
Liebe auf der Flucht (deutsche Synchronfassung)
https://www.arte.tv/de/videos/045938-000-A/liebe-auf-der-flucht/
L’amour en fuite
https://www.arte.tv/fr/videos/045938-000-A/l-amour-en-fuite/

Oktober 2024

„Jedes Jahr, wenn der Oktober wiederkehrt, entsteht in mir in der Herzgegend eine kleine Erwärmung: Ah, Oktober, das wird Claudes Geburtstag sein.“ (François Truffaut, 1982)
„Chaque année, lorsque revient le mois d’octobre, un petit réchauffement se produit en moi dans la région du cœur: Ah, octobre, cela va être le birthday de Claude.“ (François Truffaut, 1982)

Heute vor 76 Jahren wurde Claude Jade geboren.

Am 21. Oktober 2024 jährt sich zum 40. Mal François Truffauts Todestag. Arte ehrt ihn und gibt die Möglichkeit zu einem Wiedersehen mit des Chronik des Paares Antoine Doinel und Christine Darbon. Seinen schönsten Film „Baisers volés“ (Geraubte Küsse) zeigt Arte am 21. Oktober, gefolgt von einem Porträt des Schauspielers Jean-Pierre Léaud. Bereits ab dem 1. Oktober sind die beiden weiteren Filme „Domicile conjugal“ (Tisch und Bett) und „L’amour en fuite“ (Liebe auf der Flucht) in der arte Mediathek zu entdecken oder wiederzuentdecken.

Zwar werden die Filme immer wieder in französischen und deutschen Kinos gezeigt, ob nun zu einer Hommage an Claude Jade im Berliner Kino Lichtblick, bei einer Jean-Pierre-Léaud-Retrospektive in Düsseldorf oder in etlichen Reihen zu Ehren von François Truffaut im Berliner Babylon. Zu Truffauts 30. Todestag zeigten in Paris die Cinémathèque und in Berlin das Lichtblick Truffaut-Werkschauen  . Doch im Fernsehen waren sie zuletzt vor zwölf Jahren zu sehen.

Arte zeigt im Oktober und November 2024 die François-Truffaut-Filme „Baisers volés“, „Domicile conjugal“ und „L’amour en fuite“ mit Jean-Pierre Léaud und Claude Jade.

Seit dem 1. Oktober 2024 bis zum 1. Februar 2025 in der Arte Mediathek:
Tisch und Bett (deutsche Synchronfassung)
https://www.arte.tv/de/videos/011981-000-A/tisch-und-bett/
Domicile conjugal
https://www.arte.tv/fr/videos/011981-000-A/domicile-conjugal/
Liebe auf der Flucht (deutsche Synchronfassung)
https://www.arte.tv/de/videos/045938-000-A/liebe-auf-der-flucht/
L’amour en fuite
https://www.arte.tv/fr/videos/045938-000-A/l-amour-en-fuite/

Vom 21. Oktober bis 4. November dann auch „Baisers volés“ (Geraubte Küsse)

Geraubte Küsse (deutsche Fassung)
https://www.arte.tv/de/videos/011587-000-A/geraubte-kuesse/
Baisers volés
https://www.arte.tv/fr/videos/011587-000-A/baisers-voles/

 

François Truffaut, Jean-Pierre Léaud und Claude Jade. Baisers volés

Mehr Informationen hier:

Baisers volés (Geraubte Küsse)

Domicile conjugal (Tisch und Bett)

L’amour en fuite (Liebe auf der Flucht)

Zum 17. Todestag: Triomphe Révélation de la Nuit du cinéma – die Entdeckung des Jahres 1970

Der 1. Dezember 2006  ist ein Tag des Verlusts für alle, die Claude Jade liebten.

„François Truffaut l’insoumis“ (Alexandre Moix, 2014)

„Sie war die Inkarnation der Eleganz, der Einfachheit und des Charmes Frankreichs“, so Kulturminister Donnedieu de Vabres über Claude Jade: „Sie bleibt ein Vorbild für Generationen von Schauspielern, die an dieses ‚fichu métier‘ glauben.“ Véronique Cayla, vom Centre National de la Cinématographie, heute Präsidentin Arte, würdigte „eine große Schauspielerin, die diskrete Anmut der jungen Französin, eine Schauspielerin von sanftem Strahlen, die ihre Klarheit in ihrem Beruf immer intakt gehalten hat.“ Monate zuvor hatte sie ihre letzte Vorstellung als Célimène.

Heute eine Erinnerung an eine ihrer Auszeichnungen zwischen Prix de comédie 1966 und dem 1998 verliehenen Orden „Chevalier de la legion d’honneur“ an die Schauspielerin, deren Namen seit zehn Jahren eine Allée in Dijon trägt und der Alexandre Moix 2014 seinen Film „François Truffaut l’insoumis“ gewidmet hat.

„Ein Star ist geboren“, schreibt „Un Jour“, nachdem Claude Jade am 17. Dezember 1970 den „Triomphe Révélation de la Nuit du cinéma“ erhalten hat. Die Césars waren noch nicht von Georges Cravenne geschaffen, aber ein Kommité traf sich jedes Jahr, um Schauspielerpreise zu verleihen. Dieser Preis war ein wenig das Äquivalent zum heutigen César „Meilleur espoir“.

In „Un Jour“ schreibt Marie-Catherine Verneuilles: „Claude Jade, ein Star ist geboren. Sie ist bereits mehr als eine Hoffnung: Am 17. Dezember erhielt sie den „Triomphe-Révélation“ der XX. Nacht des Kinos. Das Jahr 1970 hat uns also, bevor es zu Ende ging, Recht gegeben, in Claude Jade eines der vielversprechendsten Lächeln und Talente in der der Schauspielwelt gesehen zu haben.“

Verneuilles beschreibt in ihrer Würdigung den Versuch, das Geheimnis Claude Jade zu ergründen:

„Wenn man Claude Jade zum ersten Mal begegnet, fällt einem als Erstes ihre natürliche Ausstrahlung auf. Ein sicheres Lächeln und klare, helle Augen, deren Grund man nicht genau kennt. Die Anmut, die Art, sich im einfachen Glück wohlzufühlen, und schließlich die Frische des Teints.
Sie wurde 1948 in einer Akademikerfamilie in Dijon geboren. Die Nachkriegszeit ist drei Jahre alt. Nach dem Ende der Okkupation, dem großen Zwischenspiel, wollte Frankreich die verlorene Ruhe der früheren Jahre wiederfinden. Die Augen des kleinen Mädchens öffnen sich vor dem Horizont einer Landschaft, die geprägt ist von burgundischen Obstplantagen, in denen noch immer die Erntezeit herrscht. Das ist die Kulisse. Der erste Akt ist dem süßen Leben gewidmet.
Wenn man sie über ihre Kindheit sprechen hört, glaubt man, die unendlichen Tonleitern, die Diabelli-Übungen und eine kleine Sonate von Mozart zu hören. Do mi sol si la ré do … Man stellt sich sofort die junge Gymnasiastin ohne Furcht und Tadel vor, die ihr Baccalauréat mit Auszeichnung ablegt.

Woher kommt ihre Vorliebe für das Abenteuer Theater? Zweifellos aus einer künstlerischen Neigung. Hatte sie in Straßburg nicht einen Großvater, Émile Schneider, den Maler? Claude zeichnet und beim Lesen sind es die Heldinnen von Marivaux und Musset … “

Verneuilles beschreibt in ihrer Würdigung die Etappen von Claude Jades Werdgang, die drei Jahre Schauspielschule am Conservatoire, wo sie den ersten Preis für Schauspielkunst erhält, die Kurse bei Jean-Laurent Cochet am Théâtre Édouard VII in Paris, die Entdeckung durch Jean Dewever für die Fernsehserie „Les oiseaux rares“ und wie sie von den Kritikern für ihr Pariser Theaterdebüt in Sacha Pitoëffs „Henri IV“ als „jeune première“ gefeiert wird – und schließlich Truffaut.

„Truffaut holt sie vom Theater, und zwingt sie, ihre Natürlichkeit wiederzufinden. In „Baisers volés“ ist sie die junge Geliebte von Antoine Doinel, Monate später setzt Truffaut die Chronik des Paares fort und verheiratet Claude Jade und Jean-Pierre Léaud in  „Domicile conjugal“.

Diese wenigen Monate in Paris haben Claude verändert. Es dauerte nur wenige Monate… und einen Liebeskummer. Einer dieser großen Kummer von dem Heine sagt, dass man ihn zu kleinen Liedern macht. Sie profitiert daraus : – Es ist schön, wenn man darüber hinwegkommt.

Claude verlässt Truffaut für Hitchcock und Hitchcock für Molinaro und Brel in „Mein Onkel Benjamin“ und wieder Truffaut. Letzte Etappe ist „Le bateau sur l’herbe“ von Gérard Brach, in der sie ein junges Mädchen, das zu unbedarft ist, um nicht pervers zu sein, und das in aller Unschuld Zwietracht zwischen zwei Freunden, Jean-Pierre Cassel und John McEnery sät.

Révélation 70: Claude Jade auf dem Cover von Un Jour

Claude Jade ist am Ende des ersten Aktes angelangt, nachdem Claude Dauphin ihr den „Triomphe Révélation de la XXV Nuit du Cinéma“ überreicht hat. Sie wurde einstimmig von einer umsichtigen Fachjury gewählt und ist zweifellos zum Erfolg bestimmt.
Diese beispielhafte Wahl ist ebenso gerecht wie paradox. Sie ist gerecht, weil man mit der Auszeichnung zweifellos die „jeune première“ würdigt, die mit kaum drei Filmen ein Publikum erobert hat. Paradox ist, dass sie inmitten einer exzessiven, gewalttätigen Zeit, die mit Genuss turbulentere Töne spielt, eine Schauspielerin auszeichnet, die Sanftheit mit gutem Geschmack und Spontaneität mit Maß verbindet.

Nur ein französisches Publikum konnte durch eine Jury die Mode auf die Schippe nehmen und etwas glorifizieren, dessen Überleben man uns hartnäckig vorenthält: – das junge französische Mädchen.

Das Geheimnis von Claude Jade muss man wohl im kühlen Schatten der Provinz suchen.  Vielleicht liegt es auch daran, dass sie ihre Rolle richtig gewählt und gespielt hat … Wie andere, für die Soubretten und perverse Naive genau das Richtige sind, konnte sie perfekt „das junge Mädchen“ sein. Dieser Traum, der im Herzen eines jeden Menschen schlummert. Die kleine Verlobte, die sich alle Mütter in Frankreich im Verborgenen ihres Herzens als Schwiegertochter wünschen. Um mehr über sie zu sagen, müsste man sicher Giraudoux sein, Romeo am Fuße des Balkons, und eloquent über die Frische des Morgens sprechen können.“

Auswahl der etwa 80 Rollen, die Claude Jade vor Filmkameras gespielt hat.

Adieu à Claude Jade

Netflix zeigt 12 Filme von François Truffaut

Ab dem 24. April strahlt der amerikanische Streaming-Dienst Netflix ein Dutzend Filme von François Truffaut aus.
Dies meldete Figaro am 20. 04. 2020

Netflix, FRancois TRuffaut, Doinel, MK2, Claude Jade

Unter den Werken auch die drei Filme mit Claude Jade aus dem Doinel-Zyklus, „Geraubte Küsse“, „Tisch und Bett“ und „Liebe auf der Flucht“.

Les 400 coups
Tirez sur le pianiste
Jules et Jim
La peau douce
Fahrenheit 451
Baisers volés
Domicile conjugal
Les deux anglaises et le continent
L’amour en fuite
Le dernier métro
La femme d’à côté
Vivement Dimanche !

Le Figaro schreibt: François Truffaut, definierte das Kino wie folgt: „Lassen Sie hübsche Frauen hübsche Dinge tun.“ Die Anthologie von Netflix zeigt, wie sehr er dieser schönen Idee zu folgen. Neflix-Abonnenten können so den undefinierbaren Charme von Françoise Dorléac (Die süße Haut), die eisige Schönheit von Catherine Deneuve (Die letzte Metro), die hieratische Verführung von Fanny Ardant (Die Frau nebenan), die bewegende Unschuld von Claude Jade (Geraubte Küsse) und das verstörende Gesicht von Julie Christie (Fahrenheit 451) überprüfen.

Die Zusammenarbeit mit Netflix und MK2 beginnt die Filmkunst-Reihe mit François Truffaut, es werden Werke von Jacques Demy, Xavier Dolan, David Lynch und Charles Chaplin folgen.
Die zwischen Netflix und MK2 geschlossene Partnerschaft betrifft einen Katalog von 50 Filmen unter der Regie von François Truffaut, Charlie Chaplin, Alain Resnais, David Lynch, Emir Kusturica, Jacques Demy, Michael Haneke, Xavier Dolan, Steve McQueen und Krzysztof Kieslowski.
Ob die Werke auch im deutschen Neflix gezeigt werden, ist noch nicht bekannt.

 

Le Monde: Netflix Truffaut

Le Figaro: Netflix annoblit son catalogue avec les films de François Truffaut

Netflix va diffuser des films de Truffaut et d’autres classiques français

Les Echos – Netflix Truffaut Doinel

Allo cine Truffaut 12 films Netlix

 

Le Monde: Truffaut sur netflix

François Truffaut – Filmmaker in der Cinémathèque

Der britische Dokumentarfilm „François Truffaut – Film Maker“ wird am 4. März 2020 in der Cinémathèque Française gezeigt.
Der 60minütige Film begleitet Truffaut bei den Dreharbeiten zu „Die amerikanische Nacht“ und wird ergänzt durch Interviews mit Catherine Deneuve, Claude Jade und Jeanne Moreau.
Der Dokumentarfilm lief erstmals am 28. Oktober 1973 auf BBC One in der Reihe „Omnibus“.

Die Vorstellung in der Cinémathèque beginnt um 21 Uhr im Salle Jean Epstein. Jérôme Wybon eröffnet die Veranstaltung, im Anschluss an „François Truffaut, Film Maker“ läuft die Doku „Jean-Pierre Melville, artisan“


 

 

1500:

Vivement Truffaut Écoles Cinéma Club Nov/Dez 2019

Ab heute, 13. 11. 2019, bis zum 3.12., zeigt der écoles Cinéma Club in Paris eine Retrospektive der Filme von François Truffaut, und mit „Die unheimliche Begegnung der dritten Art“ auch einen, in dem Truffaut nur als Schauspieler auftritt.

Vivement Truffaut, ecole cinema paris, Francois Truffaut, cycle Antoine Doinel, Jean-Pierre Leaud, claude jade

Den Anfang macht „Les 400 Coups“ (Sie küssten und sie schlugen ihn). Die drei Doinel-Filme mit Claude Jade laufen an sechs Tagen.
„Baisers volés“ (Geraubte Küsse):
16. November 14:00 und 18:00
26. November 16:15 und 20:10
„Domicile conjugal“ (Tisch und Bett/Das Ehedomizil):
17. November 15:45 und 19:30
27. November 13:50 und 17:25
„L’amour en fuite“ (Liebe auf der Flucht):
21. November 14:00 und 19:00
01. Dezember 16:30 und 21:30

Die Filme laufen im écoles Cinéma Club, 23, rue des Ecoles 75005 Paris.
Alle weiteren Vorstellungen der Reihe „Vivement Truffaut“ sind hier veröffentlicht.

Geraubte Küsse im Babylon Berlin

In der Reihe 60’s France zeigt das Berliner Kino Babylon an drei Abenden „Geraubte Küsse“ (Baisers volés) von François Truffaut mit Jean-Pierre Léaud und Claude Jade.

Babylon berlin kino geraubte kuesse truffaut

babylon berlin kino geraubte kuesse
In der Reihe laufen neben „Geraubte Küsse“ außerdem „Jules und Jim“, „Zwei oder drei Dinge, die ich von ihr weiß“, „Belle de jour“, „Letztes Jahr in Marienbad“, „Paris gehört uns“, „Außer Atem“, „Cleo – Mittwoch zwischen 5 und 7“, „Le Bonheur“,  „Alphaville“, „Maskulin feminin“, „Zazie“, „Schießen Sie auf den Pianisten“ und „Die Regenschirme von Cherbourg“.

„Geraubte Küsse“ läuft
Freitag, 09.08.2019 um 19.30
Montag, 12.08. um 20.00
Freitag, 16.08. um 18:15
Kino BABYLON Berlin, Rosa-Luxemburg-Straße 30, 10178 Berlin

https://babylonberlin.eu/programm/festivals/60-s-france/2492-60-s-france-geraubte-k-sse

baisers voles  stolen kisses francois truffaut claude jade jean-pierre leaud

Jean-Pierre Léaud 75

Jean-Pierre Léaud feiert heute seinen 75. Geburtstag. Gefeiert wurde Léaud im letzten Jahr mehrfach: Das Filmmuseum Düsseldorf widmete ihm eine umfangreiche Retrospektive und zum 50. Jahrestag von „Baisers volés“ erschien in der Reihe „Les meilleurs films de notre vie“ in Frankreich und Italien ein Buch über François Truffauts poetisches Meisterwerk.

Seit diesem Film und mit seinen beiden Fortsetzungen „Domicile conjugal“ und „L’amour en fuite“ sind Jean-Pierre Léaud und Claude Jade eines der wichtigsten Paare der Filmgeschichte. Vor kurzem erschien bei „Les Echos“ ein Artikel über das Einfärben von Fotos durch Künstliche Intelligenz. Neben Motiven vom Eiffelturm, der Landung der Allierten 1944 und der Mädchenschule in Singapur von 1890 gibt es vier Ikonen: Neben Marilyn Monroe und dem Rennfahrer Eddie Merckx das Filmpaar Jean-Pierre Léaud und Claude Jade.

Jean-Pierre Léaud ist auch bei Claude Jade François Truffauts filmischer Stellvertreter.

Jean-Pierre Léaud ist das Gesicht der Nouvelle Vague und das Gesicht des Französischen Films der 60er und 70er Jahre. Und auch wenn er oft mit Truffauts Widerpart Godard gedreht hatte, bleibt er im Gedächtnis des Kinos Antoine Doinel.
„Im zwanzigsten Jahrhundert hat es im Grunde nur einen geglückten Versuch gegeben, Marcel Prousts „Suche nach der verlorenen Zeit“ ins bildliche Medium zu übertragen, eben Truffauts Doinel-Zyklus.“, schrieb „Die Zeit“.
Er war Truffauts Double, auch bei Claude Jade. Denn mit „Baisers volés“ begann auch die Chronik eines Paares: Antoine und Christine. Die für Juni 1968 geplante Hochzeit zwischen François und Claude wurde abgesagt, doch auf der Leinwand wurde aus Antoine und Christine ein Ehepaar.

Christine (Claude Jade) und Antoine (Jean-Pierre Léaud) aus „Geraubte Küsse“ heiraten in „Tisch und Bett“

Das Trio der „Baisers volés“: François Truffaut, Claude Jade, Jean-Pierre Léaud

Ein Ehepaar, das eigentlich noch zu jung ist, so als seien Kinder durch eine Tür getreten und zu früh erwachsen. So spielen sie Erwachsene.
Claude Jade beschreibt in „Baisers envolés“ die Zeit der Arbeit zu „Domicile conjugal“: „Wir arbeiten viel und lachen auch viel. François ist für Jean-Pierre und mich sehr präsent, es wird eine engere Komplizenschaft und Jean-Pierre akzeptiert das Duzen. Er ist jovial, fröhlich und entspannt. Er wohnt die ganze Zeit bei François, der ihn ans Set mitnimmt und sich wie ein Vater um ihn kümmert. Es ist auch sehr lustig zu hören, wie die Leute aus der Nachbarschaft zu François sagen: „Oh schau, wir haben neulich deinen Sohn gesehen!“
Es stimmt, dass Jean-Pierre ihm in dieser Zeit ähnelt; er trägt die gleichen Anzüge, die gleichen Hemden, die gleiche Jacke, den gleichen Mantel. Die Ähnlichkeit ging so weit, dass auch seine Handschrift der von François nahe kam. Wenn Journalisten schrieben, dass Doinel Truffauts Doppelgänger ist, meinen sie auch Jean-Pierre, bei dem Rolle und Darsteller verschmolzen. Ihre enge Freundschaft ist ein verstörendes Spiegelspiel, das Pirandello interessiert hätte.“
Und wenn Truffaut Claude Jade und Jean-Pierre Léaud als seine „Contemporains“ bezeichnete, nannte er seine einstige Verlobte auch bis zuletzt „ma troisième fille“.

Längst sind Antoine und Christine Ikonen, ihre beiden Schauspieler Jean-Pierre Léaud und Claude Jade sind Kulturgut, dessen sich Filmemacher und Autoren bedienen. Bei Christophe Honoré werden sie in seinem Film „Les chansons d’amour“ zitiert.

Auch im Roman „Niemand“ finden sie Einzug, wenn Gwenaelle Aubry in den beiden Kindern, „dem fahrigen dunkelhaarigen jungen Mann mit seinen engen Pullis und seinen anliegenden Jacken“ und in der „sehr jungen Frau mit dem Rehgesicht“ ein Paar sieht, das aus dem Erwachsenenspielen nicht herausgefunden hat, „“ihre darunter noch so spürbare Kindheit, den Eindruck, lebhaft wie eine Reminiszenz zweier Kinder, die Mama und Papa spielen wie Claude Jade mit ihrer Pelzmütze und ihrem Einkaufsnetz als Hausfrau verkleidet, die stolz wie ein kleines Mädchen darauf besteht, mit „madame“ angesprochen zu werden ….“

Und auch in David Foenkinos Roman „Unsere schönste Trennung“ erscheinen die beiden: „Wir beschlossen, in einem Gebäude mit großem Innenhof eine Wohnung zu beziehen. Ich weiß nicht, warum ich mein Leben immer mit dem von Antoine Doinel vergleiche, auf alle Fälle kam es mir vor, als sei ich am Ende der geraubten Küsse angekommen. Als würde mein Leben in den ehelichen Hafen einfahren. Alice hatte zudem soviel von Claude Jade, vor allem wenn sie schlief. Mir gefiel, wenn sie Röcke im Retro-Look trug und wir im orangefarbenen Stil der 70er Jahre lebten. Das Leben bleibt doch immer das gleiche.“

Mit „Liebe auf der Flucht“ blieb die Chronik beendet, Claude Jade und Jean-Pierre Léaud teilten sich beim Festival von Cannes ein Jahr nach Truffauts Tod noch einmal die Bühne – zu einem Foto der Filmfamilie von François.

Jean-Pierre Léaud (erste Reihe, 2. v.r.) und Claude Jade (r.) 1985 in Cannes

Von Daniel Cohn-Bendit, der 1968 mit Truffaut, Claude Jade und Jean-Pierre Léaud vor der Cinémathèque demonstrierte, wurde 1986 der Versuch einer Fortsetzung unternommen. Er kontaktierte Claude Jade und auch Léaud, doch das Projekt kam nie zustande. Ein Drehbuchentwurf Truffauts schilderte das „Tagebuch von Alphonse“, in dem es nur noch Christine und ihren gemeinsamen Sohn mit Antoine, Alphonse Doinel, gab. Daraus wurde 2004 ein Hörspiel mit Claude Jade und Stanislas Merhar – ohne Jean-Pierre Léaud.
Den letzten gemeinsamen öffentlichen Auftritt hatten beide 2005 beim Festival von Angers. Claude Jade starb 2006, Jean-Pierre Léaud dreht noch immer Filme, in seinem jüngsten Film von 2019, „C’è tempo“, spielt er als Gast sich selbst. Eine Reminiszenz an Antoine Doinel, der er bleiben wird, ein ewig junger Träumer.

jean-pierre leaud, claude jade

Bruno Pradal

„Mon ami, mon presque frère“ nennt Claude Jade Bruno Pradal in ihren Memoiren „Baisers envolés“.

Bruno Pradal und Claude Jade in "Une petite fille dans les tournesols"

Bruno Pradal und Claude Jade in „Une petite fille dans les tournesols“

Heute vor 26 Jahren, am 19. Mai 1992, starb der Schauspieler bei einem Autounfall. Seit dessen Filmruhm als Partner Annie Girardots in „Mourir d’aimer“ (Aus Liebe sterben) kennen sich Claude und der in Marokko aufgewachsene  Bruno von den „Wochen des französischen Films“.

Bruno Pradal mit Annie Girardot in „Aus Liebe sterben“

1978 lieh Bruno ihr seine Stimme, als Claude Jades Athene sich in „Ulysse est revenu“ in einen bärtigen Hirten verwandelte. Ihren ersten gemeinsam Film drehten sie 1983: „Une petite fille dans les tournesols“ (Ein kleines Mädchen in den Sonnenblumen).

Bruno Pradal Claude Jade "Une petite fille dans les tournesols" film 1984

Bruno Pradal und Claude Jade als Ehepaar Daniel und Marelle

Bruno Pradal hat nur wenige Auftritte als verstorbener Mann der Heldin Marelle. Bernard Fériés Drama um Trauerbewältigung führt Claude Jade in die Orpheus-Sage: Hier ist es Eurydice, die sich nicht umdrehen darf, so sehr der Tote sie auch darum anfleht.

Bruno Pradal Claude Jade "Une petite fille dans les tournesols" film 1984

Szenen mit Claude Jade und Bruno Pradal aus „Une petite fille dans les tournesols“

Etwa zur gleichen Zeit erhielt Claude Jade einen Brief von François Truffaut: „Ich habe begonnen, die andere Seite des Spiegels zu betreten; nicht im Sinne von Alice im Wunderland – vielmehr im Sinne des Orpheus in den Filmen von Cocteau… Madame la Mort reichte mir die Hand“.

Bruno Pradal und Claude Jade in „Une petite fille dans les tournesols“

Der poetische Film um Trauer und Schmerz entstand im Gers, nahe den Pyrenäen, wo Claude 1974 gemeinsam mit Ehemann Bernard und Bruno Pradal zu Jacques Chancels „Rallye des Gaves“ eingeladen war.

Zwischen den Dreharbeiten zu „Une petite fille dans les tournesols“ und dessen TV-Premiere im Dezember 1984 ist es Bruno Pradals Frau Joëlle, die Claude Jade am Morgen des 22. Oktober 1984 in Nicosia anruft und Claude im fernen Zypern vom Tod François Truffauts erfährt.

Bruno Pradal und Claude Jade

1988 ist Claude Jade in Catherine Decours‘ Stück „Regulus 93“ die berühmte Marquise Marie-Renée de Bonchamps, die von Pierre Haudaudine (Bruno Pradal) vor der Hinrichtung gerettet wird. Die Befreiung der Marquise durch Haudaudine in den Tagen der letzten Vorstellungen ist auch die Befreiung Claude Jades von ihrem jahrelangen Stalker. Er konnte endlich verhaftet werden.

Über den Terror, den auch Bruno Pradal miterlebte, als der Stalker an einen Journalisten von Europe 1 meldete, Claude und Bruno seien tot in ihren Hotelzimmern aufgefunden worden, demnächst mehr in diesem Blog.

Bruno Pradal, Yann Pradal

Mit seinem Tod hinterließ Bruno Pradal auch seine zwei Kinder aus der Ehe mit Joëlle, Tochter Lucie und Sohn Yann Pradal, der ebenfalls Schauspieler wurde.

Claude Jade: „Bruno Pradal, mon ami, mon presque frère“

Die letzte gemeinsame Arbeit von Claude Jade und Bruno Pradal ist ein Fernsehfilm von Stéphane Bertin aus der Reihe „Histoires d’amour“. Sein Titel: „L’éternité devant soi“.